Was ist Macht? Die kurze Definition im Duden: «Macht ist die Möglichkeit oder Freiheit, über Menschen und Verhältnisse zu bestimmen.» Ob und wie diese Macht ausgeübt wird, ist ziemlich unterschiedlich von Fall zu Fall. Manch ein Mächtiger ist sich ob seines Einflusses gar nicht bewusst. Genauso verhält es sich bei Granit Xhaka.

Der 26-jährige Fussballer steht erstmals an der Spitze der Rangliste der mächtigsten Schweizer Sportpersönlichkeiten der «Schweiz am Wochenende». Xhaka hat nicht das Bedürfnis, seine Macht gezielt auszuspielen. Doch sein Wesen und Wirken im Jahre 2018 hat eben doch dazu geführt, im Schweizer Fussball gemäss Definition über Menschen und Verhältnisse zu bestimmen.

Warum? Beginnen wir am 22. Juni 2018. Die Schweiz spielt ihr zweites WM-Spiel gegen Serbien. Es ist der Abend, der so vieles verändert in der Schweizer Sportlandschaft. Am Anfang steht eine kleine Geste. Die Hände übereinander gefaltet. Die beiden Daumen miteinander verhakt. Die Finger bewegen sich auf und ab. Der Doppeladler. Granit Xhaka zeigt ihn nach seinem Treffer zum zwischenzeitlichen 1:1. Seine Teamkollegen Shaqiri und Lichtsteiner ziehen nach. Aber Xhaka ist es, der die folgenden, wochenlangen Debatten auslöst. Die genaue Bedeutung des Doppeladlers, ob er nun politisch gemeint ist oder nur als Ausdruck der Freude, ist nicht einmal entscheidend. Fakt ist: Xhaka bringt den Schweizer Fussball zum Erzittern.

Nati-Trainer? Xhaka entscheidet

Die Fussball-Bosse irrlichtern verloren durch die Gegend, als befänden sie sich nachts alleine in russischen Wäldern. Die ungenügende Vorbereitung wird plötzlich für jeden sichtbar. Eine rechtzeitige Aufarbeitung während der WM bleibt aus. Im Gegenteil. In unmittelbarer Folge des Turniers bricht die Doppelbürger-Debatte aus. Verursacht von Generalsekretär Alex Miescher, der infrage stellt, ob der Schweizer Fussball weiter auf Spieler mit mehreren Herkünften setzen soll – wohl, weil auch er mit dem Doppeladler überfordert ist. Xhakas Antwort ist an Deutlichkeit nicht zu überbieten: «Das waren Steinzeitkommentare.» Die Folge: Miescher muss wenig später zurücktreten. Präsident Peter Gilliéron kann sein Gesicht mit einem angekündigten Rücktritt per Mitte 2019 gerade noch wahren. Schliesslich stolpert auch Nationaltrainer Vladimir Petkovic beinahe über die WM und ihre Folgen.

Nach dem WM-Achtelfinal-Out gegen Schweden (0:1) ist er ein Trainer auf Bewährung. Eine Frage lautet: Warum gelang es Xhaka nicht, seine bestmögliche Leistung abzurufen? Und die Anschluss-Frage: Schafft es Petkovic, aus den Stars im richtigen Moment die letzte Leidenschaft herauszukitzeln?

Es wäre für Xhaka ein Leichtes gewesen, die Entlassung des Trainers zu provozieren. Doch er lässt Petkovic nicht hängen. Hilft stattdessen tatkräftig mit, dass sich das gesamte Team aufrafft – und im Herbst phasenweise begeistert (6:0 gegen Island, 5:2 gegen Belgien). Auch hierfür ist Xhaka die entscheidende Figur.

Xhakas Lektion für die Welt

Das alles zeigt: Xhaka hat sich zur dominierenden Stimme im Schweizer Fussball emporgearbeitet. Er gibt nicht nur auf dem Feld die Richtung vor. Sondern auch neben dem Platz. Und das wird so bleiben. Xhaka ist erst 26-jährig, hat aber schon 72 Länderspiele absolviert. Dass er dereinst Schweizer Rekordinternationaler wird, scheint ziemlich wahrscheinlich. Vorerst hat er sich zum designierten neuen Captain der Schweizer Nati emporgearbeitet. Lichtsteiner steht im Herbst der Karriere, Xhaka ist als Spiritus Rector des Teams prädestiniert für die höchste Führungsrolle.

Damit wird der defensive Mittelfeldspieler seine Position als einflussreichster Mann in der wichtigsten Schweizer Publikumssportart weiter zementieren. Mit Recht. Xhaka verkörpert die gelungene Integration von Secondos durch den Fussball wie kein Zweiter. Zudem hat er im Vereinsfussball eine Bilderbuchkarriere hinter sich (Basel, Mönchengladbach, Arsenal). Er dient damit jedem Junior als Vorbild. So sehr wie kein anderer Schweizer Fussballer.

