Es dürfte recht deftig zugegangen sein, in der Nacht auf Donnerstag in den Umkleideräumen des Uniprix Stadiums von Montreal. Was genau mit seinem Gegner Nick Kyrgios vor sich ging, behielt Stan Wawrinka jedoch für sich. «Er wollte mir ausweichen, aber ich habe ihn damit konfrontiert», sagte der 30-jährige Lausanner stinksauer, «es bleibt in der Garderobe, nur so viel: Es gibt Dinge, die man einfach nicht sagen kann. Auch wenn er jung ist, das ist keine Entschuldigung.»

Kyrgios' verbale Entgleisungen

Kyrgios, der gerade 20-jährige Australier griechisch-malaysischer Abstammung, gefällt sich in der Rolle des Bad Boys – er ist der neue Rüpel der Tennis-Tour. Doch gegen Wawrinka ging der Heisssporn nun zu weit.

Während der Partie murmelte Kyrgios verärgert: «Kokkinakis hat deine Freundin geknallt. Es tut mir leid, dir das sagen zu müssen.» Gehört hatte Wawrinka die verbale Entgleisung nicht. Auch nicht, als der Australier etwas später im Match vor sich hin fluchte und dabei in Richtung des Schweizers nachlegte: «Er schläft mit einer 18-Jährigen.»

Die Mikrofone im Stadion hatten alles aufgefangen, was Kyrgios absonderte, und so ging die Schlammschlacht nach der verletzungsbedingten Aufgabe Wawrinkas erst richtig los. Am Netz hatten sie sich noch fair die Hand gegeben. Doch Wawrinkas Coach Magnus Norman berichtete ihm sofort, was Kyrgios geätzt hatte. Dessen Bruder, Christos Kyrgios, deutete via Twitter an, Wawrinka sei in der Garderobe handgreiflich geworden. Belege gibt es dafür bisher nicht.

Wawrinkas Liaison

Dass dem Schweizer, der zum Saisonbeginn die Trennung von seiner Ehefrau Ilham Vuilloud bekannt machte, eine Liaison mit der inzwischen 19-jährigen kroatischen Tennisspielerin Donna Vecic nachgesagt wird, ist nicht neu. Die Beziehung soll allerdings schon weit länger andauern, was angesichts ihres sehr jungen Alters einen Beigeschmack hat.

Vor Wawrinka soll Vecic mit Thanasi Kokkinakis liiert gewesen sein, dem dicksten Kumpel von Kyrgios. Weder Kokkinakis noch Vecic dürften allerdings begeistert davon sein, nun so in den Fokus gezerrt zu werden. Denn die sozialen Netzwerke explodierten gestern förmlich.

Wawrinka fordert Sanktionen

Auch Wawrinka empörte und wehrte sich in der Pressekonferenz und über Twitter und forderte ernsthafte Strafen von der ATP. «In jedem Match benimmt er sich daneben, immer macht er Probleme», monierte der Lausanner, «er geht Zuschauer, Spieler, Schiedsrichter, Ballkinder an – die ATP muss endlich härtere Strafen verhängen.» Doch die Spieler- und Turnierorganisation liess sich nach dem Vorfall sehr lange Zeit, bevor sie schliesslich eine Geldstrafe gegen Kyrgios verhängte. Die genaue Summe ist noch nicht bekannt.

Überhaupt kritisieren viele, der Proll aus Down Under würde viel zu selten adäquat bestraft werden. Beim Australian Open sammelte er Geldbussen von 5000 Dollar an, in Wimbledon wäre er für seine dauernden Ausraster beinahe rausgeworfen worden. Doch was kümmert es einen, der sich für sein Preisgeld längst einen Ferrari leisten kann. Und der eine Mutter hat, die jede Eskapade glühend verteidigt. Auch dieses Mal, die negativen Reaktionen in den Netzwerken waren darauf jedoch so gewaltig, dass das Management von Kyrgios ihren Account ad hoc sperrte.

Wer bändigt das Enfant terrible?

Es hätte viel schon früher passieren müssen. Denn Magnus Norman setzte in seinem tief enttäuschten Tweet zwar die Hoffnung, der Rüpel möge von seinem Umfeld vielleicht gebremst werden. Doch darauf braucht Norman nicht zu warten. Kyrgios lässt sich nichts sagen, auch wenn es Lleyton Hewitt dieser Tage als sein Mentor versuchen will. Der war in jungen Jahren auch kein Chorknabe, polterte schon mal rassistische Bemerkungen und pöbelte, was das Zeug hielt.

Aber er besserte sich, ist nun Familienvater und bald Davis-Cup-Captain. Doch wie unendlich schwer die Aufgabe werden wird, merkte er bereits an Bernard Tomic, dem zweiten Pflegefall der Australier: Partys, Drogen, Verhaftung.

Kyrgios scheint noch unbändiger. Der 1,93m grosse Punk kommt wie ein Basketballprofi aus der NBA daher: gepierced, tätowiert, rasiert – mal mit Blitzen an den Seiten seines flachen Irokesenschnitts, gerade pink und gelb gefärbt, und mit Lücken in seiner rechten Augenbraue. Und rotzfrech auf dem Platz mit dem wohl unflätigsten Mundwerk seit Andy Murrays Teenagertagen.

Kyrgios braucht Adrenalin, je mehr desto besser

Kyrgios ist wild, arrogant und vollgepumpt mit Siegeswillen. Matchbälle gegen sich? Die jucken ihn nicht. Ein 0:2-Satzrückstand? Macht ihn auch nicht nervös. Je mehr Adrenalin, desto besser. Wüste Schimpftiraden, zerhackte Rackets und brachiale Vorhandschläge – das ist sein Spiel. Damit brachte er es schon auf Rang 25 der Welt und zu einem Sieg in Wimbledon über Rafael Nadal.

Kyrgios polarisiert, ist unberechenbar, explosiv und dabei wahnsinnig unterhaltsam. Er kann Stadien zur Ekstase bringen, doch wenn er seine Kodderschnauze nicht bald zügelt, bringt er nicht nur die Gegner zum Kochen. Kyrgios braucht Halt und Führung. Das Beispiel von Tomic sollte ihm Warnung genug sein.