Die Strasse führt in ein paar Kurven einen bewaldeten Hügel hinauf. Ein Bauernhof taucht auf, daneben stehen Gewächshäuser. Auf der Wiese weiden Kühe. Die Rudolf-Steiner-Schule Crissier ist nicht mehr fern.

Es ist ein Teil des Schulwegs von Stan Wawrinka. Der Tennisprofi besuchte bis im Alter von 14 Jahren die anthroposophische Schule, die auf diesem Hügel angesiedelt ist.

Durch einen Torbogen aus Holz gelangen wir auf das Schulgelände. Überall stehen Pavillons aus Holz. Wind und Regen haben die Hütten ausgebleicht. Von den Fensterläden blättert die Farbe ab. Ursprünglich waren es Unterkünfte für Arbeiter einer Fabrik, bis die Pavillons vor 25 Jahren nach Crissier transportiert wurden und seither als Klassenzimmer dienen.

Kieswege führen über das bewaldete Gelände vom einen Pavillon zum anderen. Der Duft nach Holz liegt überall in der Luft. Es könnte genauso gut ein Campingplatz im Norden Europas sein.

Es ist still auf dem Gelände. Freitagnachmittag. Die Steiner-Schüler haben frei. Ein paar machen an Tischen im Freien ihre Hausaufgaben.

Ein Steiner-Schüler tanzt den Namen Stan Wawrinka

Ein Steiner-Schüler tanzt den Namen Stan Wawrinka

Wawrinka hat hier wenige Fans

Die Schüler wissen zwar, dass Stan Wawrinka hier zur Schule ging. Aber eine grosse Sache machen sie nicht daraus. «Ich jedenfalls habe noch nie damit angegeben», sagt Louana (17). Und Maël (17) fügt an: «Tennis ist hier nicht gerade verbreitet. Und wir sind auch nicht die grössten Fans von Stan.»

Frédéric Faes kommt vorbei und grüsst die Schüler freundlich. Der Lehrer mit zerknittertem Anzug, strubbeliger Frisur, Bart und einer Brille, hinter deren Gläser wache, stahlblaue Augen leuchten, hat Stan Wawrinka damals in Naturwissenschaften unterrichtet. Mathematik, Astronomie, Physik, Geologie.

Faes zeigt uns das Klassenzimmer seines berühmten Schülers. Die Holzpulte sind im Halbkreis angeordnet, die Stühle fein säuberlich hochgestapelt. Gedämpftes Sonnenlicht strömt in den Raum.

Wawrinka sass immer in der Mitte, zwischen seinen Kameraden. Nie dort, wo er Aufmerksamkeit auf sich hätte ziehen können. «Er war ein unscheinbarer Schüler», erinnert sich Faes. «Nicht sehr nahbar, eher distanziert. Er ist kaum aufgefallen.»

Aufgefallen ist dem Lehrer aber das Lächeln Wawrinkas. «Mir war lange nicht bewusst, dass er zu mir zur Schule ging», sagt Faes. «Aber als er öfters in den Medien kam und ich sein Lächeln sah – da erinnerte ich mich.»

Stan Wawrinka wurde nur wenige Wochen von Faes unterrichtet. Hingegen war sein Bruder Jonathan über längere Zeit Faes’ Schüler. «Jonathan ist immer alles leicht gefallen», vergleicht Faes die Brüder. «Stanislas war zwar normal intelligent, musste aber immer viel mehr büffeln.»

Diese Stärke, zu arbeiten, hat Stan auch auf dem Tennisplatz. Er rackert stundenlang – früher wie heute. Er ist der Arbeiter, nicht das Talent. Und bekannt für seine Marathon-Spiele.

Nach dem Leitbild der Steiner-Schule wird der Wettkampf unter den Schülern kaum bis gar nicht gefördert. Sportplätze oder Turnhallen gibt es auf dem Schulgelände keine, geschweige denn einen Tennisplatz. Für den Sportunterricht müssen die Schüler mit dem Schulbus nach Crissier in die Gemeindeturnhalle fahren.

Die Sache mit dem Tanzen

Der Leistungsgedanke im Sport prallt auf die – auf den ersten Blick – heile Welt der Steiner-Schule. Trotzdem ist sich Faes sicher, dass Stanislas, wie er ihn immer nennt, für seine Karriere durchaus von der Steiner-Schule profitieren konnte. Nicht zuletzt auch wegen des Fachs Eurythmie, einer Art Bewegungstanz.

Den Spruch kennt wohl jeder Steiner-Schüler: «Ihr könnt doch den Namen tanzen». Faes hat dafür nur ein müdes Lächeln übrig. «Das ist nicht tanzen im herkömmlichen Sinn», erklärt er. Jeder Buchstabe sei einer bestimmten Bewegung zugeordnet. «Die Schüler lernen dabei, ihren Körper zu steuern und ihn in Einklang zu bringen», führt Faes weiter aus.

Und ja: Auch Wawrinka habe dies gelernt. Ob er es heute noch kann, weiss der Lehrer nicht. Klar ist nur, dass er es mit seinem Namen nicht ganz einfach hatte. Ob der Namenswechsel von Stanislas auf Stan damit zu tun hat, ist leider nicht überliefert.

Faes ist überzeugt, dass die Eurythmie Stanislas geholfen habe, seinen Körper steuern zu lernen. Ein Vorteil für die Sportkarriere.

Der Lehrer führt uns raschen Schrittes zu einem mehrstöckigen Holzgebäude mit grossen Fensterfronten, das neu erbaut wurde. «Alles von den Eltern bezahlt», sagt er. 

Wie alles, was auf dem Gelände angeschafft wird. Finanziell ist die Schule nicht auf Rosen gebettet. Doch der prädestinierte Webeträger, Stan Wawrinka, schweigt sich zu seiner Vergangenheit an der Steiner-Schule praktisch aus.

Vor vier Jahren besuchte er kurz den Weihnachtsbasar, verschwand aber bald wieder. «Wir haben ja auch kein Recht, einfach mit ihm Werbung zu machen», sagt Faes und vermeidet den Blickkontakt.

Warum man den 29-Jährigen denn nicht dafür anfrage, wollen wir wissen. Faes zuckt mit den Schultern und lässt seinen Blick über die Bäume und den Spielplatz schweifen.

Über den Spielplatz, auf dem vor vielen Jahren Stan Wawrinka unbeschwert herumtoben konnte, ohne ständig an Niederlagen oder an seinen nächsten Gegner zu denken.