Jorge Lorenzo (28) hat dem immensen Druck standgehalten. Er siegt im letzten Rennen und wird Weltmeister in der MotoGP, der Königsklasse im Motorrad-Rennsport. Valentino Rossi (36) hätte seine WM-Führung nur mit einem zweiten Platz verteidigen können. Mit einer heroischen Aufholjagd schafft er vom letzten Startplatz aus «nur» Rang vier. Er war wegen seines Fouls an Marc Marquez im zweitletzten Rennen auf diesen letzten Platz versetzt worden.

Hätte Valentino Rossi den zweiten Platz geholt, wenn er nicht ganz hinten hätte starten müssen? Wahrscheinlich nicht. Am Ende einer turbulenten Saison ist er an einem Gegner gescheitert, der besser war. Jorge Lorenzo hat unter extremster Belastung die beste Leistung abgerufen. Wahrlich ein Champion auf dem Niveau von Wayne Rainey und … Valentino Rossi. Der Sport hat gesiegt. In einer aufgeheizten Atmosphäre haben die Asphaltcowboys kühlen Kopf behalten.

In Valencia ist die «Ära Rossi» zu Ende gegangen. Er wird auch 2016 wieder antreten. Aber er wird nicht noch einmal dazu in der Lage sein, die Honda-Stars (Marc Marquez) und seinen Teamkollegen Jorge Lorenzo in Schach zu halten. Aber der Italiener wird nächste Saison noch einmal der charismatischste Fahrer im ganzen Zirkus sein.

Und die Schweizer? Tom Lüthi beendet die Moto2-WM mit einem dritten Rang in Valencia und auf Rang 5 in der Endabrechnung. Ende gut, alles gut? Ja und nein. Tom Lüthi und Dominique Aegerter haben alle Voraussetzungen, um in der Moto2-WM eine dominierende Rolle zu spielen. Das Team, die Technik, das Geld – und auch das Talent. Aber Talent genügt nicht. Die Moto2-WM ist so ausgeglichen, dass Details entscheidend sind. Die Arbeit im und ums Team. Die Fähigkeit des Teamchefs, alle Energie auf den Sport zu konzentrieren und die Fehlerquote tief zu halten.

Ein Hexenmeister der Selbstdarstellung

Teamchef Fred Corminbœuf hat mit unserem «Dream-Team» die selber gesetzten sportlichen Ziele verfehlt. In jedem Rennen um den Sieg und in der WM um den Titel zu fahren. Tom Lüthi und Dominique Aegerter konnten auch wegen selbst verschuldeter Mängel ihr Potenzial nicht während der ganzen Saison ausspielen. Die technische Betreuung war diese Saison nicht optimal, und als logische Konsequenz werden bei beiden Piloten die Cheftechniker ausgewechselt.

Erschwerend kam diese Saison dazu, dass gerade bei europäischen Rennen rund ums Team durch geladene Gäste viel zu viel Zirkus veranstaltet worden ist. Die klare Trennung zwischen Sport und Kommerz ist Fred Corminbœuf nicht gelungen. Seine grosse Töff-Kommunikationsmaschine hat genug Schlagzeilen und Bilder, aber zu wenig Siege (nur einer für Tom Lüthi) produziert.

Aber das Versagen im sportlichen und technischen Bereich wird durch grossartige Kommunikation nahezu kompensiert. Fred Corminboeuf ist ein Hexenmeister der Selbstdarstellung auf allen Kanälen. Medienpräsenz ist der Sauerstoff in diesem Geschäft. Tom Lüthi und Dominique Aegerter gehörten 2015 zu den helvetischen Einzelsportlern mit der höchsten Medienpräsenz. Auch wenn es zynisch tönt: Die Krisenberichterstattung und der Unfall von Dominique Aegerter brachten fast so viel mediale Beachtung wie die sportlichen Leistungen.

Die Bilanz mag angesichts des vorhandenen Potenzials leicht enttäuschend sein. Aber dabei sollte nicht vergessen werden, dass es ein sportliches Wunder ist, dass zwei Schweizer in der zweitwichtigsten Töff-WM eine wichtige Rolle spielen.