Zum Spitzensport gehört Werbung genauso wie die Sportlerinnen und Sportler selber. Ohne finanzielle Unterstützung durch Sponsoren wären viele Höchstleistungen gar nicht möglich: Material, Trainerstaff, Trainingslager, medizinische Betreuung – all das muss bezahlt werden, um im Kampfum Punkte und Hundertstelsekunden vorne dabei sein zu können. Die Athleten sind auf ihre Geldgeber angewiesen. Doch wie weit darf diese Abhängigkeit gehen? Die 31-jährige Schweizer Juristin Anne-Sophie Morand hat sich in ihrer Doktorarbeit «Persönlichkeitsrechtliche Schranken im Sportsponsoring» mit diesem Thema beschäftigt.

Anne-Sophie Morand, wie sind Sie auf das Thema Sportsponsoring und Persönlichkeitsrechte gekommen?

Anne-Sophie Morand: Das Thema Sponsoring interessierte mich schon lange. Zudem kenne ich auch zahlreiche Sportler persönlich und war immer wieder erstaunt, wie stark Sponsoren in den Sport eingreifen können. Deshalb wollte ich das Machtgefälle zwischen Sponsoren und Sportlern aufzeigen und die Frage beantworten, wo hier die Grenzen liegen.

Profisportlerinnen und -sportler haben ihr Hobby zum Beruf gemacht. Darüber sollten Sie doch einfach froh sein.

Eben nicht. Spitzensport ist kein Hobby, Spitzensportler belasten ihren Körper extrem und haben viele Verpflichtungen, denen sie sich fügen müssen, um ihren Sport überhaupt ausüben zu können. Der zivilrechtliche Persönlichkeitsschutz schütztdie Sportler einerseits vor ungerechtfertigten Eingriffen von aussen und andererseits vor einer übermässigen vertraglichen Selbstbindung. Das heisst, die individuelle Freiheit eines Sportlers darf durch einen Sponsoringvertrag zwar eingeschränkt werden, aber eben nur bis zu einem gewissen Grad.

Anne-Sophie Morand, 31, studierte an den Universitäten Luzern und Neuchâtel Rechtswissenschaften. 2012 machte sie den Masterabschluss, von 2013 bis 2016 doktorierte sie an der Universität Luzern. Ihre Doktorarbeit Persönlichkeitsrechtliche Schranken im Sportsponsoring» wurde diesen Herbst mit dem alle zwei Jahre vergebenen Schweizer Sportrechtspreis ausgezeichnet. Derzeit arbeitet sie als wissenschaftliche Politikstipendiatin bei den Parlamentsdiensten in Bern. Morand lebt in Kriens und präsidiert die dortigen Jungfreisinnigen. Die Hobby-Triathletin spielte Fussball für den FC Yverdon Féminin in der NLA, als Tennisspielerin war sie in der NLC für den TC Lido aktiv. (ca)

Zur Person

Anne-Sophie Morand, 31, studierte an den Universitäten Luzern und Neuchâtel Rechtswissenschaften. 2012 machte sie den Masterabschluss, von 2013 bis 2016 doktorierte sie an der Universität Luzern. Ihre Doktorarbeit Persönlichkeitsrechtliche Schranken im Sportsponsoring» wurde diesen Herbst mit dem alle zwei Jahre vergebenen Schweizer Sportrechtspreis ausgezeichnet. Derzeit arbeitet sie als wissenschaftliche Politikstipendiatin bei den Parlamentsdiensten in Bern. Morand lebt in Kriens und präsidiert die dortigen Jungfreisinnigen. Die Hobby-Triathletin spielte Fussball für den FC Yverdon Féminin in der NLA, als Tennisspielerin war sie in der NLC für den TC Lido aktiv. (ca)

Man muss den Sportler vor sich selbst schützen? Im körperlichen Sinne?

