Mit dem Lift geht es hoch in den siebten Stock. Das Hotel, das Daniela Ryf fürs Gespräch gewählt hat, liegt direkt an der Aare. Die 31-Jährige spricht und posiert gerne, die Altstadt ihrer Heimat Solothurn direkt im Hintergrund. Es passt bestens ins Bild, dass auch die Sonne lacht. Ryf erlebt aufwühlende Tage. Vor acht Tagen wurde sie zum zweiten Mal als Schweizer Sportlerin des Jahres ausgezeichnet.

Frau Ryf, warum haben die Menschen in der Schweiz eine derart grosse Faszination für Sie?

Daniela Ryf: Das weiss ich selber nicht (lacht). Ich rede eigentlich nicht so gerne über mich. Das finde ich schwierig.

Mögen Sie es trotzdem versuchen?

Ich denke, dass der Triathlon an sich eine faszinierende Sportart ist. Und Ironman noch einmal im Speziellen. Ich weiss noch, wie ich vor fünf Jahren dachte: «Fast neun Stunden Höchstleistung – wie kann man das nur machen?» Und: «Nein, das schaffe ich nie im Leben». Erst später merkte ich, wozu der Körper eigentlich fähig ist. Und vielleicht ist das ja tatsächlich ein Lebensziel einiger Leute, einmal so etwas Verrücktes zu machen.

Hawaii gilt als Ferienparadies. Man verbindet es mit Stränden, Meer und Entspannung. Für Sie hingegen ist Hawaii der Ort des wichtigsten und härtesten Rennens – also vor allem Qual.

Ich versuche, das aktiv zu ignorieren. Die körperliche Belastung ist hoch, klar. Ein wenig regeln kann man sie trotzdem. Entscheidend ist aber die mentale Komponente. Du kannst noch so fit sein, du wirst den Ironman nie gewinnen, wenn du im Kopf nicht bereit bist. Zudem gehe ich im Training viel mehr an die Grenzen und in die Schmerzen. Das Rennen selbst kommt mir vor wie ein Vortrag. Wenn der dank guter Vorbereitung sitzt, dann lieferst du auch ab.

Wo liegt Ihr Ferienparadies?

Gute Frage. Im Moment ganz schlicht: zu Hause. Ich bin während der Saison schon auch ab und zu in Solothurn. Aber das ist etwas anderes. Jetzt kann ich Kaffee trinken gehen oder an den Weihnachtsmarkt. Ich bin im Genussmodus. Das ist anders, als wenn ich weiss: Morgen früh um 7 Uhr muss ich ready sein für eine harte Trainingseinheit. Zudem: Meine Familie, meine Leute sind hier. Das ist das Paradies. Und etwas ist mir mit den Jahren schon aufgefallen. . .

… nämlich?

Je mehr ich von der Welt gesehen habe, desto mehr realisiere ich, wie schön wir es hier haben. Als ich 14 oder 15 war, sagte ich stets: Ich will einmal auswandern. Ich mochte unser Wetter an manchen Tagen nicht ausstehen. Dann reiste ich viel, war lange in Australien, hatte immer tolle Strände um mich herum, aber ich merkte zunehmend, wie verwöhnt wir in der Schweiz sind. Und ja, einmal Weihnachten in der Wärme, das ist o.k., aber bitte nie wieder (lacht).

Am Sonntag vor einer Woche wurden Sie als Schweizer Sportlerin des Jahres ausgezeichnet. Was bedeutet Ihnen das?

Ziemlich viel. Es ist eine extreme Ehre, diese Anerkennung zu erhalten. Man merkt: Da haben viele Leute mitbekommen, was ich geleistet habe. Es ist mir schon wichtig, was die Leute in der Schweiz über mich denken.

Die Preisträger 2018: Sportler des Jahres Nino Schurter (l.) und Sportlerin des Jahres Daniela Ryf.

Die Preisträger 2018: Sportler des Jahres Nino Schurter (l.) und Sportlerin des Jahres Daniela Ryf.

Viele behaupten genau das Gegenteil: Es sei Ihnen völlig egal, was das Umfeld denke.

