Die Szene ist schon fast idyllisch: Da steht Arnold Gjergjaj, der beste Schwergewichtsboxer, der je für die Schweiz in den Ring stieg, und hievt seinen 13 Monate alten Sohn Kastriot Rio in die Höhe: «Zu Hause ist er der Chef», sagt er und lacht. So sanft, so gutmütig bekommen seine Gegner den Riesen aus Pratteln (1,96 Meter, 112 Kilogramm) nie zu Gesicht. Auch hat ihm kaum einer von diesen den Schlaf geraubt wie etwa der kleine Rio. «Er hatte Fieber letzte Nacht», sagt die Kobra, als er seinen Sohnemann Angelo Gallina in die Hände drückt. Rio kann zwar noch nicht gehen, aber den Boxsack nimmt er sofort ins Visier und verpasst ihm einen Schlag.

Arnold «The Cobra» Gjergjaj zu seinem neuerlichen Angriff und dem neuen Trainer.

Arnold "The Cobra" Gjergjaj zu seinem neuerlichen Angriff und dem neuen Trainer.

Die Szene ist aber auch bemerkenswert. Denn kurz zuvor haben Gallina und Gjergjaj kundgegeben, dass ihre Zusammenarbeit beendet ist. Und das nach fast zehn erfolgreichen Jahren. Andernorts fliegen die Fäuste, Gallina und Gjergjaj aber stehen zusammen hin und nehmen Stellung. «Mein Gesicht braucht es nicht mehr. Meine Funktion ist seit zwei Jahren stillgelegt», sagt Gallina irgendwann im Verlauf der Pressekonferenz in Gjergjajs Box-Zentrum in Pratteln.

Man muss an dieser Stelle relativieren: Die Trennung verläuft in Etappen. Ihren Anfang nimmt sie mit dem Zweitrunden-K.-o. gegen David Haye im Mai 2016. Auf diesen Kampf haben sie jahrelang hingearbeitet. Und dann ist er so schnell vorbei, nach nur vier Minuten und 36 Sekunden. Es ist ein Schock.

Als Folge beendet Gallina seine Tätigkeit als Trainer, zieht aber im Hintergrund weiter die Fäden. Trainiert wird Arnold wenig später von Liesser Guzman. Der Kubaner hat sich in der Schweiz einen Namen gemacht durch seine Zusammenarbeit mit der Berner Weltmeisterin Aniya Seki.

Im Dezember 2017 steigt Gjergjajs letzter Kampf. Im Grand Casino Basel wird er vom deutlich schlechter klassierten Iren Sean Turner auf die Bretter geschickt, verliert durch K.-o. Eine weitere Zäsur. «Im Moment der Niederlage war für mich klar, dass ich aufhöre», sagt die Kobra rückblickend. Aber die Zeit verstreicht, die Gedanken ordnen sich. Ihm wird klar, was schieflief: «Ich war blockiert im Kampf. Der Gegner verhielt sich anders, als wir vermuteten.»

Weltmeistertitel bleibt das Ziel

Seither ist Guzman Geschichte. Er wollte Gjergjaj mehr Technik beibringen, ihn leichtfüssiger machen und entfremdete ihn dadurch von sich selbst. Das führte zur Verunsicherung im Ring. Und zum Engagement mit Beat Ruckli. Ruckli war schon zuvor eng mit Gjergjaj verbandelt, und er wohnt in Pratteln wie sein Schützling. Ruckli sagt: «Arnold war gegen Turner zu leicht (damals 105 Kilo, jetzt 112 Kilo).» Und die Kobra sagt über den neuen Trainer: «Er kennt mich, weiss, was meine Stärken sind, und versucht daran zu arbeiten mit mir.» Die harten Schläge, die starke Führhand – darauf bauen sie auf.

Am 1. September tritt die Kobra erstmals seit der Überraschungsniederlage gegen Turner wieder in den Ring. In Pratteln, vor seiner Haustür. Gegen den deutlich schlechter klassierten Georgier Gogita Gorgiladze (Weltranglisten-Nr. 424, Gjergjaj ist Nr. 87). Ein Aufbaugegner. Denn Gjergjaj sagt: «Ich will noch einmal ganz nach oben, dafür arbeite ich.» Und sein Cousin Bekim ergänzt: «Der Weltmeistertitel bleibt das Ziel.»

Auch wenn es dafür im Hintergrund noch immer das ordnende Händchen von Angelo Gallina braucht. Er ist es, der mit dem Gegner verhandelt hat, er hat die Verträge gemacht. Gallina sagt: «Das ist quasi ein Freundschaftsdienst. Ich bin da, wenn sie mich brauchen.» Strategisch aber mischt er sich nicht mehr ein.

Kontakt zu FCB-Burgener

Ob es klappt mit den hohen Zielen? «Arnold hat Schweizer Box-Geschichte geschrieben. Und er ist 33-jährig, da muss im Boxen noch lange nicht Feierabend sein», sagt Gallina. Zugleich sagt er auch: «Was Arnold und ich bewegt haben, war überdimensional. Wir sind auch an Grenzen gestossen.» Strukturelle, sportliche, aber auch finanzielle. Ob sich diese Grenzen sprengen lassen, ist fraglich.

Der Kontakt zu FCB-Präsident Bernhard Burgener ist auf jeden Fall schon einmal hergestellt. Die Hoffnung auf eine Box-Champions-League im Schwergewicht, wie sie Burgener für andere Gewichtsklassen schon aufgebaut hat, lebt. Will Gjergjaj dereinst einen Teil vom Kuchen, braucht er Siege. Zuerst in Aufbaukämpfen, dann in einem Spitzenkampf.

Der Weg dahin ist sehr weit und sehr holprig. Ein neuerlicher WM-Kampf? Unwahrscheinlich. Aber Gjergjaj wird alles geben, um die Kritiker Lügen zu strafen. Den Anfang macht er in Pratteln. Bei sich zu Hause.