Einfach in der Kabine bleiben. Protestieren, wo es keiner sehen kann. Ruhig auch auf Knien. So sah die nicht sonderlich kreative Idee der NFL aus, um die Kniefälle ihrer Footballprofis beim Abspielen der US-Nationalhymne zu verhindern und die mittlerweile seit Jahren tobende Debatte darum endlich zu ersticken. Doch so einfach ist das unangenehme Thema dann doch nicht vom Tisch zu wischen, es ist und bleibt heiß.

In der Nacht zu Freitag beginnt die neue Saison in der National Football League, Super-Bowl-Champion Philadelphia Eagles trifft auf die Atlanta Falcons (2.20 Uhr MESZ/ProSieben). Und eine der spannenden Fragen ist die, wie die Spieler mit der Situation umgehen werden. Stehen, sitzen, knien, auf dem Feld oder in der Umkleide. Alles ist möglich - und alles ist erlaubt.

Vorerst keine Strafen

Die im Frühjahr von den Besitzern der 32 Teams beschlossene neue laut NFL «ausgewogene Regelung» ist derzeit ausgesetzt, nach einer Beschwerde der Spielergewerkschaft NFLPA. Seitdem ist nichts passiert, die beiden Seiten können sich nicht einigen.

Also bleibt vorerst alles beim Alten. Profis, die sich aus Protest gegen Rassismus, soziale Ungerechtigkeit und Polizeigewalt hinknien oder setzen, wenn «The Star-Spangled Banner» läuft, müssen weiter keine Strafen fürchten.

NFL-Commissioner im Visier

US-Präsident Donald Trump, lautester Kritiker der protestierenden NFL-Profis, hat die neue Benimmregel schnell als «dumm» bezeichnet, «es bringt nichts», findet der Politiker. Eine öffentliche Ohrfeige für Roger Goodell, es war nicht die erste und nicht die letzte, die sich der NFL-Commissioner einfangen wird. Dass die Gewerkschaft den Plan kippte, lässt den Boss mal wieder schlecht aussehen.

Und für Goodell läuft es auch im Fall Colin Kaepernick so gar nicht. Der Auslöser der Proteste auf dem Spielfeld, als Quarterback mittlerweile eineinhalb Jahre arbeitslos, erzielte zuletzt einen wichtigen Etappensieg gegen die Liga.

Es wird zu Anhörungen kommen

Kaepernick hat Beschwerde gegen die systematische Ausgrenzung seiner Person eingelegt, da ihm kein Team mehr einen Vertrag gibt. Die NFL wollte die Angelegenheit, auch eher unangenehm, im Schnellverfahren beenden. Doch der eingesetzte Schlichter sagte Nein. Nun wird es wohl zu Anhörungen kommen.

Auch hier hat die Spielergewerkschaft die Finger im Spiel, gemeinsam mit Kaepernick berief sie sich auf eine Klausel im Tarifvertrag, die es den Klubs verbietet, bezüglich der Beschäftigung eines Profis gemeinsam zu handeln. Wieder hat die NFL versucht, ein Problem möglichst geräuschlos zu lösen, wieder klappt es nicht.

Nike zieht mit

Am Montag stellte Sportartikelhersteller Nike dann auch noch Rebell Kaepernick als Teil der Werbekampagne zum 30. Geburtstag ihres Slogans ("Just do it") vor. Ein politisches Statement und ein Schlag ins Gesicht - für Trump, der die Werbung als «furchtbare Botschaft» bezeichnete, und auch wieder einer für Goodell.

Der Schaden ist nicht mehr wegzudiskutieren. Die TV-Quoten sind in der abgelaufenen Saison um 9,7 Prozent gesunken. Das kann Goodell nicht schmecken. Und dass knapp einen Monat vor dem Start der Hauptrunde die Eagles-Profis Malcolm Jenkins und De'Vante Bausby vor einem Test aus Protest die rechte Faust in die Luft reckten, auch nicht. «Bleibt stark, Brüder», schrieb dazu Kaepernick. Auch der Rebell wird beim Auftakt in Philadelphia genau hinschauen.

Malcolm Jenkins von den Philadelphia Eagles streckt die Faust während des Nationalhymne als Zeichen des Protests in die Luft.

Malcolm Jenkins von den Philadelphia Eagles streckt die Faust während des Nationalhymne als Zeichen des Protests in die Luft.