Der 36-Jährige akzeptiert die Rolle als Team-Leader mit Vorbehalten.

Wer als Einzelsportler dominiert, gilt in den Mannschafts-Wettkämpfen der jeweiligen Nation automatisch als Team-Leader. Diese Rolle wird einem Roger Federer, einem Dario Cologna oder auch einem Steve Guerdat von Aussenstehenden zugeschrieben. Beim erfolgreichsten Schweizer Springreiter wird diese Wahrnehmung noch verstärkt, weil er sich auch zu sportpolitischen Themen äussert. Er trägt sein Herz auf der Zunge, er sagt, was er denkt.

Beim Stichwort Team-Leader runzelt Guerdat leicht die Stirn. Er sei auf dem Platz die Nummer 1, also "ein Leader, was den Sport anbelangt." Diese Rolle akzeptiere er, hält er fest. Sein Palmarès mit einem Olympiasieg, dem zweifachen Triumph beim Weltcup-Final, unzähligen Siegen an Grand Prix' und Nullfehlerritten in den Nationenpreisen lässt auch keinen anderen Schluss zu. "In den Tagen vor und nach dem Wettkampf hingegen bin ich kein Leader", betont Guerdat. Er sei in dieser Phase oft verschlossen, rede nicht sehr gerne, sei nicht der Umgänglichste.

"Da untertreibt aber Steve ein wenig", meint der Equipenchef Andy Kistler. Guerdat sei ein Muster-Athlet für den Reitsport, er engagiere sich in unzähligen Bereichen. "Durch seine sportlichen Leistungen ist er bei allen anerkannt. Er gibt den Kollegen wertvolle Tipps für den optimalen Ritt, er ist sehr hilfsbereit, er engagiert sich in der Sportpolitik, er ist clever." Als Equipenchef halte er ihm auch gerne den Rücken frei, alle Aufgaben könne Guerdat nicht übernehmen.

Als Captain muss Guerdat auch von Amtes wegen nicht walten. Diese Funktion übernimmt der Equipenchef. Auch hier ist die Schweiz gut bedient. Kistler machte in der Wirtschaft Karriere. Organisation, Führung, die wunden Punkte diskutieren, all das liegt ihm. Die Harmonie, so der Eindruck von aussen, ist trotz der heiklen Entscheide bei Selektionen vorhanden, was auch langfristig die Chancen auf ein sportlich erfolgreiches Abschneiden erhöht.

Sein eigener Chef

Seit über einem Jahr ist der Gold-Reiter Guerdat sein eigener Chef. Der gebürtige Jurassier, der mit den Pferden schon seit einem Jahrzehnt in der Region Zürich trainiert, übernahm vor anderthalb Jahren in Elgg das Reitsport-Zentrum. Guerdat sagte einst, er habe als Kind zwei Träume gehabt: Olympiasieger zu werden und einen eigenen Hof zu besitzen. Obwohl die Träume wahr wurden, bleibt sein sportlicher Ehrgeiz ungebrochen. "Er schöpft aus Elgg sogar Kraft. Er ist aufgeblüht", betont Kistler.

Ab Mittwoch zählt wieder die Leistung auf dem Platz. Zusammen mit seiner Stute Bianca will der 36-Jährige im Jagdspringen der Schweiz und sich selbst in der Einzelwertung eine gute Ausgangslage im Championat verschaffen, das sich über vier Wettkampftage erstreckt. Auf dem Platz ist Leadership gefragt, denn er und die Schweizer Equipe mit Martin Fuchs im Sattel von Clooney, Janika Sprunger mit Bacardi und Werner Muff auf dem Rücken von Daimler kämpfen im US-Bundesstaat North Carolina bereits um ein Olympia-Ticket für Tokio 2020. Die Top-6-Nationen sind durch. Für die gescheiterten Equipen aus Europa bleibt als zweite Möglichkeit die EM 2019 in Rotterdam.

Mit einer Medaille würde das Schweizer Quartett sogar die klägliche Bilanz an Weltmeisterschaften aufbessern. Bei Olympischen Spielen oder Europameisterschaften sind die Springreiter nahezu ein Medaillengarant, bei Weltmeisterschaften - sie werden nun zum 8. Mal im Rahmen der Weltreiterspiele ausgetragen - hingegen fällt die Ausbeute mickrig aus. Lediglich eine Medaille seit der WM-Premiere 1953 lässt sich im Palmarès finden, nämlich Team-Bronze 1994 in Den Haag.