Die 28-Jährige lässt diese Woche einen Gesprächstermin mit der Verbandsspitze platzen und wendet sich stattdessen an die Medien. Ein Hilfeschrei! «Ich fühle mich vom Verband verarscht», sagt das Aushängeschild der traditionsreichen Sportart, «man hat mir den Boden unter den Füssen weggezogen». Finden die beiden Parteien keinen gemeinsamen Weg, wird eine realistische Olympiamedaille in 18 Monaten in Tokio aufs Spiel gesetzt.

Der Konflikt zwischen Athletin und Verband schwelt seit Monaten. Nach den Olympischen Spielen von Rio (5. Platz) liefert Jeannine Gmelin unter dem damaligen Headcoach Dowell eine eindrückliche Erfolgsbilanz ab. In 22 Rennen in Serie bleibt die Zürcherin ungeschlagen, wird 2017 Weltmeisterin und gewinnt den Gesamtweltcup. Weil die Saison 2017 für Swiss Rowing aber auch die Erkenntnis bringt, dass es mehr Trainerkapazitäten braucht, erhält Dowell einen neuen Headcoach vor die Nase gesetzt. Der Brite bleibt zwar wichtigste Bezugsperson für Gmelin, für die Trainingsphilosophie und -pläne zeichnet seit letztem Jahr jedoch der Westschweizer Edouard Blanc verantwortlich. Gmelin wird an der WM «nur» Zweite. Sie sieht den Grund am geänderten Training und macht sich Sorgen um ihre Zukunft. Die neuen Trainingspläne setzten ihre Chancen auf eine Olympiamedaille aufs Spiel, glaubt sie.

Aussprache, dann Entlassung

Gmelin schreibt der Verbandsspitze Ende November einen Brief, in welchem sie ausführlich und in sachlicher Weise begründet, wieso sie Handlungsbedarf ausmacht. Sie wirft der sportlichen Führung vor, dass man sie bei der Entmachtung von Robin Dowell im Frühling nicht einmal um ihre Meinung gefragt habe und ihre Anliegen auch bei zwei Gesprächen im Herbst nicht aufgenommen wurden. Gmelin fordert eine Rückkehr zu den alten Trainingsplänen. Am 19. Januar kommt es zu einem Treffen aller Beteiligten. Vier Stunden lang wird diskutiert. Sie sagt, man habe innerhalb des bestehenden Rahmens Spielraum gesucht, um individuell auf ihre Bedürfnisse einzugehen. Nur eine Woche später entlässt der Verband ihren Trainer. «Damit wurden all meine Überlegungen und die ganzen Diskussionen hinfällig», sagt Gmelin. Das Vertrauen sei auf einen Schlag zerstört worden.

Auch Verbandsdirektor Christian Stofer, selber ehemaliger Spitzenruderer, spricht davon, dass die Vertrauensbasis nicht mehr gegeben sei. Er meint damit aber das Verhältnis innerhalb des Trainerteams. Zu Jeannine Gmelin sagt er: «Wir wollen sie dabei unterstützen, erfolgreich zu sein. Dies innerhalb unserer Struktur, die Jeannine kennt und die sich auf ihrem Weg bewährt hat.» Stofer gibt zu, dass sich Athletin und sportliche Führung bei der Saisonanalyse und den daraus zu ziehenden Schlüssen nicht einig seien.

Beidseitige Gesprächsbereitschaft

Dem Entscheid, sich von Robin Dowell zu trennen, sei eine ausführliche Lagebeurteilung vorhergegangen. «Aber Personalentscheide bedürfen Diskretion und sind bei uns keine basisdemokratische Sache. Wir übernehmen auch die Verantwortung dafür.» Er appelliert an seine erfolgreichste Athletin, sich von Fakten und nicht von Gefühlen leiten zu lassen. «Wir haben Jeannine geschrieben, dass wir mit ihr reden wollen. Wir sind bereit, die Hand zu reichen. Und wir sind bereit, innerhalb unseres Systems auf ihre Bedürfnisse einzugehen. Es braucht jetzt aber dringend Sachlichkeit in der Diskussion.» Auch die Erfolgsathletin ist sich bewusst, dass es weitere Gespräche geben muss. «Aber in diesem Moment bin ich sehr traurig und noch nicht bereit dazu.»