Granit Xhakas Macht im Schweizer Sport ist unbestritten. Vielleicht aber hat er sogar der Welt eine kleine Lektion erteilt. Seit seinem Doppeladler bei Schweiz - Serbien an der Fussball-WM auf grösstmöglicher Bühne wird kaum mehr jemand ernsthaft behaupten, Sport habe nichts mit Politik zu tun.

Gianni Infantino (Vorjahr: 2)

Platz 2

Gianni Infantino (Vorjahr: 2)

Nach den bevorstehenden Rücktritten von René Fasel (Eishockey) und Gian Franco Kasper (Ski) verbleibt der Walliser als einziger Schweizer an der Spitze eines grossen Sportverbandes. Selbst wenn die Kritik an Gianni Infantino in westlichen Medien nicht abreisst, ist ihm die Wiederwahl beim Fifa-Kongress am 5. Juni 2019 sicher. Bereits jetzt hat er die Mehrheit der Kontinentalverbände hinter sich. Der 48-Jährige wird demnach für weitere vier Jahre die Geschicke des wichtigsten Sportverbandes der Welt leiten. Aus westeuropäischer Sicht mag dies erstaunen, nimmt die Intensität der Vorwürfe gegen ihn doch laufend zu. Waren es direkt nach der Wahl noch Einladungen zu Flugreisen, welche zu Fifa-internen Untersuchungen führten, so machte Infantino 2017 mit der Abwahl der Ethikrichter von sich reden. Er ersetzte den unangenehmen und unabhängigen Schweizer Chef-Ermittler Cornel Borbely durch die Kolumbianerin Maria Claudia Rojas.

Seither hat man von der Ethikkommission der Fifa nicht mehr viel gehört. 2018 lautete der Vorwurf gar, der Italo-Schweizer plane für 25 Milliarden Dollar den Verkauf der Fifa an ominöse Investoren aus dem arabischen Raum. Doch auch diese Enthüllungen durch die Plattform «Football Leaks» überstand Infantino unbeschadet. Vor kurzem hatte der Fifa-Präsident gar die Möglichkeit, im Rahmen des G20-Gipfels in Argentinien vor der versammelten politischen Prominenz eine Rede zu halten. Er ist derzeit wohl der einzige Mensch weltweit, der sowohl US-Präsident Donald Trump, dem russischen Staatschef Wladimir Putin und dem chinesischen Machthaber Xi Jinping die Hände schütteln kann. Von der ursprünglichen Idee der Fifa-Reformen, dass der Präsident nur noch repräsentativ tätig ist, bleibt unter Gianni Infantino nicht viel übrig. Er ist der klare Chef und sein Einfluss ist so gross wie nie zuvor.

Roger Federer (Vorjahr: 1)

Platz 3

Roger Federer (Vorjahr: 1)

Er bekleidet kein offizielles Amt. Er achtet penibel darauf, sich bei politischen Fragen nicht zu sehr zu exponieren. Selbst aus dem Spielerrat der Profi-Vereinigung ATP, den er über Jahre präsidierte, ist er längst ausgeschieden. Und doch sind die Macht und die Strahlkraft von Roger Federer unbestritten. Als er im vergangenen Sommer in Wimbledon mit dem Logo seines neuen Ausrüsters Uniqlo auf den Platz lief, erlitt der Aktienkurs seines bisherigen Partners Nike einen spürbaren Knick. Wer im Tennis eine Reform durchbringen will, hofft auf die Fürsprache des Traditionalisten. Als erfolgreichster Athlet in der Geschichte seines Sports übt der Baselbieter Macht aus, ob er es will oder nicht. Nicht nur durch seine Worte, sondern auch durch Tun und Nichttun.

Unter seiner Ägide als Präsident des Spielerrats hat sich die Preisgeldspirale im Welttennis unaufhaltsam nach oben gedreht. Seine Macht im Sport war allerdings nie durch ein Amt begründet. Der Erfolg hat die Macht zwar legitimiert, doch von den Resultaten hat sich Federer längst emanzipiert. Seine Strahlkraft geht weit über den Sport hinaus. Er sammelt mit Microsoft-Gründer Bill Gates Geld für seine Stiftung. Er trifft sich mit Präsidenten und Modeschöpfern. Mit den Schönen und Reichen dieser Welt ist er auf Du und Du. Doch was ihn wirklich auszeichnet, ist, dass er dabei immer die Werte verkörpert, die er einst gelehrt worden ist: Demut, Hingabe, Bescheidenheit und Respekt. Auch jenen gegenüber, die auf der Schattenseite des Lebens stehen. Was kaum bekannt ist: Wichtig ist Federer nicht nur als Idol und Wegbereiter einer Generation, sondern auch als Geldgeber. Über seine Stiftung hat er seit 2007 904 000 Franken an die Schweizer Sporthilfe weitergegeben und damit Karrieren ermöglicht. Als 19-Jähriger sagte er: «Es ist nett, wichtig zu sein, aber wichtiger, nett zu sein.» Roger Federer ist beides. Unbestritten.

