Eigentlich bleibt nichts, das Nick Kyrgios (ATP 19) tut, unbeobachtet oder unkommentiert. Sich im Rampenlicht zu bewegen, öffentlich gegen die Oberen seines Sports um Federer, Nadal oder Djokovic zu rebellieren, gefällt ihm. Auffallen, und das um jeden Preis. Sein Körper ist braun gebrannt, die Schläfen sind mit kunstvoll geschärten Tribals verziert. Sonnenstrahlen spiegeln sich im Steinchen an seinem linken Ohrläppchen und auf dem linken Unterarm hat er sich den Spruch «Time is Running Out» (Die Zeit läuft ab) tätowieren lassen. Er ist eine Erscheinung, wie es sie im Tennis seit Andre Agassi nicht mehr gegeben hat.

Und doch gibt es etwas, das fast drei Monate unbemerkt blieb. Denn seit Februar hat Kyrgios nach zwei Jahren Unterbruch wieder einen Trainer. Der Franzose Sébastien Grosjean, der gestern seinen 39. Geburtstag feierte, war einst die Nummer vier der Welt und stand fünfmal im Halbfinal eines Grand-Slam-Turniers. Nun kümmert er sich um den Australier, der in den vergangenen Monaten so oft ausser Rand und Band geraten ist. Wie oft er mitreisen will, das lässt er offen. «Nick braucht gewisse Freiheiten. Du musst für ihn da sein, wenn er es braucht, aber ihm auch den Raum lassen, sich auszudrücken», sagt Grosjean der «L’Equipe».

«Fragt McEnroe, er weiss alles»

Erst im Januar bei den Australian Open hatte Kyrgios mit seinem Verhalten wieder einmal für Unmut gesorgt. Medien forderten ihn gar zum Rücktritt auf: «Das muss aufhören. Du musst aufhören. In deinem Interesse. In unserem Interesse. Im Interesse des Tennis.» John McEnroe (58), einst selbst eine streitbare Figur, bezeichnete Kyrgios gar als «blaues Auge des Tennis». Der konterte in der Folge jede kritische Frage mit: «Fragt doch John McEnroe. Er weiss alles.» Danach aber muss Kyrgios in sich gegangen sein und sich hinterfragt haben.

Er müsse anfangen, die Sache ein bisschen ernster zu nehmen, und müsse über einen Coach nachdenken. Dass er es getan hat, ohne ein grosses Gezeter zu machen, muss ihm, der bisher gerne damit kokettierte, den Sport nicht zu lieben, hoch angerechnet werden. Er möge das Tennis, es sei ein grosser Teil seines Lebens. Aber die Frage, ob er mit ganzem Herzen versuche, sein zweifellos immenses Potenzial auszuschöpfen, beantwortete er im letzten Sommer noch mit einem unmissverständlichen Nein.

Kyrgios hat erfolgreiche Monate hinter sich, erreichte in Indian Wells die Viertelfinals, in Miami gar die Halbfinals, wo ihm in einem Spiel über drei Tiebreaks gegen den späteren Sieger Roger Federer nur wenige Punkte fehlen. Auf Sand, seiner schwächsten Unterlage, spielte er selten und weniger erfolgreich. Er hat auch kaum trainiert. Für einmal aber aus verständlichen Gründen, denn sein Grossvater ist verstorben. Eine wichtige Stütze ist ihm seine Freundin, Tennis-Spielerin Ajla Tomljanovic (24), die nach einer Operation an der Schulter ein Jahr lang pausieren musste und in Florida ebenfalls unter Grosjean trainierte.

Der Tiefpunkt: Nick Kyrgios beleidigt Wawrinka 2015 in Montreal.

Der Franzose schwärmt von seinem neuen Schützling: «Nick ist mutig, er zögert nicht und er will Herr über sein eigenes Schicksal sein. Es gibt nicht viele wie ihn. Aber am wichtigsten ist: Nick hat ein grosses Herz.» Auch McEnroe beobachtet die Wandlung von Kyrgios mit Wohlwollen. Nach den Australian Open habe man sich wirklich einige Fragen stellen müssen, erklärte er kürzlich. «Er hat die richtigen Schritte ergriffen.» Kyrgios, «das blaue Auge», ist noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen.

In Paris trifft er in der Startrunde auf den Deutschen Philipp Kohlschreiber (33, ATP 43). Doch hier ist er nur einer von vielen, ein Mitläufer. Auf Rasen, in Wimbledon, steht er wieder im Fokus. Der Hochbegabte soll endlich das Versprechen einlösen, das er einst gemacht hat. Mit 22 Jahren ist er immer noch jung, doch es gibt Jüngere wie Alexander Zverev (20), den er für seinen Fleiss und seine Professionalität beneidet, die dem grossen Wurf näher sind. Kyrgios hingegen sucht immer noch nach dem Schlüssel zum Erfolg. «Time is Running Out», irgendwann auch für ihn.