Einst war die Schweiz eine Segelnation, weil sich Milliardär Ernesto Bertarelli mit Millionen einen Traum erfüllte. Er kaufte sich eine Multi-Kulti-Truppe zusammen und gewann 2003 und 2007 tatsächlich zwei Mal den America’s Cup. Dann war der Spuk vorbei, die Segler schaffen es nicht mehr in die Schlagzeilen.

Heute stehen nun vier Schweizer Tennisprofis in den Achtelfinals von Wimbledon, das gabs noch nie und ist für ein kleines Land wie die Schweiz eine Sensation. Zum Vergleich, Deutschland mit rund zehn Mal mehr Einwohnern ist in Wimbledon nicht mehr vertreten.

Viel muss zusammenpassen, damit es zu solch einer Konstellation kommt. Alleine ein gutes Nachwuchskonzept reicht da nicht. Nachwuchsarbeit ist natürlich wichtig und hilfreich, aber es braucht eine ganze Portion Glück, damit es so weit kommt.

Überflieger Roger Federer ist ein Kind von Swiss Tennis. Er durchlief sämtliche Nachwuchskader. Das allein aber garantiert keinen Erfolg. Drei Schweizer haben bisher das Juniorenturnier von Wimbledon bei den Männern gewonnen. Heinz Günthardt, Federer und Roman Valent. Günthardt schaffte es später einmal in den Achtelfinal von Wimbledon, Platz 22 war seine höchste Klassierung auf der Weltrangliste. Valent verschwand sogar direkt in der Versenkung.

Ein Geschenk für das Schweizer Tennis

Ein Geschenk fürs Schweizer Tennis ist Stan Wawrinka. Der Romand ging seinen eigenen Weg, trainierte in Spanien und rückte erst ins Blickfeld des Verbandes, als er 2003 den Juniorentitel beim French Open gewann. Von diesem Zeitpunkt an unterstützte ihn Swiss Tennis. Natürlich verdankt er seine jetzigen Erfolge auch dieser Förderung, aber ohne seinen eigenen Entschluss, auf die Karte Tennis zu setzen, würde er nie die Schweiz repräsentieren.

Belinda Bencic und Timea Bacsinszky gehören in dieselbe Kategorie. Sie gelangten schon früh auf den Radar des Tennisverbandes, wurden von ihm auch gefördert, gingen aber im sportlichen Bereich ihren eigenen Weg. Hybridspieler nennt sie Alessandro Greco, Leiter Spitzensport bei Swiss Tennis. Mit ihnen setzte der Verband auf die richtige Karte und hatte auch das entsprechende Glück, dass sie so erfolgreich sind.

Dazu gehört auch, dass eine Timea Bacsinszky plötzlich die neue Lust am Spiel entdeckte und ihr Talent nun voll ausschöpft. Wenig hat nur gefehlt und die 26-Jährige wäre für immer weg vom Fenster gewesen und in ihrer Karriere weit weg von einem Achtelfinal bei einem Grand-Slam-Turnier. Denn ein Achtelfinal heisst doch, der Spieler steht unter den besten 16 der Welt, und das in einer Sportart, die weltweit betrieben wird und nicht auf wenige Nationen beschränkt ist, wie beispielsweise das Skifahren.

Das grosse Loch hinter Federer und Wawrinka

Die Konkurrenz ist riesig und es braucht wenig, um an der grossen Karriere vorbeizuschlittern. Talent hat auch Romina Oprandi, leider spielt ihr Körper beim Hochleistungsport nicht mit. Swiss Tennis ist nicht untätig, Greco ist in Wimbledon und nimmt mit Yves Allegro, der verantwortlich für den Nachwuchs auf höchster Stufe ist, die Talente unter die Lupe. Zwei Junioren und zwei Juniorinnen schafften den Sprung ins Turnier. Zwei sind in der ersten Runde bereits ausgeschieden. Der Weg an die Spitze ist weit und steinig.

Und ob die jetzige Erfolgsgeschichte in der Schweiz einen Tennisboom auslöst, ist fraglich. Immerhin zeigen die vier, dass es durchaus möglich ist, dass auch ein kleines Land erfolgreich sein kann. Es gilt nun, diesen Augenblick zu geniessen. Eine Garantie, dass es in diesem Stil weitergeht, gibt es nicht. Bei den Männern sieht es hinter Federer und Wawrinka im Moment ganz düster aus. Da fehlt mehr als eine Generation, die auch nur annähernd in der Lage ist, einen Achtelfinal zu erreichen. Von einem Grand-Slam-Sieg ganz zu schweigen.