Die Wunden sind geleckt, die Enttäuschung ist abgehakt und der Blick nach vorne in die Mercedes-Benz-Arena gerichtet. Hier will der 1. FC Union Berlin im Hinspiel der Relegation gegen den oberklassigen VfB Stuttgart seine Haut so teuer wie möglich verkaufen, um im Rückspiel am kommenden Montag im Stadion an der Alten Försterei mit intakten Chancen den Aufstieg ins Visier zu nehmen. «Ein Tor auf fremdem Terrain würde uns dabei helfen», sagt Urs Fischer. In der Relegation gilt wie im Europacup die Auswärtstorregel.

Der Schweizer Trainer der «Eisernen», der eigentlich nicht mehr aufs Wochenende zurückschauen wollte, ist vor der Reise nach Baden-Württemberg nicht darum herumgekommen, noch einmal auf die verpasste Chance in Bochum einzugehen.

Effizienz vermissen lassen

Dort hatte seine Mannschaft am letzten Spieltag in der zweiten Bundesliga nur ein 2:2 erreicht und es damit verpasst, hinter dem 1. FC Köln als Tabellenzweiter den direkten Aufstieg zu schaffen.

So aber machte der punktgleiche SC Paderborn trotz einer Niederlage in Dresden wegen der um fünf Tore besseren Tordifferenz das Rennen und schaffte den Sprung in die Bundesliga. «Jetzt sind wir eben da, wo wir nicht sein wollten», sagt Fischer. «Wir hatten in Bochum zwar 27:7-Torschüsse, konnten daraus aber kein Kapital schlagen, weil wir die Effizienz vermissen liessen.»

Bundesligist als klarer Favorit

Der 53–Jährige hat zu Beginn der Woche aber festgestellt, dass die Stimmung in der Mannschaft positiver und positiver geworden und sein Team bereit ist, den favorisierten Stuttgartern einen grossen Kampf zu liefern.

«Ich hoffe auf eine Trotzreaktion», sagt Fischer. Die Schwaben tragen die Favoritenrolle einerseits aufgrund der Statistik, andererseits wegen ihrer positiven Entwicklung unter dem Interimstrainer Nico Willig.

In bisher zehn Duellen seit Wiedereinführung der Relegation 2009 setzte sich achtmal der Erstligist durch. Lediglich Nürnberg 2009 gegen Energie Cottbus und Fortuna Düsseldorf 2012 gegen Hertha Berlin gelang der Aufstieg.

Es geht um viel - auf beiden Seiten

«Es ist nicht selbstverständlich, dass wir überhaupt noch den Klassenerhalt schaffen können. Meine Mannschaft hat deshalb die Chance, etwas zu gewinnen. Wir gehen mit einer breiten Brust in diese Spiele. Wir glauben total an uns», sagt Willig, der nach der Relegation wieder in die Nachwuchsarbeit zurückkehrt und dem von Kiel abgeworbenen Tim Walter Platz macht.

Es geht um viel in Stuttgart und Berlin. Deshalb begrüsst es Fischer, dass es in diesen Spielen den Videobeweis gibt. «Klar wäre es schön, man könnte mit Gelassenheit an die Sache herangehen. Der VfB hat zwar mehr Druck, aber auch wir haben etwas zu verlieren.»

Bei einem Aufstieg würde Union 14 Millionen Euro mehr einnehmen. Der aktuelle Gesamtumsatz beträgt 47 Millionen. Die Möglichkeit, durch grössere Zuschauerzahlen die Einnahmen in die Höhe zu treiben, sind indes limitiert.

Aufstieg unerwünscht?

Bei einem Besucherschnitt von 21 231 war das Stadion in dieser Saison bereits zu 96,5 Prozent ausgelastet. Bei 22 180 Vereinsmitgliedern hat bei einer Kapazität von 22 012 Plätzen nicht einmal jeder registrierte Union-Fan ein Ticket auf sicher.

Vielleicht auch deshalb gibt es unter den Fans solche, die deutlich sagen, dass ihnen ein Verbleib in der zweiten Liga lieber wäre. Als Union vor zwei Jahren bereits einmal an der Bundesliga schnupperte, erregte ein Transparent Aufsehen. 

Darauf stand: «So ’ne Scheisse, wir steigen auf.» Auch Fischer hat mitbekommen, dass das Fanlager des Kultklubs in dieser Frage offenbar geteilt ist und manche auch nach zehn Jahren in der zweiten Liga sagen: Lass uns bleiben, wo wir sind.

Fischer aber denkt: «Tief drin hätte jeder seinen Spass, wenn es mit dem Aufstieg klappen würde. 7000 haben uns nach Bochum begleitet und hätten die Promotion verdient.»

Nur wenige Veränderungen

In diesem Fall würde sich in Köpenick, wo Union zu Hause ist, gar nicht einmal so viel ändern, die bestehende Aufstiegsmannschaft zu einem grossen Teil das Bundesliga-Abenteuer in Angriff nehmen.

«Ob wir fähig wären zu bestehen, würde man dann in der neuen Saison sehen», sagt Fischer. «Es gibt schon Unterschiede zwischen der ersten und zweiten Liga. Für uns ginge es um Adaption.»

Erstklassig war Union seit der Wiedervereinigung nie. Der grösste Erfolg rührt noch aus DDR-Zeiten und war 1968 ein Cupsieg gegen Jena. Sollte Fischer die Unioner in die Bundesliga bringen, dann wäre ihm ein Denkmal sicher.