Läufer kämpfen nebeneinander, Boxer Faust gegen Faust, Skifahrer nacheinander und gegen die Uhr. Tennis aber ist ein Duell auf Distanz, dessen Ausgang bis zum letzten Schlag, bis zum letzten Punkt ungewiss ist. In dieser Unberechenbarkeit liegt beides zugleich: Schönheit und Grausamkeit. Und es sorgt zuweilen dafür, dass es kaum eine schlüssige Antwort gibt, weshalb der eine als Sieger und der andere als Verlierer vom Platz geht.

Nach 26 Minuten gewinnt Roger Federer im Viertelfinal von Wimbledon den ersten Satz gegen den Südafrikaner Kevin Anderson (32, ATP 8) mit 6:2. Nach 2:17 Stunden hat der er Matchball. Boris Becker sagt: «Roger ist einzigartig. Sein Spiel, seine Persönlichkeit, sein Umfeld. Sein Spiel ist wie ein Schatz. Wenn du ihn spielen siehst, passiert immer etwas Spezielles.» Es passiert etwas Spezielles.

Es fällt schwer, Erklärungen für diese Niederlage zu finden

Roger Federer verliert. Mit 6:2, 7:6, 5:7, 4:6, 11:13. Nach 4:14 Stunden. Erst zum fünften Mal in seiner Karriere, nachdem er die ersten beiden Sätze für sich entschieden hat. Gegen einen Gegner, gegen den er in vier Duellen noch nie einen Satz hat abgeben müssen. Obwohl er fünf Punkte mehr gewann (195:190) als Anderson. Und es ist, wie es wohl sein muss nach einem solchen Duell auf Augenhöhe: Es fällt schwer, zu erklären, was den Unterschied ausgemacht hat. Wieso Federer nicht in drei Sätzen gewann. Und wieso er überhaupt Antworten auf die Frage finden musste, weshalb er als Verlierer vom Platz ging. Er versuchte es trotzdem, als er sagte: «Es sind viele kleine Punkte hier und da, die einen grossen Unterschied ausmachen.»

Diese Erkenntnis ist im Sport wahrlich nicht neu, viele würden die Phrase als abgedroschen abtun. Und doch: Sie ist nirgendwo plausibler als im Tennis, wo kein Schlag, kein Ball, keine Situation mit der anderen zu vergleichen ist. Es gibt keine Uhr, die einen rettet. Keine Halbzeitpause. Keinen Gong. Keine Auszeit. Keinen Mitspieler, der Fehler ausmerzt. «Was den Druck angeht, ist Tennis die härteste Sportart, die es gibt», sagt Tommy Haas, ein Freund Federers, mit dem sich dieser Stunden vor dem Viertelfinal gegen Anderson eingespielt hatte. «Man muss seinen eigenen Weg finden, um zu gewinnen.» Federer findet ihn diesmal nicht. «Irgendwann konnte ich ihn nicht mehr überraschen, das ist zwar enttäuschend, kommt aber vor. Ich fühlte mich nie richtig wohl», resümierte Federer.

«Ein durchschnittlicher Tag. Ich verdiene den Sieg nicht»

Federer wehrte sich vehement gegen die Sichtweise, er habe schlecht gespielt. «Es war einfach ein durchschnittlicher Tag, an dem ich hoffte, dass ich irgendwie durchkomme.» Er hatte sichtlich Mühe, Erklärungen zu finden, was in den letzten drei Sätzen schiefgelaufen war. Was er anders oder besser hätte machen können. Weder mental noch körperlich habe er sich müde gefühlt. «Selbst beim Stand von 10:10 im fünften Satz war ich nicht beunruhigt.» Wenn er etwas bereue, dann dass es ihm nicht gelungen sei, Anderson mehr Aussergewöhnliches abzuverlangen. «Ich verdiente den Sieg nicht», sagte Federer. Er wirkte enttäuscht, das schon. Aber nicht sonderlich geknickt, ratlos oder gar gebrochen, wie das meist der Fall war, wenn er in Wimbledon verloren hatte.

Irgendwie schien sich einfach bereits die Erkenntnis durchgesetzt zu haben, dass es erstaunlich ist, wie selten Tage wie dieser in seiner Karriere bisher gewesen waren. Acht Mal hat er in Wimbledon triumphiert, nun wurde der Court 1, auf dem er erstmals seit drei Jahren wieder spielte, zum Theater seiner Albträume.

Keine Debatte

Doch der Niederlage gegen Anderson fehlt das Dramatische, das Epische, das Ultimative, das man hinter den nackten Zahlen vermutet. Vor zehn Jahren, als er nach fünf Siegen in Folge im Final gegen Nadal verloren hatte, da stand die Frage im Raum, ob es vielleicht das Ende seiner Ära sei. Diese Debatte ist längst abgeebbt. Heute zweifelt keiner daran, dass Federer hier wieder gewinnen kann. Am wenigsten er selbst. «Das Ziel ist es, in einem Jahr wieder hier zu sein», stellt der Baselbieter klar.

Auch nach 20 Jahren im Profi-Sport tut Federer nichts lieber Federer sagte einmal, selbst wenn er in seinem Leben nur in Wimbledon gespielt hätte, wäre er mit seiner Karriere zufrieden. Dass er auch mit bald 37 Jahren noch spiele, habe nichts mit seinem Erzrivalen Rafael Nadal zu tun, der in den Halbfinals steht und am Sonntag seinen 18. Grand-Slam-Titel gewinnen könnte. Federer spielt Tennis, weil ihn nichts mehr fasziniert als dieses Duell auf Distanz. «Was du am besten kannst im Leben, möchtest du nicht aufgeben», ist sein Motto. «Und für mich ist es Tennis.» Natürlich sind Siege die Triebfeder, aber eben nicht nur. Es ist die Liebe zum Spiel. Und an dieser ändert auch die Niederlage gegen Anderson nichts. In seiner Geschichte ist sie eben nur eine Randnotiz. Mehr nicht.

simon.haering@azmedien.ch