Mats Wilander, was haben Sie eigentlich gegen Roger Federer?

Mats Wilander: Ich gegen Federer?

Nun, Sie kritisierten kürzlich, er nehme seine Verantwortung gegenüber dem Tennis nicht wahr, weil er auf die French Open verzichtete.

Sehen Sie: Ich habe in Paris niemanden getroffen, der Federer nicht vermisst hat. Egal, was du für diesen Sport getan hast, du kannst nie genug tun, ihm zurückzuzahlen, was er dir gegeben hat. Diese Verantwortung stirbt nie, dabei bleibe ich. Aber ich verstehe natürlich auch, was Roger sich für Gedanken gemacht hat. Für ihn ist Wimbledon einfach wichtiger.

Sie haben Federer auch schon vorgeworfen, keine Eier zu haben.

Für diesen Ausdruck habe ich mich damals bei ihm entschuldigt. Mir fehlen heute in vielen Sportarten Champions, die Herz und Eier haben. Vielen geht es nur um das Gewinnen. Und ich sagte dann, Federer habe vielleicht Eier und Herz, nur würden diese immer auf ein Mindestmass schrumpfen, wenn er gegen Rafael Nadal spielt. Das war, als er auf Sand immer gegen ihn verloren hat, aber nie etwas versuchte. Es ging mir damals nur darum, um dieses eine Spiel. Schauen Sie: Roger Federer ist nicht perfekt, auch wenn er Schweizer ist und ihr perfekte Sachen macht, Uhren zum Beispiel. Roger ist nicht perfekt. Er weiss das, wir wissen das.

Jetzt wenden Sie aber einen sehr strengen Massstab an.

Ich habe mehr Respekt vor Federer als vor jedem anderen Spieler in der Geschichte. Darum bin ich auch kritischer, weil ich mehr davon will. Weil ich mehr erwarte. Damit sind wir wieder beim Thema: Was ich wirklich sehen möchte, ist, wie Federer Nadal in Paris in einem Fünfsatzmatch besiegt.

Ist das möglich?

Ich habe keine Ahnung. Aber es wäre mit Sicherheit der grösste Tennismatch aller Zeiten. Sehen Sie: Ich will einfach grosse Matches sehen und dass die Besten noch besser werden.

Sie bemängelten auch schon die fehlende Leidenschaft.

Glauben Sie nicht alles, was Sie lesen. Das habe ich nie gesagt. Roger hat eine grosse Leidenschaft, Bälle zu schlagen. Früher hat man ihm das aber weniger angesehen, oder er hat es weniger gezeigt. Manchmal sah ich ihn im Training und er hatte einfach Spass. Da denkst du: Okay, das ist speziell. Das ist ein Grand-Slam-Turnier. Jetzt sehe ich ihn mit mehr Ernsthaftigkeit.

Spielt er darum noch so gut?

Entscheidend war, dass er gemerkt hat, dass er sich weiterentwickeln muss. Dass er das erkannt hat, beeindruckt mich. Er hat sein Racket gewechselt und schlägt die Rückhand früher und härter. Dass er das gemacht hat, überrascht mich, denn Roger ist stur. Das ist aber auch seine Stärke: Wäre er nicht stur, würde er heute vielleicht gar nicht mehr spielen. Man sieht mehr denn je, dass er kämpft. Er versucht noch immer, ein kompletterer Spieler zu werden. Gewinnen ist für ihn zwar immer noch wichtig, aber nicht nur. Federer ist ein Lehrling dieses Spiels.

Sprechen Sie die Rückhand an?

Ja, aber nicht nur. Sein Aufschlag war schon vorher herausragend, aber jetzt ist er noch besser. Seine Konstanz ist bemerkenswert. Meine Vermutung ist, dass er realisiert hat, dass er von der Grundlinie mit Rafael Nadal und Novak Djokovic, langfristig auch mit Alexander Zverev nicht mithalten kann. Serviert er gut, gibt ihm das Luft.

Viele sagen, er spiele heute besser denn je, teilen Sie diesen Eindruck?

Unbestritten ist er jetzt ein kompletterer Spieler als vor zehn Jahren, als er alles gewann. Damals war er der Konkurrenz enteilt und konnte machen, was er wollte, es war fast schon lächerlich. Dann kamen Nadal und Djokovic und Federer musste sich hinterfragen.

Er gewann dann fast fünf Jahre kein Major-Turnier mehr und verlor die grossen Spiele gegen Nadal und Djokovic. Was ist danach passiert?

