Die Verkündung der Setzliste sorgt im Vorfeld von Wimbledon regelmässig für Gesprächsstoff. Denn das älteste Tennis-Turnier der Welt gönnt sich die Extravaganz, von der Weltrangliste abzuweichen und die Setzung von einem eigens einberufenen Komitee festlegen zu lassen. Bei den Männern sorgt eine Formel, welche die auf Rasen erzielten Resultate höher gewichtet, für klare Verhältnisse. So führt Titelverteidiger Roger Federer die Setzliste bei der heutigen Auslosung an, obwohl er den ersten Platz der Weltrangliste wieder verloren hat.

Anlass zu Diskussionen gibt das nur darum nicht, weil das Prozedere nachvollziehbar ist und die Weltrangliste im Kern respektiert wird: Wer innerhalb der ersten 32 Positionen klassiert ist, wird gesetzt. Anders gelagert ist der Fall bei den Frauen, bei denen eine ähnliche Regelung fehlt. Entsprechend zurückhaltend ist das Komitee: Im Vorjahr gab es keine Änderung, in diesem Jahr nur eine einzige. Doch diese birgt Zündstoff: Serena Williams (WTA 183) wird an Position 25 geführt. Opfer ist die Slowakin Dominika Cibulkova (WTA 32), die nun in der Startrunde auf eine Gesetzte treffen kann. «Es ist unfair. Ich habe alles dafür getan und verliere nun meinen Platz. Es ist mein Recht, gesetzt zu sein.»

Ist auch aus Sicht der Organisatoren der Favorit in Wimbledon und deshalb als Nummer 1 gesetzt: Roger Federer

Ist auch aus Sicht der Organisatoren der Favorit in Wimbledon und deshalb als Nummer 1 gesetzt: Roger Federer

Der Verdacht der Willkür

Es ist offensichtlich, dass hier mit zwei Ellen gemessen wird. Hier die Amerikanerin, die das Turnier zwischen 2002 und 2016 sieben Mal gewonnen hat. Die dem Tennis-Zirkus wegen ihrer Schwangerschaft aber auch über ein Jahr fernblieb. Dort die Slowakin, zwar einst die Nummer vier der Welt, in der Geschichte des Sports aber doch nur eine Randnotiz. Williams selber hatte 24 Stunden vor Bekanntgabe der Setzliste gefordert, dass Sportlerinnen nach ihrer Schwangerschaft auf dem Level eingegliedert werden sollten, auf dem sie den Sport verlassen hatten. Damit war das Schicksal Cibulkovas bereits besiegelt.

Caroline Wozniacki, die Zweite der Weltrangliste und mit Williams befreundet, hatte sich im Vorfeld lautstark für eine Setzung eingesetzt. «Serena ist eine der grössten Spielerinnen der Geschichte und verdient es», sagte die Dänin. Räumte danach aber auch ein: «Ich habe keine Ahnung, wieso sie die Nummer 25 ist – und nicht die 24 oder die 16.»

Serena Williams ist mehr als nur Tennisspielerin

Bei den Organisatoren hat man die Zeichen der Zeit erkannt. Richard Lewis, der Chairman des Klubs, hat angekündigt, dass die Einführung einer Formel diskutiert werde. «Wir würden uns Diskussionen ersparen», sagte er. Schon im Vorjahr war er unter Beschuss geraten, weil deutlich mehr Spiele des Männer-Tableaus auf den Hauptplätzen angesetzt worden waren.

Caroline Wozniacki setzte sich im Vorfeld lautstark für Serena Williams ein.

  

Serena Williams ist heute mehr als nur Tennis-Spielerin: Sie ist Mutter, Frauenrechtlerin, Botschafterin gegen Rassismus und für die Gleichstellung. Doch nun werden zwei Fragen vermischt: Jene, ob Sportlerinnen nach der Schwangerschaft einen besonderen Schutz verdienen. Und jene, ob dabei ihr Status ebenfalls protegiert werden soll. Die Antwort auf die erste Frage, dabei sind sich alle einig, lautet: Ja. Als Nummer 183 der Welt steht Serena Williams in Wimbledon dank einer Wildcard im Hauptfeld. Geht es um die Setzung, wird aus der Frage eine moralische, die nicht frei ist vom Verdacht der Willkür.

Serena Williams hat sich zu diesen Fragen bisher nicht geäussert. Zwei Jahre nach ihrem letzten Sieg zeigte sie in dieser Woche ihrer neunmonatigen Tochter Alexis Olympia die Anlage des All England Club, wo sie Member auf Lebenszeit ist. Sie erzählte dabei ihre eigene Geschichte: «Es war einmal ein Mädchen aus Compton, das einen Traum hatte: In Wimbledon zu spielen. Und ihr Traum wurde wahr», flüsterte sie der Tochter zu. «Und weisst du, wer dieses Mädchen war? Es war deine Mama. Auch deine Träume können in Erfüllung gehen.» Was sie dabei nicht sagte: dass ihr Traum auch ein Bauernopfer forderte.