Jolanda Neff, wie zufrieden sind Sie mit dem Verlauf der Saison?

Jolanda Neff: Ich bin sehr zufrieden. Wenn man die Vorbereitung mit den zusätzlichen Hürden durch den Schlüsselbeinbruch betrachtet, erstaunen mich die Resultate und meine Konstanz als Podestfahrerin selber. Es ist genial.

Wie sieht Ihr Programm bis zur Heim-WM auf der Lenzerheide aus?

Ich hoffe, dass ich meine Topform auf die ganz wichtigen Anlässe wie die EM Anfang August und die WM Anfang September noch steigern kann. Ich werde zuerst ein Höhentrainingslager in Livigno absolvieren. Geplant sind zwei Wochen, wenn das Wetter mitspielt, hänge ich allenfalls noch einige Tage dran. Nur fünf Tage nach der EM steht in Kanada bereits das nächste Weltcuprennen auf dem Programm. Auch der Gesamtweltcup bleibt ein wichtiges Ziel.

Bei der Heim-WM in der Lenzerheide will Jolanda Neff angreifen.

Bei der Heim-WM in der Lenzerheide will Jolanda Neff angreifen.

Eine Heim-WM zu gewinnen, ist oft doppelt schwierig. Wie schätzen Sie die Ausgangslage ein?

Der grösste Druck ist jener, den man sich selber macht. Es ist wie bei einer Mathematik-Aufgabe: Ob man diese einfach so löst oder es an einer wichtigen Prüfung tun muss, ist etwas ganz anderes. Dass sich das ganze Rundherum unterscheidet, macht auch eine solche WM speziell. Man kann sich zwar bestmöglich vorbereiten, aber den Ernstfall dennoch nie ganz proben. Genau das macht einen Champion aus: in dieser Prüfungssituation die beste Leistung abzuliefern. Was nützen dir tolle Leistungen und Watt-Zahlen im Training, wenn du es am Tag X nicht bringst. Das finde ich cool, weil ich es kann (lacht). Für diesen Moment lebe ich. Es ist ein Gänsehaut-Feeling.

Müssen Sie für den Erfolg an der WM lernen, egoistischer zu denken und nicht für alle der Star zum Anfassen zu sein?

Ich denke, es ist eine Übungssache. Am Anfang war ich nahezu überrumpelt, was rund um ein solches Rennen abgeht. Inzwischen habe ich gelernt, damit umzugehen. Wie ich mich vorbereite, wie ich den Wettkampftag strukturiere. Die Fans kommen ja aus Freude ans Rennen. Und es bedeutet ihnen etwas, mit mir ein Foto zu machen oder ein Autogramm zu erhalten. Wenn man solche Dinge mit einplant, dann ist es für beide Seiten ein Gewinn. Das gibt auch mir zusätzliche Energie. Nur nicht fünf Minuten vor dem Start zum Rennen.

Wie kann man den Heimvorteil zu seinen Gunsten ausnutzen?

Die Strecke auf der Lenzerheide ist mit all den Wurzeln technisch sehr anspruchsvoll. Wir haben im Juni zehn Tage dort trainiert und den Parcours Zentimeter für Zentimeter analysiert. Wir waren quasi drei Tage auf der Strecke wandern und haben gemeinsam mit dem Techniktrainer jede Stelle genau angeschaut. Zudem haben wir Tests mit der Federung, den Reifen, den Pneus gemacht. Ich bin überzeugt, dass ich bestmöglich vorbereitet bin.

Ihnen ist wichtig, neben dem Sport noch eine andere Herausforderung im Leben zu haben. Auf der anderen Seite bedeutete die Doppelbelastung Sport und Studium zuletzt zu viel Stress. Spüren Sie bei diesem Thema einen inneren Konflikt?

Auf jeden Fall. Ich möchte extrem gerne neben dem Sport ein Studium machen. Aber ich musste einsehen, dass es ein Unterschied ist, ob man mit 19 Jahren als Nachwuchsathletin an die Uni geht oder mit 25 Jahren als Weltmeisterin. Man hat ganz andere Verpflichtungen neben den Rennen. Ich versuche das zwar auf einem tiefen Level zu halten, aber die terminlichen Konflikte mit dem Studium waren dennoch nicht zu verhindern. Ich kann jedem Nachwuchssportler ein Studium empfehlen, aber in meiner Situation musste ich einsehen, dass es nicht funktioniert. Deshalb habe ich mein Geschichtsstudium auf unbestimmte Zeit unterbrochen.

  

Was tun Sie derzeit, um sich auch intellektuell zu fordern?

Ich würde sehr gerne sehr viel machen. Bei der aktuell zur Verfügung stehenden Zeit frage ich mich aber, wie ich überhaupt jemals Sport und Studium unter einen Hut gebracht habe. Ich lese gerne Bücher. Im Flugzeug auf der Anreise zu den Rennen bleibt derzeit beinahe die einzige Möglichkeit dazu.