Ich würde lügen, wenn ich Ähnliches behauptete. Schliesslich vertrete ich gewissermassen auch die Schweiz im Ausland. Wenn ich nun das Gefühl hätte, die Leute denken, ich mache einen schlechten Job, würde ich mich schon fragen, was ich falsch mache. Aber klar, dieses Gefühl, Anerkennung zu bekommen, hängt nicht alleine von einem Award ab. Es berührt mich auch, Reaktionen zu lesen, wenn Leute die ganze Nacht wach bleiben und mit mir mitfiebern während meines Rennens.

Ihr diesjähriger Triumph auf Hawaii hat Hollywood-Potenzial. Zuerst werden Sie kurz vor dem Start von einer Qualle gebissen, es scheint, als wären Sie geschlagen. Dann die imposante Auferstehung bis zum Sieg in Rekordzeit.

Der Quallenbiss macht alles ein wenig dramatischer. Ich habe ja immer gesagt, ich möchte Rennen zeigen, an die man sich erinnert. Aber so habe ich das schon nicht gemeint.

Haben Sie ans Aufgeben gedacht?

Aufgeben ist keine Option. Das war mir eigentlich klar. Ich spürte zeitweise meine Arme im Wasser gar nicht mehr. Aber ich dachte: Dann habe ich halt 16 Stunden, aber wenigstens habe ich das Rennen geehrt. Schliesslich hat mir Hawaii auch so vieles gegeben. Und trotzdem hängt alles an einem seidenen Faden. Hier kommt das Mentale ins Spiel. Es schossen mir unendlich viele Gedanken durch den Kopf. Ich könnte drei Stunden darüber reden.

Tun Sie es!

Ich wusste: Wenn ich jetzt aufgebe, verkrieche ich mich ins Hotel und bemitleide mich selbst. Also mache ich weiter, so gut es eben geht. Gleichzeitig denke ich plötzlich zurück ans letzte Jahr, als ein Kollege ebenfalls von einer Qualle gebissen wurde, später erbrechen musste und im Spital landete. Ich stelle mir Fragen: Bin ich jetzt in Gefahr? Sind Rettungsschwimmer da? War es das jetzt, so lange trainiert und jetzt schwimmen einfach alle an mir vorbei? Zum Glück konnte mich im Wasser niemand sehen. Ich wollte nicht den Leuten ins Gesicht schauen müssen und ihnen ansehen, wie sie denken: Was läuft mit Ryf falsch? Mitleid ist das Schlimmste.

Wie kämpften Sie sich zurück?

Wichtig war meine Einstellung, dass es nie ein Rennen geben wird ohne Probleme. Und dann konnte ich mich Schritt für Schritt aufrichten. Mit kleinen Zwischenzielen. Indem ich merkte, ich bin ja nur 10 Minuten hinter der Spitze, nicht die erwarteten 20 Minuten, fühlte sich sogar das Schwimmen als kleiner Sieg an. Dann fasste ich neues Vertrauen für die Rad- und Laufstrecke. So ging das immer weiter. Bis am Ende dieser unfassbare Sieg stand, gar mit Rekordzeit. Es ist schon verrückt, wie nahe die Gefühlswelten sein können. Eine extremere emotionale Differenz ist kaum denkbar.

Müssen Sie Ihren Kopf überlisten, um in einer solchen Extremsituation durchzuhalten?

Das Ziel ist, in einen Flow zu kommen. Dass alles läuft. Ohne zu überlegen. Aber nicht zu denken, ist das Schwierigste. Denn man hat sehr viel Zeit mit sich selbst während eines Rennens.

Kann man das mentale Verhalten trainieren?

Zu einem gewissen Teil. Ich würde diese Fähigkeiten aber eher als Charaktersache bezeichnen. Und ich bin überzeugt, dass Erfahrung hilft. Ich weiss nicht, ob ich vor vier Jahren so einen Quallenbiss schon hätte durchstehen können.

Hat ein Ironman auch etwas Meditatives?

Mit Sicherheit! Also vor allem im Training. Wenn ich auf der Rolle oder auf dem Laufband trainieren kann, eine Stunde alleine in einem isolierten Zustand bin, vielleicht noch etwas Musik höre, dann bin ich nach der Einheit entspannter. Weil ich alle Gedanken rausfliessen lassen konnte. Es ist schon eine Art Meditation, vergleichbar mit Yoga, man geht in sich rein, kann loslassen und muss nichts überlegen.

