Sie sind die grossen Zugpferde für die Schweizer Leichtathletik und von Weltklasse Zürich. Wenn sie den Letzigrund betreten, jubeln ihnen die Massen zu. Schweizer Stars wie Selina Büchel, Mujinga Kambundji oder Kariem Hussein sind der Grund, warum das Stadion auch 2016 wieder restlos ausverkauft ist. Dass die Lieblinge sportlich nur eine Nebenrolle spielen, wird ihnen verziehen. Denn die Fans wissen, dass nur die Besten der Besten zum Saisonfinal nach Zürich kommen.

Eine Hundertstelsekunde entscheidet
25 Goldmedaillen bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen verteilen sich gestern auf vier der acht Bahnen über die 200m im Letzigrund. «Es wird etwas Verrücktes passieren», ist sich die dreifache Olympiasiegerin Veronica Campbell-Brown aus Jamaika vor dem Rennen sicher und sie sollte recht behalten. 21.85 Sekunden. Diamond-League-Rekord für die doppelte Olympiasiegerin aus Jamaika, Elaine Thompson, und Saisonbestleistung für die 150m lang führende Holländerin Dafne Schippers, die sich am Ende nur um die Winzigkeit einer Hundertstelsekunde geschlagen geben muss. Auch die Dritte, die Amerikanerin Allyson Felix, war in diesem Jahr noch nicht schneller. Die schnelle Bahn im Letzigrund, wo schon 27 Weltrekorde erlaufen wurden, wird ihrem Namen auch gestern wieder gerecht. Mujinga Kambundji, die es als eine Ehre empfindet, überhaupt in diesem illustren Feld dabei zu sein, kann vom Windschatten und der Wunderbahn nicht profitieren und wird am Ende in ordentlichen 23,00 Sekunden Achte und Letzte.

In 1:59,48 Minuten Vorletzte über die 800m wird Selina Büchel, die nach der denkbar knapp verpassten Final-Qualifikation in Rio die Chance erhält, sich nun doch mit sämtlichen acht Olympia-Finalistinnen von Rio zu messen. «So hatte ich doch noch meinen Olympia-Final», sagt die St. Gallerin glücklich. Angestachelt vom euphorischen Publikum wagt Büchel die Flucht nach vorne. Lange liegt die Schweizerin auf Rang 3, doch auf der Zielgerade geht ihr dann doch noch die Puste aus.

Das Podest gleicht demjenigen der Olympischen Spiele. Die körperlich überlegenen Caster Semenya, Francine Niyonsaba und Margaret Wambui ziehen dem restlichen Feld davon und belegen die ersten drei Ränge. Die Intersexualitäts-Debatte erhält neues Futter.

Hussein kratzt an der Sensation
Vor einem Jahr gewann Kariem Hussein als erster Schweizer seit André Bucher 2001 vor heimischem Publikum. Doch weil die 400m Hürden von Zürich – anders als noch im letzen Jahr – zur Diamond Legaue gehören, ist das Projekt Titelverteidigung für der Thurgauer auf dem Papier kaum realisierbar. Zu gut ist das Weltklasse-Feld besetzt. Umso erstaunter ist das Publikum, als sich der Thurgauer vom Start weg forsch an die Spitze setzt. Die Fussverletzung von Rio scheint genesen, der Sieg plötzlich doch möglich? Als der Schweizer dann auch noch vor dem Olympiasieger Kerron Clement als Erster auf die Zielgerade einbiegt, kocht das Letzigrund über. Hussein kämpft und kämpft, doch nach der letzten Hürde ist der Tank leer. Wie schon in Rio gewinnt Clement. Die 48,72 Sekunden des Amerikaners ist Hussein auch schon gelaufen, doch gestern ist die Strecke für den Schweizer, der am Ende in 49,21 Fünfter wird, 30 Meter zu lang. Die Fans sind dennoch zufrieden.