Denken Sie an die Extremsportler wie Base Jumper. Diese Sportler machen etwas, was wir Normalbürger niemals tun würden. Dadurch erlangen sie fast schon Heldenstatus und werden auch für Sponsoren interessant. Diese Sportler brauchen den Kick. Aber die finanzielle Unterstützung, um die Stunts auszuführen, erhalten sie nur, wenn sie sich von anderen Extremsportlern abheben, das heisst, wenn sie immer waghalsigere Sachen wagen. Der Sponsor, zum Beispiel Red Bull, dürfte einen Sportler rechtlich gesehen gar nicht zu einer extrem gefährlichen Werbeaktion verpflichten. Im Gegenteil – er müsste wie ein Arbeitgeber sogar Schutzpflichten gegenüber dem Sportler wahrnehmen. Jedoch verpflichtet er ja einen Extremsportler genau wegen des grossen Risikos, das dieser eingeht. Ein Dilemma.

Auf Sporttrikots wird für alles Mögliche geworben. Auch für Dinge, die der politischen oder religiösen Überzeugung eines Sportlers widersprechen können. Der senegalesische Fussballprofi Papiss Cissé weigerte sich 2013, das neue Trikot seines damaligen Klubs Newcastle United zu tragen. Dies, weil er nach eigenen Angaben die Werbung für einKreditinstitut nicht mit seinem muslimischen Glauben vereinbaren konnte. So argumentierte auch der französisch-malische Fussballprofi Frédéric Kanouté, der 2006 beim FC Sevilla nicht mit der Werbung für einen Internet-Wettanbieter auflaufen wollte.

Die beiden genannten Fussballer wollten aus religiösen Gründen nicht mit den neuen Sponsoren ihrer Klubs auflaufen. Hatten sie Ihrer Meinung nach das Recht auf ihrer Seite?

Das Ausüben seines religiösen Glaubens ist ein Grundrecht und in unserer Verfassung verankert – gleiches gilt übrigens auch für die Meinungsäusserungsfreiheit. Der verfassungsrechtliche Schutz unterstreicht dieBedeutung des Bedürfnisses eines Sportlers,seine religiöse, politische oder persönliche Überzeugung auch während des Sports zu leben. Aus persönlichkeitsrechtlicher Sicht ist es daher grundsätzlich heikel, einen Sportler zu einer Trikotwerbung zu verpflichten, die klar seiner Weltanschauung widerspricht – zumal der Spieler häufig nicht einfach schnell den Klub wechseln kann. Am Ende ist es aber immer eine Frage der Interessenabwägung.

Weshalb?

Ein Eingriff in die Persönlichkeit eines Sportlers kann durch ein überwiegendes Interesse aufseiten des Klubs gerechtfertigt werden. Die Interessen des Klubs wiegen mindestens so schwer wie diejenigen des Spielers. Würde sich ein Spieler gegen seinen Klub durchsetzen, könnte dies dazu führen, dass sich ein grosser Sponsor zurückzieht. Das wäre weder im Interesse des Klubs noch der Mitspieler. Zudem könnte eine Sonderregelung von den Mitspielern auch als Privilegierung angesehen werden, was zu Spannungen im Team führen könnte.

Die beiden Konflikte endeten unterschiedlich: Cissé musste das Trikot tragen, Kanouté durfte die Werbung nach Absprache mit dem Klub und dem Sponsor überkleben . . .

Das hat vermutlich auch damit zu tun, dass Papiss Cissé in seiner Freizeit gelegentlich Casinos aufsuchte. Das widersprach ebenfalls seinem Glauben und dürfte seine Verhandlungsposition nicht gerade verstärkt haben . . .

