Die Hüter von fairer und sauberer Leibesertüchtigung stehen derzeit unter mächtigem Druck. Der organisierte Sport, allen voran das Internationale Olympische Komitee (IOC), will Russland wieder vollständig und bedingungslos in der Familie willkommen heissen. Als Voraussetzung muss die Wada die russische Anti-Doping-Behörde (Rusada) nach 34-monatigem Bann zulassen.

Während das IOC die Russen nach den Winterspielen in Pyeongchang rasch wie geschmiert wieder aufnahm, hat die Wada dies an klare Bedingungen geknüpft. Erstens die Anerkennung des McLaren-Reports über staatlich organisiertes, systematisches Doping im Land. Zweitens bedingungslosen Zugang zu den Daten des Anti-Doping-Labors in Moskau.

Ein Brief der russischen Sportführung an die Wada und das IOC bringt aus Sicht der olympischen Herren den Durchbruch. Darin schreibt unter anderem Sportminister Kolobkow von «nicht zu akzeptierenden Manipulationen des Anti-Doping-Systems im russischen Sport». Zugleich streitet man jegliches Mitwissen ab. Kolobkow legt mündlich nach: «Wir sind mit dem McLaren-Report nicht einverstanden, weil er unbegründete Schlussforderungen enthält». Man könne lediglich den Bericht akzeptieren, den Alt-Bundesrat Samuel Schmid fürs IOC verfasst hat.

Einen Keil zwischen Partner zu treiben, ist eine beliebte Taktik Russlands. Die Sportorganisationen sind dumm genug (ist es wirklich Dummheit?), das trojanische Pferd aus Moskau aufzunehmen. Vertreter des IOC sehen die Bedingungen erfüllt. Den fehlenden Zugang zum Labor übergeht man grosszügig. Der Schweizer Bach-Vertraute im IOC, Patrick Baumann, sagt, dass Russland «so weit wie möglich» gegangen sei und verbiegt sich diplomatisch um die eigene Achse: «Wir stellen die Roadmap nicht infrage, wir stellen infrage, wie lange wir ihr folgen wollen.»

Die Wiederzulassung der Rusada ist deshalb so wichtig, weil der neue Anti-Doping-Code den Sportverbänden sonst untersagt, grosse Anlässe nach Russland zu vergeben. Hinter den Kulissen tobt ein unerbittlicher Kampf. Man muss befürchten, dass ihn das IOC, und damit letztlich Russland, gewinnt. Vor wenigen Tagen trat der stellvertretende Wada-Generaldirektor Rob Koehler per sofort zurück. Über die «persönlichen Gründe» wollte er auch mir nichts sagen. Bekannt ist nur, dass der Kanadier ein unbestechlicher Verfechter einer harten Linie gegenüber Russland war.