Auf Ihrer Homepage wird man mit folgenden Worten begrüsst: «Wind im Haar, Sonne im Gesicht, Berggipfel bis hoch zum königsblauen Himmel, rauschende Blätter an vorbeifliegenden Baumwipfeln. Eine unendliche Freiheit, die ich auf dem Bike spüre – willkommen in meiner Welt!» Sie hätten Poetin werden sollen.

Kann ich ja noch tun (lacht). Ich habe sehr grosse Freude an der Sprache, gestalte auch all meine Instagram-Einträge selber. An der Uni habe ich im Nebenfach Englisch und Französisch belegt. Mein Schwerpunkt-Fach bei der Matur war Latein. Sprache ist eine Leidenschaft von mir.

Sport ist in vielen Bereichen eine Männerdomäne: Verbände werden von Männern geführt, die Medien interessieren sich stärker für die Leistungen der Männer. Auch in Ihrer Sportart ist mit Nino Schurter ein Landsmann von Ihnen meistens das Hauptthema. Ist man als Frau im Spitzensport benachteiligt?

Ich würde es nicht benachteiligt nennen. Aber es ist zweifellos so, dass Männer im Sport viel mehr verdienen als Frauen. Wenn man sich die Rangliste der Top 100 der bestverdienenden Sportler anschaut, dann ist Serena Williams die einzige Frau. Das sind brutale Unterschiede. In vielen Bereichen der Gesellschaft sind Frauen punkto Einkommen nicht auf gleicher Stufe wie die Männer, aber der Sport ist diesbezüglich extrem. Aber ich möchte anfügen: Eine solch gute Situation für Frauen wie im Mountainbike gibt es praktisch nirgends im Sport. Wir sind eine der ganz wenigen Sportarten, bei denen Männer und Frauen am gleichen Tag, am gleichen Ort, auf der gleichen Strecke um das gleiche Preisgeld fahren. Andere Sportarten sollten unserem Vorbild folgen.

Zu Ihnen: blond, hübsch und kommunikativ! Wie oft müssen Sie gegen Klischees und Plattitüden ankämpfen?

Ja, also! So wie in diesem Moment meinen Sie (lacht)? Die meisten Menschen, die mich kennen, wissen, wie ich als Person bin, und reduzieren mich nicht auf mein Äusseres. So, wie es ist, ist es für mich völlig okay. Ich werde genauso wie meine älteren Konkurrentinnen in erster Linie für meine sportliche Leistung wertgeschätzt.

Jolanda Neff: «Du musst als Athletin immer darauf bedacht sein,. wo du die Grenze ziehst.»

Jolanda Neff: «Du musst als Athletin immer darauf bedacht sein,. wo du die Grenze ziehst.»

Als attraktive Sportlerin sind Sie eine interessante Person für Boulevard-Medien. Das belegen auch einige Reportagen über Sie in der Vergangenheit. Sie scheinen hier keine Berührungsängste zu kennen. Was geben Sie bewusst von sich preis und wo ziehen Sie Grenzen?

Mountainbike ist im Vergleich zu anderen Sportarten deutlich kleiner und kommt auch vom Auftritt in den Medien weiter hinten als zum Beispiel Tennis oder Skifahren. Es ist also nicht so, dass ich regelmässig in den Boulevard-Medien auftauche, kaum mehr als einmal pro Jahr. Wenn so etwas stattfindet, dann habe ich das als sehr professionell erlebt. Logisch wollen die Medien immer ein wenig mehr und musst du als Athletin immer darauf bedacht sein, wo du die Grenze ziehst.

Und wo ist diese?

Eine Homestory habe ich noch nie gemacht. Wenn es Fotos gab, dann irgendwo am Strand oder an einer anderen Location. Mein Zimmer möchte ich niemandem zeigen. Das ist mein privater Raum. Das wird man nie in irgendeiner Zeitschrift zu sehen bekommen.

Eine letzte Frage: Olympiagold ist wohl das Grösste für eine Sportlerin. Was würden Sie dafür nicht hergeben?

Eigentlich möchte ich gar nichts dafür hergeben. Das wäre der falsche Weg. Wenn Olympiagold, dann sollte das auf einem Lebensweg sein, hinter dem ich zu hundert Prozent stehen kann. Und den ich unabhängig vom Resultat so weiterführen kann. Olympiagold sollte nicht sein wie drei Jahre in der Antarktis zu leben und sein bisheriges Leben dafür komplett aufzugeben. Mein Leben ist ja jetzt schon voll und ganz auf den Sport ausgerichtet. Ich will hart trainieren und mich immer verbessern, aber gleichzeitig will ich ein Leben, das mir Freude bereitet. Diese Balance muss stimmen, sonst kommt es auch nicht gut. Ich will auf nichts verzichten, nur um diese Medaillen zu gewinnen. Umso schöner, wenn sie trotzdem kommen.