Die Olympischen Spiele sind für die meisten Sportler Höhepunkt der Karriere. Das Zuschauerinteresse ist gross – und somit auch das Interesse der Sponsoren. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat strenge Regelungen aufgestellt, die jeder Teilnehmer respektieren muss. Geworben werden darf nur für die Sponsoren des IOC. Es darf nur Bekleidung von den Ausrüstern der nationalenKomitees getragen werden, bei allen anderen Kleidungsstücken müssen die Herstellerlogos entfernt werden. Neun Tage vor der Eröffnungsfeier beginnt zudem die «frozen period», die drei Tage nach der Schlussfeier endet. In diesen Wochen darf ein Sportler keine Werbung für seine Individualsponsoren betreiben – auch nicht auf der eigenen Website oder auf den verschiedenen Social-Media-Plattformen. Auch Glückwunsch-Inserate von eigenen Sponsoren sind nicht erlaubt.

Das sind heftige Einschränkungen . . .

Gerade für Sportler aus «kleinen» Sportarten, die bloss alle vier Jahre an den Olympischen Spielen einmal kurz im Rampenlicht stehen, sind sie schon fast existenzbedrohend. Aber auch andere Verbände haben sehr strenge Vorgaben.

Zum Beispiel?

Der Schweizerische Skiverband Swiss Ski ist sehr strikt, was private Sponsoren auf den Skidressen anbelangt. Dem Skifahrer steht einzig der Kopfsponsor zur freien Verfügung. Aber auch dieser muss vom Verband erst akzeptiert werden – und ein Teil der Einnahmen muss der Athlet auch noch an Swiss Ski abgeben.

Aber die alpinen Skifahrer haben dem Verband auch viel zu verdanken: Sie wurden von klein auf gefördert und erhalten auch als Profi viel Unterstützung. Ist es dann nicht korrekt, wenn der Sportler davon etwas zurückgibt, auch für die nächste Generation der Skifahrer?

Swiss Ski betreibt eine hervorragende Nachwuchsförderung. Davon bin ich überzeugt. Dennoch geht für mich der Eingriff zu weit, zumal ein Skirennfahrer ja auch nicht einfach den Verein oder das Land wechseln kann.

Was wäre dann eine faire Lösung?

Heute sind rund 50 Quadratzentimeter für den Individualsponsor zugelassen – die Verbandssponsoren erhalten 400 Quadratzentimeter. Ich finde, die Flächen auf den Dressen sollten gleichmässig verteilt sein. Schliesslich liegen die Persönlichkeitsrechte beim Einzelsport Ski alpin doch eher beim Sportler als beim Verband: Die Mehrheit der Zuschauer identifiziert sich beim Skirennen, anders als bei Teamsportarten, wohl eher mit dem einzelnen Rennfahrer.

Wieso klagt kaum jemand gegen solche Einschränkungen?

Vielen Sportlern ist es vermutlich egal, sie kennen ihre Rechte nicht oder schätzen ihre Chancen, gegen einen grossen Verband vorzugehen, als gering ein.

Die Klagen wären nicht per se chancenlos?

Ich denke nicht. Aber es braucht sehr viel Ausdauer und vor allem enorme finanzielle Mittel, die nur wenige Sportler haben. Aber ohnehin ist ein Gerichtsverfahren nicht immer die beste Lösung.

Was wäre besser?

Die Athleten sollten zusammenstehen und gemeinsam als Gruppe ihre Rechte gegenüber den Verbänden geltend machen. Im Idealfall kann so für beide Seiten eine zufriedenstellende Lösung gefunden werden. Ich bin überzeugt und wünsche mir, dass dies in Zukunft häufiger der Fall sein wird. Momentan regt sich in Athletenkreisen beispielsweise Widerstand gegen die strengen IOC-Auflagen, welche die Rechte des einzelnen Athleten sehr stark beschneiden.

Ihr Rat an die Sportler lautet also «verhandeln statt klagen»?

In erster Linie ja. Wichtig ist mir, dass die Sportler und ihre Manager ihre Rechte besser kennen und auch wahrnehmen wollen. Die Athleten sollen sich nicht freiwillig zu Marionetten der Sponsoren machen, sondern als selbstbestimmte Individuen anerkannt werden.