Ein gut erzogener Japaner weiss, was sich gehört. Und deshalb verneigte sich Ryoyu Kobayashi, nachdem er gerade die Skisprung-Welt auf Links gedreht hatte, voller Respekt vor den grossen Vorbildern.

Fast schon schüchtern lugte der kleine Japaner hinter der grossen Goldadler-Trophäe hervor, lobte Sven Hannawald und Kamil Stoch, deren Grand Slam bei der Vierschanzentournee er soeben nachvollzogen hatte. Vor allem aber bedankte sich «Roy», wie sie ihn in Japans Mannschaft rufen, bei seinem Vorgesetzten – dem er nun den Tourneesieg voraushat.

«Noriaki Kasai ist mein Boss bei unserem Sponsor», sagte Kobayashi, der wie alle japanischen Skispringer bei einem Werksteam angestellt ist, in seinem Fall jenem des Wohnungsbau-Multis Tsuchiya Holdings mit «Flugsaurier» Kasai als Aushängeschild: «Dass er mir hier als Erster gratuliert hat, bedeutet mir sehr viel.»

Vier Siege in vier Tourneespringen

Kasai, der selbst mit 46 Jahren bei seiner 29. Tournee weit hinterhersprang, hatte seinem nicht einmal halb so alten Eleven zuvor mit wertvollen Weisheiten ausgeholfen, ihn noch bei den Sommerspringen zur Mässigung aufgerufen. «Nori sagte mir, dass ich nicht jubeln soll, weil es ja um nichts geht. Aber jetzt ist es Winter. Jetzt darf ich jubeln», sagte Kobayashi.

Und er jubelte mit grösster Berechtigung: Mit vier Siegen in vier Tourneespringen zog Kobayashi mit Hannawald (2001/02) und Stoch (2017/18) gleich, denen jene titanische Leistung zuvor als Einzigen gelungen war. «Grosse Springer», so nannte Kobayashi den Deutschen und den Polen, mit denen er sich lange nicht zu vergleichen wagte.

«Wissende reden nicht, Redende wissen nicht»

Weil ein japanisches Sprichwort besagt, dass die Wissenden nicht reden und die Redenden nicht wissen, wollte Kobayashi auch nach dem grössten Erfolg seiner Karriere nicht allzu viel über sich sprechen. Das übernahmen in Bischofshofen andere. Auch solche, die durchaus zur Kategorie der Wissenden gehören.

«Ryoyu ist ziemlich nah dran am perfekten Sprung», sagte Hannawald, der sich mit Zuwachs im Grand-Slam-Klub immer mehr anfreundet: «Ich bin ganz entspannt, seit Kamil das letztes Jahr gelungen ist.

Ob zwei, drei oder vier jetzt drin sind – herzlich willkommen.» Der deutsche Bundestrainer Werner Schuster meinte: «Kobayashi hat eine supersaubere Technik, fantastisch. Er hat so viel Geschwindigkeit, dass er fast nichts mehr falsch machen kann. Er ist ein kompletter Skispringer.»

Nicht nur Porsche fahren

Einer, der lange als schlampiges Talent, als Faulpelz gar galt, der noch in der gesamten Saison 2016/17 bei 17 Einsätzen ohne Weltcup-Punkt blieb, ehe ihm der finnische Trainer Janne Väätainen Beine machte. «Als Ryoyu verstanden hat, mehr machen zu müssen als nur Porsche zu fahren, ist er gut geworden», sagte Väätäinen der Tiroler Tageszeitung über den jungen Lebemann mit dem ausgeprägten Faible für hippe Mode und fixe Autos.

Kobayashi hat verstanden – und wie er verstanden hat: «Roy» kann über Jahre hinweg der König der Schanzen bleiben, «King Kobayashi» kann eine Ära prägen. Und wenn er dabei fleissig und höflich bleibt, dann ist auch der Boss zufrieden.