Federer hatte zuvor so viele Möglichkeiten, er hat mit seinen Gegner gespielt. Egal, was er gemacht hat: Er hat gewonnen. Irgendwann ging das nicht mehr, weil auch er Schwächen hat. Doch dann hat er begonnen, mit einem klaren Plan zu spielen. Heute weiss er genau, was er tun will. Ich sage nicht, dass das vorher nicht der Fall war, aber ich glaube, er ist in seinem Spiel klarer geworden. Und es gibt einen weiteren Grund.

Welchen?

Seit seiner Verletzung wirkt er viel entspannter. Er sagt sich: Es ist ein Geschenk, dass ich wieder auf diesen Plätzen spielen kann, ich gehe raus und habe Spass. Er steht heute einfach da und zieht sein Spiel durch. Ihm ist egal, was der Gegner tut. Es kümmert ihn nicht mehr. Ich will nicht sagen, es sei ihm egal, ob er gewinnt, oder verliert, überhaupt nicht. Aber ich habe schon das Gefühl, dass ihm das Spiel heute etwas mehr und der Sieg etwas weniger bedeutet. Er hat ja schliesslich auch schon alles gewonnen.

Früher nahmen die Menschen Federers Siege einfach so hin. Haben Sie das Gefühl, dass die Verletzung seine Wahrnehmung verändert hat?

Bei ihm sieht ja alles so leicht aus, aber glauben Sie mir: Das ist es nicht, auch für Federer nicht. Er war ja schon 35, als er sich erstmals schwer verletzt hat. Viele dachten dann, das sei es gewesen. Doch Federer hat etwas ganz anderes gemacht. Er hat sich gesagt: Entweder komme ich als besserer Spieler zurück oder gar nicht. Und genau das hat er dann getan. Seine Emotionen nach dem Sieg in Australien im letzten Jahr haben allen gezeigt, was für ein spezieller Spieler er ist.

Federer ist bald 37, hat vier Kinder, eine Stiftung und immer viel um die Ohren. Wie kann es sein, dass sein Tennis darunter nicht leidet?

Er hat ein tolles Umfeld und eine Frau, die ihm den Rücken freihält. Bezogen auf sein Tennis ist am wichtigsten, dass er es als Spiel versteht. Tennis wird ihn nie langweilen. Achten Sie mal darauf: Nach einer Rallye spielt er oft den Ball zu einem Balljungen auf der anderen Seite. Ich habe ihn mal gefragt, wieso er das macht. Er sagte: Weil ich dem Ball gerne beim Fliegen zusehe.

Wie ist das bei Rafael Nadal?

Ich bin ein grosser Fan von ihm. Aber er versteht das Tennis ganz anders als Federer, oder als ich es verstanden habe. Er ist ein Arbeiter. Rafa arbeitet Tennis. Ihre Rivalität lebt ja auch von diesem Kontrast. Ich glaube, er kann hier in Wimbledon gewinnen.

Federer und Nadal spielten hier 2008 einen denkwürdigen Final. Sie aber sagten im letzten Jahr, Sie hätten keine Lust mehr auf Spiele zwischen den beiden.

Verstehen Sie mich nicht falsch, man spürt, wie wichtig sie für das Tennis sind. Mir geht es doch auch so: Ich will die besten Spieler sehen. Aber es ist auch so, dass es im Tennis neue Sieger braucht. Meine Aussage war also nicht gegen Federer und Nadal gerichtet.

Können Sie sich vorstellen, noch einmal als Trainer zu arbeiten?

Oh, nein (lacht).

Wieso nicht?

Weil Roger mich noch nicht angerufen hat (lacht). Das Coachen hat Spass gemacht, aber du kannst Dinge nur erfolgreich tun, wenn du sie drei, vier Jahre machst. Wenn es eine Chance gibt, dass es nicht erfolgreich ist, tue ich lieber Dinge, in denen ich gut bin. Mein Leben ist nicht lange genug, um Dinge zu tun, die vielleicht nicht erfolgreich sind.

Was denken Sie: Wie lange wird Federer noch spielen?

Ich denke, er wird sehr viel länger spielen, als wir denken. Ich persönlich finde, er soll spielen, solange er Matches gewinnen kann. Wenn er aufhört, höre ich vielleicht auch auf. Er ist wichtiger für das Tennis, als sich irgendjemand vorstellen kann. Ich weiss nicht, wie es weitergehen soll, wenn er einmal aufhört. Wirklich.