Roland Mägerle (Vorjahr: 4)

Platz 4

Roland Mägerle (Vorjahr: 4)

Die Stelle des «Sportchefs» bei unserem staatstragenden Fernsehen war, ist und bleibt eine zentrale Machtposition im helvetischen Sport. Roland Mägerles Vorgänger Urs Leutert hat die Eigenständigkeit der Sportabteilung im TV-Gemischtwarenladen erstritten und erreicht, dass der Sport eine selbstständige Abteilung («Business Unit») mit Budgethoheit wird und damit die Position des Sportchefs massiv aufgewertet. Roland Mägerle hat seine ganze Karriere (und Macht) seit 2004 politisch klug, hartnäckig und höchst erfolgreich im TV-Fuchsbau vorangetrieben. Das Musterbeispiel eines freundlichen, aber ehrgeizigen «Leutschenbach-Apparatschiks». Er führt den TV-Sport geschickt in der schwierigsten Phase der Geschichte: Die privaten TV-Anbieter konkurrenzieren das öffentlich-rechtliche Fernsehen im Kerngeschäft – also bei den Live-Übertragungen – wie nie und inzwischen reicht das zwangserhobene Gebührengeld nicht mehr aus, um Klassiker wie alle Spiele der Berner Young
Boys in der Champions League im Fussball zu finanzieren.

Daher bekommt die «Swissness», die Hege und Pflege des eidgenössischen Sportes, der Randsportarten oder des internationalen Sportes mit Schweizer Beteiligung eine grössere Bedeutung. So rückt der Mann, der das letzte Wort hat, was über den Sender geht und was nicht, in eine zentrale Machtposition: Die TV-Präsenz ist gerade für Verbände und Veranstalter von Sparten, die nicht zum «Big Business» gehören, der Sauerstoff für die Geldbeschaffung und von existenzieller Bedeutung. Roland Mägerle hat ein Faible für Sportarten im Windschatten des grossen Geldes, neigt zu technisch wohl perfekter, aber braver, klassischer Aufbereitung des Sportes in Zeiten, in denen das sportliche Spektakel mehr denn je ein Teil der Unterhaltungsindustrie geworden ist. 

Urs Lehmann (Vorjahr: 6)

Platz 5

Urs Lehmann (Vorjahr: 6)

Obwohl er am 1. April erst 50 Jahre alt wird, prägt Urs Lehmann den Schweizerischen Skiverband Swiss Ski seit vielen Jahren. Seit 12 Jahren ist er im Präsidium, seit über 10 Jahren ist er Präsident – und somit länger im Amt als alle seine Vorgänger. Während er zu Beginn seiner Tätigkeit grossen Einfluss in das operative Tagesgeschäft nahm, hat sich Lehmann in den vergangenen Jahren vermehrt in den Hintergrund zurückgezogen.
Dies aber ganz bewusst, ist es doch sein eigenes Verdienst. Der Aargauer Abfahrtsweltmeister von 1993 hat es geschafft, im Verband Strukturen zu schaffen, die funktionieren. Sein Credo: Eingreifen wenn nötig, tun lassen, wenn es läuft. Trotzdem hat er die Kontrolle. Sollten Probleme auftauchen, scheut er sich nicht, auch öffentlich Kritik zu üben. Und er tut dies auch gegen oben: So kritisiert er immer wieder den Internationalen Skiverband FIS, jüngst für dessen Einführung von neuen Formaten im alpinen Skisport.

Lehmann gilt als Macher, der umsetzt, was er ankündigt. Das bringt ihm viele Fürsprecher. So gilt der Schweizer als aussichtsreicher Kandidat für die Nachfolge von Landsmann Gian-Franco Kasper, der seine letzte Amtszeit als FIS-Präsident bestreitet. Lehmanns Traum ist es schon seit vielen Jahren, Österreich als Skination Nummer eins abzulösen. Seit 1989 standen die Schweizer nie mehr zuoberst. Er ist überzeugt, dass dies in den nächsten drei bis vier Jahren gelingen könnte. Es wäre quasi die Krönung seiner Tätigkeit als Swiss-Ski-Präsident. Denn trotz sinkender Mitgliederzahlen ist der Skisport in der Schweiz noch immer stark verankert und wichtig – die Nummer eins mehr als ein Prestigeerfolg. Neben der Tätigkeit für Swiss Ski ist Lehmann CEO der Firma Similasan, die homöopathische Produkte herstellt. Beide Ämter zu vereinen, führe dazu, dass er im Winter bis zu 90 Stunden pro Woche arbeite.

Platz 6-50: Klicken Sie sich durch die Bildergalerie.