Die Weltwirtschaft muss auf erneuerbare Energie umstellen. An dieser Wende arbeitet auch ABB global mit – was beobachten Sie?

Ulrich Spiesshofer: Die erneuerbaren Energien haben massiv an Nutzen dazugewonnen. Technologisch sind sie heute zuverlässig und verfügbar, ökologisch verantwortungsbewusst und ökonomisch immer attraktiver. Es gibt Solar-Kraftwerke im Mittleren Osten, die Strom einspeisen zu einem Preis von 1,6 Cent pro Kilowattstunde. Grosse Wind-Kraftwerke werden dies bald zu unter 3 Cent tun können.

Wie wettbewerbsfähig ist das?

Es ist heute so, dass die erneuerbaren Kraftwerke in vielen Bereichen zum gleichen Preis ihren Strom ins Netz einspeisen können wie fossile Kraftwerke. Und es gibt heute schon erneuerbare Kraftwerke, die deutlich günstiger Strom herstellen.

War diese Entwicklung vor, sagen wir, zehn Jahren so zu erwarten?

Nein, diese Dynamik in der Preisentwicklung hat keiner vorausgesagt, selbst die optimistischsten Szenarien haben nicht mit solchen Preisen gerechnet. Das ist nun wie ein Weckruf für die Welt. Moment mal, die Technologie ist nun so interessant, dass es Sinn ergibt, mehr darin zu machen. Das heisst, es wird extrem attraktiv diese Kraftwerke zu bauen.

Und es wird auch gebaut?

Letztes Jahr wurde weltweit so viel neue Solarkapazität installiert wie noch nie. Wir erwarten, dass auch dieses Jahr wiederum sehr viel in erneuerbare Energien investiert wird.

In welchen Ländern zum Beispiel?

Ich war in den letzten Monaten öfter in Saudi-Arabien. Wenn selbst ein fossiles Land wie Saudi-Arabien sagt, wir bauen nun Solarkraftwerke, weil fossile Kraftwerke zu teuer sind, dann ist das wohl das letzte Signal, auf das die Welt noch gewartet hat. Nun müsste es eigentlich nach vorne gehen.

Dafür müssen die Stromnetze angepasst werden.

Die Anforderungen werden komplexer. Es wird an mehr Punkten Strom in die Netze eingespeist. Der Strom muss über längere Strecken transportiert werden. Und es wird mehr Energie über das Stromnetz transportiert.

Weil grössere Teile der Wirtschaft elektrifiziert werden?

Schauen Sie sich die Eisenbahnen an: sie wurden mit Kohle betrieben, dann mit Diesel, heute mit Strom. Autos laufen heute mit Verbrennungsmotoren, die werden auch auf Strom umstellen. Also wird Energie mehr und mehr in Form von Strom verbraucht. Mehr Strom wird vom Netz zu mehr Verbrauchspunkten transportiert. Das ist unser Geschäft.

Wie sieht das konkret aus?

Kürzlich hatten wir zum Beispiel ein Projekt in Indien, bei dem wir sechs Gigawatt an Wasserkraft vom Himalaja heruntergebracht haben nach Zentralindien. Das ganze Projekt haben wir pünktlich abgeliefert, im Budgetrahmen und nach Spezifikation.

Welche Fortschritte macht die Speicherung von Elektrizität?

Sie ist ebenfalls viel billiger geworden. Wenn ein Haushalt seine Solaranlage ergänzen will mit einem Speicher – das wird einem heute ökonomisch attraktiv zur Verfügung gestellt. Die Autoindustrie wird die Entwicklung kostengünstiger Speicher vorantreiben. Ich erwarte in den nächsten fünf oder zehn Jahr noch einmal eine Revolution in der Speichertechnologie.