Ist das auch ein Grund für die Popularität von Ausdauersportarten im Volk?

Ich denke schon. Es geht nicht darum, den Körper immer mehr zu quälen und noch verrücktere Dinge zu tun. Sondern darum, Abstand vom Alltag zu gewinnen, einen neuen Weg zu sich selbst zu finden. Man ist so viel mit sich selbst beschäftigt, dass man sehr viel über sich lernt. Wer einem Burnout vorbeugen will oder nach schwierigen Zeiten neue Reize sucht, der ist in unserem Sport sehr gut aufgehoben.

Sie vergleichen den Rausch-Zustand jeweils mit einer gelungenen Partynacht.

Genau. Irgendwann spürst du auf der Tanzfläche nur noch den Moment. Selbst mit sehr hohen, unbequemen Schuhen. Alles rund um einen geht vergessen. Und es könnte einfach ewig weitergehen.

Der Ironman Hawaii ist jedes Jahr Ihr grosses Saisonziel. Wird das irgendwann einmal langweilig?

Bis jetzt nicht (lacht). Ich bin nun fünf Mal gestartet. Und jedes Rennen hat wieder eine völlig andere Geschichte. Ich weiss nie, was kommt. Das ist das Faszinierende.

Sie sind zum vierten Mal in Serie Weltmeisterin, Sie stellen trotz Quallenbiss eine Rekordzeit auf. Dabei wird der Abstand zu den schnellsten Männern immer kleiner. 33 Minuten und 39 Sekunden verloren Sie auf den Sieger im Männer-Rennen in diesem Jahr. Ist es möglich, dass Sie irgendwann sogar geschlechterübergreifend zuoberst auf dem Podest stehen?

Das wäre schon crazy. Aber wieso nicht an das Unmögliche glauben? Doch mein Ziel ist es eigentlich nicht, die besten Männer zu schlagen. Eher, sie zu analysieren und mich zu fragen: Was kann er, was ich nicht kann?

Also halten Sie den Geschlechterkampf nicht für erstrebenswert?

Nein, nicht unbedingt. Es gibt erwiesene Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Darum gibt es auch verschiedene Kategorien. Trotzdem sehe ich es nicht als unmöglich an, dass Frauen so gut sein können wie Männer. Wenn ich jemanden vor mir sehe, dann möchte ich diese Person einfach einholen, egal ob Mann oder Frau.

In einem Porträt über Sie im «Magazin» stand: «Ryf strahlt etwas Unantastbares und Einschüchterndes aus – ein bisschen Lara Croft oder Anführerin einer Streetgang.»

Das sehe ich nicht ganz so (lacht).

Aber wenn Sie das nun hören, wie denken Sie darüber?

Ich bin nicht so stark, wie ich manchmal wirke. Eine Anführerin einer Streetgang also (überlegt). Ich wirke manchmal wegen meines Fokus sicherlich recht hart. Das ist so – im Rennen. Aber sonst bin ich wirklich sehr normal. Ich habe zwei Seiten in mir drin. Wenn ich an einem Rennen starte, bin ich anders, als wenn ich mit Freundinnen ausgehe. Aber Lara Croft finde ich ziemlich cool, diesen Vergleich nehme ich als Kompliment.

Können Sie Ihre zwei Seiten auf Knopfdruck wechseln oder geschieht das automatisch?

Ich bin einfach extrem zielstrebig und ehrgeizig. Und ich bin sehr froh, dass ich das im Sport ausleben kann. Aber ich habe nicht zwei Leben. Wer also im Sport ehrgeizig ist, ist es wohl auch im Privatleben. Aus meiner Sicht ist genau dies der härteste Aspekt eines Spitzensportlers. Man ist es nicht von morgens um 7 Uhr bis abends um 18 Uhr – sondern 24 Stunden am Tag.

Und 350 Tage im Jahr?

Mittlerweile nicht mehr ganz. Ich musste lernen, zu erkennen, dass es auch wichtig ist, einige Wochen nicht daran zu denken, dass ich Spitzensportlerin bin. Und trotzdem: Ein Lewis Hamilton kann seinen Formel-1-Wagen auch mal abstellen. Ich trage meine Rennmaschine immer mit mir.