Seltsam sei es, in Basel zu sein, sagt der brasilianische Aktivist Celso Ribeiro Barbosa. Am Ort, wo Syngenta seinen Sitz hat – und damit das Unternehmen, das seinen Tod in Kauf genommen habe.

Celso Ribeiro Barbosa, was erhoffen Sie sich von Ihrem Besuch in der Schweiz?

Celso Ribeira Barbosa: Ich bin hier, um bekannt zu machen, was Syngenta in Brasilien macht. Das Unternehmen hält sich vielleicht in der Schweiz an die Gesetze, aber nicht im Ausland – und so auch nicht in Brasilien. Familien leiden unter den illegalen und rücksichtslosen Praktiken dieses multinationalen Konzerns. Das geht so weit, dass Menschen sterben müssen.

Sie sprechen den Vorfall an vom Oktober 2007: Damals wurde ein Syngenta-Versuchsgelände im Bundesstaat Paraná, das von Aktivisten der Landlosen-Bewegung Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra besetzt war, gewaltsam geräumt.

Ja. Syngenta arbeitete damals mit N. F. Segurança zusammen, einer paramilitärischen, kriminellen Organisation. Rund 40 Mitarbeiter dieser Sicherheitsfirma überfielen bis an die Zähne bewaffnet das Camp und richteten ein Blutbad an. Dabei kamen zwei Menschen ums Leben. Einer der Aggressoren wurde wahrscheinlich von eigenen Leuten versehentlich erschossen, der andere Tote war Keno (Valmir Mota de Oliveira, d. Red.). Wir kämpfen noch immer für eine Genugtuung für Kenos Witwe, aber auch für eine andere Aktivistin, die beim Überfall von einer Kugel im Auge und in der Lunge getroffen wurde und bis heute arbeitsunfähig ist.

Syngenta hat das Gelände mittlerweile dem brasilianischen Staat geschenkt und zog sich aus der Region zurück. Was ist noch passiert?

Eben nicht viel. Syngenta ist seit 1998 in Brasilien tätig. Als multinationales Unternehmen kann es viel Einfluss nehmen und muss sich nicht an die Gesetze halten. Die Landschenkung war übrigens ein übler Deal: Syngenta wollte sich wieder gutstellen mit den Behörden.

Immerhin sprach ein Richter im November Syngenta für schuldig und verpflichtete das Unternehmen zu einer Kompensationszahlung: Es hätte nicht mit N. F. Segurança zusammenarbeiten dürfen.

Syngenta hat gegen diesen Entscheid Berufung eingelegt. Und man muss unterscheiden: Es gibt zwei Prozesse. Der eine ist der Zivilprozess, wo es um den Überfall geht. Das andere Verfahren hat das Versuchsfeld selber zum Thema. Auf diesem betrieb Syngenta illegale Versuche. Das Gelände liegt in der Nähe eines Nationalparks. Es ist dort verboten, fremde Pflanzen anzupflanzen. Syngenta jedoch unternahm heimliche Versuche, unter anderem mit genverändertem Soja. Die brasilianische Umweltbehörde hat Syngenta deshalb gebüsst (umgerechnet mit rund einer Million Schweizer Franken, d. Red.). Bis heute hat Syngenta nicht bezahlt.

ChemChina will Syngenta übernehmen – die Firma wird wohl chinesisch. Was würde das ändern?

Für die Menschen in Ländern wie Brasilien ändert sich damit gar nichts: Das Unternehmen will seine Produkte verkaufen und maximalen Profit erzielen.

In der bz sagte Syngenta-CEO John Ramsay, er kenne die Vorwürfe an sein Unternehmen sehr wohl. Die NGO würden verhindern wollen, dass Entwicklungsländer die Technologie erhalten, die ihnen zu einem wirtschaftlichen Aufschwung verhelfen könnten. Das sei «Ironie».

Das ist doch Blödsinn. Syngenta will in den Entwicklungsländern Kasse machen. Syngenta würde nie auf ein Geschäft verzichten. Das Unternehmen soll sich aber an geltende Gesetze halten, wie es das in der Schweiz ja auch tut. Das Massaker von Paraná hat weltweit Aufsehen erregt. Das ist wie eine Narbe. Syngenta kann sie nicht einfach entfernen – das ist nicht mehr möglich.