Wäre Unihockey eine Geldsportart wie Fussball oder Eishockey, Matthias Hofbauer wäre einer der Grossverdiener im Sport. Und doch bereute er seinen Entscheid fürs Unihockey nie. Das Spiel prägt sein Leben.

Wie geht es dem «Wayne Gretzky des Unihockeys»?

Matthias Hofbauer: Sie sollten nicht übertreiben, diese Bezeichnung ist eine Erfindung von Ihnen. Ich bin einfach schon lange dabei.

Wir übertreiben nicht. Sie gelten nicht nur als der grösste Schweizer Spieler der Geschichte. Sie sind auch international einer der Grossen.

Es sind vor allem verrückte Jahre. Als ich ein Junior war, gab es den SV Wiler- Ersigen als NLA-Spitzenmannschaft noch nicht und ich träumte einfach davon, einmal in der 1. Mannschaft zu spielen, egal ob in der NLB oder NLA.

Kein Traum von der Nationalmannschaft, von einer WM-Teilnahme?

Nein, nie. Ich habe in meiner Karriere immer Schritt für Schritt genommen. Das sagt natürlich heute jeder. Aber es war so und ich bin damit gut gefahren. 1998 durfte ich mit meinen Eltern die Unihockey-WM in Prag besuchen, und ich wagte nicht einmal davon zu träumen, irgendwann in der Nationalmannschaft zu spielen. Ein Jahr später bekam ich mein erstes Aufgebot.

Wo steht unser Unihockey heute?

In einer sehr guten Position. Durch die TV-Präsenz hat es noch einmal einen Entwicklungsschub gegeben. Wenn der Verband auf seiner Homepage das Datum des Cupfinals aufschaltet, dann sind sehr schnell alle Tickets verkauft. Beim Superfinal, der die Meisterschaft entscheidet, ist es allerdings nicht ganz so einfach. Da müssen die Vereine sogar Tickets kaufen und intern loswerden.

Was fehlt, damit Unihockey auch im Liga-Alltag Stadien füllt?

In erster Linie die Infrastruktur. Unihockey ist daran, sich vom «Turnhallen-Groove» zu lösen. Wenn wir mehr gute Stadien bekommen, dann ist ein Schnitt von über 1000 Zuschauern pro Spiel möglich. Auch dank der Fernsehübertragungen wächst die Unihockey-Gemeinde. Als ich 2004 erstmals im «Sportpanorama» war, da ging es vor allem darum, unseren Sport zu erklären, wir waren Exoten. Inzwischen werden wir ernst genommen, und bei einem Fernsehauftritt geht es gleich um die Analyse des Spiels. Das ist ein riesiger Unterschied.

Sie waren Profi in Schweden. Die Liga in Schweden ist so etwas wie die NHL des Unihockeys. Wie ist es dort?

In Schweden ist es eher möglich, im Alter zwischen 20 und 30 ganz auf Unihockey zu setzen. Aber es wurde mir nach einer Saison als Profi langweilig. Ich muss einfach arbeiten können. Damit ich auch auf andere Gedanken komme. Ich wäre auch in einem anderen Sport nie Profi geworden. Wenn es läuft, mag es ein schönes Leben sein. Aber wenn die Leistung nicht mehr stimmt, dann beginnt man sich im Kreis zu drehen und kann sich kaum mehr aus einer Negativ-Spirale lösen. Im zweiten Jahrin Schweden habe ich 60 Prozent gearbeitet und Essen ausgetragen. Ich hatte Angebote, um in Schweden zu bleiben. Aber ich wollte zurück in die Schweiz.

Wie gross ist der Unterschied zwischen den obersten Ligen bei uns und in Schweden?

Die sportliche Differenz wird überschätzt. Natürlich hat die höchste Liga in Schweden ein etwas höheres Niveau und die Durchschnittsspieler sind besser. Aber unsere besten Spieler können sich in Schweden durchsetzen und eine tragende Rolle übernehmen. Vorausgesetzt, sie sind im richtigen Verein und haben einen Trainer, der auf sie setzt.

Dann ist die sportliche Differenz ähnlich wie im Eishockey zwischen unserer NLA und der NHL.

