Flavio: Irgendwann wird das Verlieren langweilig.

François: Wow! Welche Erkenntnis.

Flavio: Ich finde schon, dass Niederlagen positive Effekte haben. Roger Federers Popularität erreichte ihren Höchststand, als er nicht mehr jedes Turnier gewann.

David: Ja. Ewiger Zweiter kann spannender sein als Seriensieger. Aber worauf willst du eigentlich hinaus.

Flavio: Ich habe mich gefragt, ob Tom Lüthi überhaupt noch Töff fährt.

Pius: Man hört zwar kaum noch was, aber er dreht in der Moto GP immer noch seine Runden.

Tobias: Normalerweise auch dann noch, wenn der Sieger den Champagner bereits spritzen lässt.

Flavio: Das ist zu hart.

François: Ich weiss nicht. Den Lüthi sieht man während des Rennens nur noch, wenn er überrundet wird, stürzt – was nicht allzu selten vorkommt – oder der Regisseur auf die Helikopterkamera schaltet.

Flavio: Bitte etwas mehr Respekt. Schliesslich wurde Lüthi mal Töff-Weltmeister und einmal zum Sportler des Jahres gewählt. Notabene vor der alles überstrahlenden Lichtgestalt Roger
Federer.

Tobias: Ja, jede Wahl und jede Ehrung hat ihre Tücken. Trump wurde US-Präsident, Infantino Fifa-Präsident und Berlusconi mal zum Doktor
honoris causa ernannt.

David: Ausserdem: Weltmeister wurde Lüthi, als er in der 125-Kubikzentimeter-Klasse fuhr. Das ist quasi die Kinderkrippe der Moto GP.

Tobias: Richtig. Denn wir reden hier nicht vom Poulidor des Töffsports ...

Flavio: Pouli wer?

Tobias: Raymond Poulidor. Einer der populärsten Velofahrer Frankreichs, aktiv in den 1960er- und 1970er-Jahren. Aber auch der «Mann, der nie die Tour de France gewinnen konnte». Also: Lüthi ist eher der Eddie the Eagle der Moto GP.

Pius: Ach, komm! Jeder weiss unterdessen, dass der Wechsel in die Moto GP ein Missverständnis war. Aber warum soll man ihm den Wechsel verübeln? Es ist doch nachvollziehbar, wenn ein Sportler so hoch hinaus will wie nur möglich, wenn sich die Chance bietet. Xherdan Shaqiri war bei Bayern München auch keine prägende Figur.

David: Auch dieser Vergleich hinkt. Aber sag mal: Wie viele Punkte hat Lüthi in dieser Saison überhaupt gewonnen?

Pius: Keinen.

David: Eben.

Tobias: Ich habe kürzlich etwas Spannendes aufgeschnappt. Und zwar eine Statistik der Neueinsteiger. Darin steht: Von den letzten 50 Rookies hat nur einer in der ersten Moto-GP-Saison keinen Punkt gewonnen – Tom Lüthi.

Pius: Noch ist die Saison nicht zu Ende. Noch hat Lüthi zweimal die Chance, ein Rennen unter den ersten 15 zu beenden. Und selbst wenn das nicht gelingt, werden wir in einem Jahr die Saison 2018 längst vergessen haben, wenn Lüthi eine Klasse tiefer um den Weltmeistertitel fährt.

Tobias: Eddie the Eagle hatte diese Chance nicht. Der konnte nicht von der Innsbrucker Olympia-Schanze auf irgendeine Rutschbahn wechseln.

Pius: Und später ist er abgestürzt.

Tobias: Dafür haben ihm in seinen besten Zeiten 100 000 Menschen zugejubelt. Lüthi ist nicht der Eddie the Eagle der Moto GP, sondern einfach nur der graue Hinterbänkler ohne Selbstironie.