Montagmorgen 6.40 Uhr: Ermittler der Bundeskriminalpolizei fahren in einer Quartierstrasse in Baden vor. Hier, gleich neben dem ABB-Hauptsitz, wohnt Svitlana S., eine Ingenieurin, die 18 Jahre lang für den Technologiekonzern gearbeitet und die Verkaufsgeschäfte in der Ukraine und im Kaukasus gemanagt hat. Die Bundespolizisten durchsuchen ihre Wohnung und nehmen sie fest.

Drei Monate sitzt sie in U-Haft, und danach muss sie sich während weiterer drei Monate einmal pro Woche auf dem Polizeiposten in Baden melden. Die Behörden verhängen die Massnahme wegen Fluchtgefahr. Denn Perspektiven hat die 52-Jährige hierzulande kaum mehr. Ihre Karriere ist erledigt, sie hat keine Kinder und sie spricht nur Ukrainisch und Russisch, obwohl sie mit einem Schweizer verheiratet ist.

Ist sie eine Whistleblowerin?

Am kommenden Donnerstag muss Svitlana S. vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona erscheinen. Die Bundesanwaltschaft hat sie wegen wirtschaftlichen Nachrichtendienstes und Verletzung von Geschäftsgeheimnissen angeklagt. Mit anderen Worten: Die Frau soll Wirtschaftsspionage betrieben haben. Welcher Schaden für die ABB entstanden sein soll, wird in der Anklageschrift allerdings nicht erwähnt. Unklar ist derzeit: Hat die Frau leichtsinnig gehandelt oder kriminell?

In die Hauptrolle eines Wirtschaftskrimis ist die ABB-Managerin geraten, nachdem sie sich bei der Whistleblowing-Stelle ihrer Arbeitgeberin gemeldet hatte. Die ausgelöste Untersuchung führte zwar zu nichts. Doch die Frau stand danach plötzlich selber im Fokus. Sie wurde fristlos entlassen und angezeigt. Auf ihrem Mailkonto haben die konzerninternen Ermittler verdächtige Korrespondenz entdeckt. Zwischen 2015 und 2016 hatte sie über ihre persönliche ABB-Adresse vertrauliche Firmeninformationen an einen Berater in Deutschland und einen Geschäftsmann in Tschechien weitergeleitet.

Die Bundesanwaltschaft listet 36 Schreiben auf: Verträge, Mails über Verkaufsverhandlungen, Powerpoint-Präsentationen, Auftrags- und Produkte-Listen. Es geht um grosse ABB-Projekte wie die transanatolische Erdgaspipeline zwischen der Türkei und Aserbaidschan und ein Atomkraftwerk in Weissrussland.

Der involvierte Berater ist in der Schweiz kein Unbekannter: Peter R., ein Unternehmensberater, der Firmen in St. Gallen, Genf und Frankfurt geführt hat. Der ABB-Frau in Baden hat er basierend auf den erhaltenen Informationen Vorschläge und Empfehlungen für ihre eigene Arbeit gemacht, wie die Bundesanwaltschaft in der Anklageschrift schreibt. Tanja Knodel, die Verteidigerin von Svitlana S., bestätigt dies auf Anfrage. Er habe ihr die Tipps aber lediglich als Privatperson und Freund gegeben. Und der Tscheche habe für einen Vertriebspartner von ABB gearbeitet und sei deshalb zum Erhalt der Mails berechtigt gewesen.

ABB hat «null Toleranz»

Wirtschaftlicher Nachrichtendienst ist ein Straftatbestand, der selten angeklagt wird. Im vergangenen Jahrzehnt gingen schweizweit 26 Anzeigen ein. In den aufsehenerregenden Fällen standen Banker vor Gericht, die Bankdaten ins Ausland verkauft hatten. Der ABB-Fall läuft unter demselben Titel, weil es um vertrauliche Firmeninformationen geht, die illegal an ausländische Unternehmen geschickt worden sein sollen.

Die Medienstelle von ABB Schweiz reagiert auf Anfrage mit einem englischsprachigen Statement. ABB habe einen Null-Toleranz-Ansatz, wenn es um ethisches Verhalten gehe, heisst es darin. Svitlana S. hofft, dass das Bundesstrafgericht mehr Toleranz zeigen wird, und hat ihre Verteidigerin angewiesen, auf einen vollumfänglichen Freispruch zu plädieren.