Ja, so kann man es sagen. Aber Schweden hat auch eine andere Sportkultur. Wenn ich in Schweden sagte, ich sei Unihockey-Profi, dann wurde ich als Spitzensportler akzeptiert. Wenn ich in der Schweiz sage, ich sei Unihockeyprofi, dann schauen die Leute ein bisschen verwundert und fragen, was ich denn arbeite.

Deshalb gibt es in Schweden mehr Unihockey-Profis?

Ja. Es ist nicht so, dass wir nicht genügend gute Spieler haben. Die Frage ist eben auch, ob sich einer dazu entschliesst, alles aufs Unihockey zu setzen. Lange Zeit gaben viele wegen der beruflichen Belastung mit 25 oder 26 das Spitzenunihockey auf. Das führte dazu, dass wir fast alle zwei Jahre die Nationalmannschaft neu aufbauen mussten.

Unser Unihockey braucht also mehr Profis?

Ja, aber es wird immer besser. Der Verband führt für die Nachwuchsausbildung regionale Leistungszentren. Damit wird es einfacher, Unihockey mit einer Ausbildung zu kombinieren. Und es gibt erste Unihockey-Gymnasien. Die Infrastrukturen werden besser. Es geht in die richtige Richtung, aber wir sind noch weit hinter Schweden zurück.

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen dem Matthias Hofbauer von 2002 und 2018?

Ich muss mein Spiel immer wieder anpassen. 2012 dachte ich, jetzt habe ich es gesehen, jetzt kenne ich wirklich alles. Doch der damalige Naticoach Petteri Nykky aus Finnland (von 2010 bis 2014 im Amt; die Red.) motivierte und inspirierte mich neu. Trainer, die rund um die Uhr für den Sport leben, vermögen mich immer wieder neu zu begeistern.

Wie hat sich das Spiel verändert?

Ich habe kürzlich eine Aufzeichnung eines Spiels aus dem Jahre 2004 angeschaut. Da wurde mir bewusst, wie viel intensiver und schneller das Spiel heute geworden ist und wie man einst viel mehr Platz und Zeit hatte.

Aber Sie punkten immer noch fast wie damals. Weil sich Spielintelligenzimmer durchsetzt.

Ich habe das Glück, dass ich von Verletzungen weitgehend verschont geblieben bin und physisch immer noch gut drauf bin. Mein Antritt ist immer noch gut, auf dem ersten Meter sehe ich kaum einen Unterschied zu früher. Aber wenn ich so über 30 Meter laufen muss, dann merke ich das Alter, und ich frage mich jedes Jahr, wie lange das noch geht.

Sie sind mit 37 sozusagen ein Saurier. Wird aus dem «Wayne Gretzky des Unihockeys» einmal der «Gordie Howe des Unihockeys»? Gordie Howe hat mit 52 noch in der NHL gespielt.

Nein, ich bin eigentlich in meiner letzten Saison. Die WM in Prag wird mein letztes Highlight sein.

Sie werden zurücktreten?

Ja.

Warum? Sie sind ja nach wie vor einer der besten Spieler der Schweiz.

Ein wichtiger Grund ist die Familie. Ich bin im August 2017 Vater geworden. Und ich spüre schon, dass ich nicht mehr 20 bin. Die Trainings sind härter und ich freue mich nicht mehr so auf jedes Training wie früher und schaue schon mal auf die Uhr, wie lange es noch dauert. Aber eigentlich ist die Leidenschaft immer noch da und wenn ich an die WM denke, dann kribbelt es wie immer.

Also vielleicht doch nicht die letzte Saison?

Es ist die letzte Saison. Aber ich bin schon froh, dass ich nicht früher meinen Rücktritt erklärt habe. Wenn ich mit 32 hätte aufhören wollen, dann wäre ich mindestens dreimal vom Rücktritt zurückgetreten. Aber Sie haben schon recht: Wie es dann ist, ohne spielen, weiss ich nicht. Seit 21 Jahren spiele ich nun, in der NLA oder in Schweden, und ich habe mich an dieses Leben gewöhnt. Es ist nie einfach, sich von Gewohnheiten zu lösen.