Auf der Aussichtsplattform des Bettmerhorns liegt einem die Bergwelt zu Füssen: im Norden der Aletschgletscher, im Süden die Monumente der Walliser Alpen mit Weisshorn, Dom und Matterhorn. Der Hitzesommer spielt den Bergdestinationen in die Karten. Die Touristen schreiten in der lauen Luft mit gepackten Rucksäcken und gezückten Walking-Stöcken zur Tat.

Xie Na dagegen macht einen wenig gebirgstauglichen Eindruck. Die 37-jährige Chinesin trägt weisse Sneakers und einen knielangen Trenchcoat. Lachend beisst sie in ein Stück Schokolade – und deutet auf den Gipfel: «Dort will ich hinauf». In ihrer Heimat ist die Moderatorin und Schauspielerin ein Superstar – mit landesweiter Publicity und 105 Millionen Freunden auf Weibo, dem chinesischen Pendant zu Facebook. Ins Wallis hat sie ein beruflicher Auftrag geführt – als eine der Hauptdarstellerinnen der Reality-Show «Wife’s Romantic Trip».

In diesem Format ermöglicht der zweitgrösste TV-Sender Chinas, «Hunan TV», chinesischen Frauen, die sich in ihrer Rolle als Mutter und Ehefrau nicht mehr selber verwirklichen können, romantische Kurzurlaube. Im Finale der Staffel gehört eine Zeltübernachtung am Bettmersee zu den dramaturgischen Höhepunkten: «Wir haben im Wallis genau das gefunden, was wir für das Finale brauchen», sagt Chefproduzentin Yunting Zeng. Sie ist mit einer Crew von rund 100 Mitarbeitern in die Schweiz gereist.

Mario Braide beobachtet die Arbeiten mit Zufriedenheit: «Das ist eine Riesenchance für uns. Die Sendung erreicht in China rund 500 Millionen Zuschauer.» Der Direktor der Matterhorn Region AG gehört zu den profundesten Asien-Kennern im Walliser Tourismus. Als die Übernachtungszahlen im Sommergeschäft vor rund zehn Jahren sukzessive abnahmen, wurde er von seinem damaligen Arbeitgeber, dem Hotelier Art Furrer, zur Bewirtschaftung des asiatischen Marktes in den Fernen Osten geschickt: «Wir starteten in Japan und sind dann nach Hongkong vorgedrungen. Heute gehören auch Reisegruppen aus China, Taiwan und Korea zu unseren wichtigsten Kunden», sagt Braide.

Was den Touristiker freut, löst bei manchen Einheimischen und traditionellen Stammgästen zwiespältige Gefühle aus. Auf der Facebook-Seite der Aletsch Arena waren auch kritische Kommentare zu den Filmaufnahmen zu lesen. Es wird befürchtet, dass mit der neuen Kundschaft Ruhe, Sauberkeit und Beschaulichkeit verloren gehen. Dem chinesischen Touristen eilt das Klischee voraus, die Anstandsregeln nicht immer bis zur letzten Konsequenz zu befolgen. Braide relativiert: «Wenn man einer Gruppe von 30 Schweizern auf Bali begegnet, ist dies auch nicht immer angenehm.» Kulturelle und gesellschaftliche Unterschiede will er aber nicht negieren: «In China ist das Leben ein ständiger Kampf. Wer in einer U-Bahn einen Platz will, muss die Ellbogen ausfahren, wer sich in einem Land mit 1,3 Milliarden Einwohnern durchsetzen will, muss alles geben.»

6000 bis 8000 Übernachtungen

Es seien vor allem Qualitäten wie Naturnähe, Ruhe und Sicherheit, die chinesische Gäste in der Schweiz schätzen. Dies hat auch Art Furrer beobachtet: «Die Schweiz ist für sie ein Paradies. Die Chinesen nehmen unser Land als eine Art Freilichtmuseum wahr.» Furrer, der Anfang der 1970er-Jahre auf der Riederalp sein erstes Hotel baute, erlebte die Boomzeiten des Alpentourismus, als allein Pulverschnee, Bergidylle und frische Luft die Gäste anzogen. In der verschärften Marktsituation genügt dies nicht mehr. Furrer ist auf neue Kundschaft angewiesen – und die kommt vor allem in der Zwischensaison aus Asien. Im vergangenen Mai nächtigten 30 asiatische Reisegruppen im Art Furrer Resort. Übers ganze Jahr gesehen, buchen asiatische Touristen zwischen 6000 und 8000 Übernachtungen in Furrers Hotels: «Dank diesen Gästen können wir als einziger Anbieter auf der Riederalp einen Ganzjahresbetrieb aufrechterhalten.»

Dies führt zuweilen zu amüsanten Szenen: Asiatische Gäste lassen sich mit der Sesselbahn in Gipfelnähe befördern, tapsen in Turnschuhen und mit übergrossen Sonnenbrillen und Hüten zum nächsten Aussichtspunkt und posieren neben der Plastiktafel mit dem Alpenpanorama als hätten sie soeben die Eigernordwand durchstiegen. Auch das Menü fürs Abendessen entkräftet nicht jedes Klischee. «Swiss traditional Dinner» wird angeboten: Mit Walliser Teller, Fondue, Raclette und Aprikosenkuchen – akustisch untermalt von Ländlermusik. Mario Braide sagt: «Die asiatischen Gäste sind sehr begeisterungsfähig. Etwas, das für uns normal ist, wird für sie zum einzigartigen Ereignis.»

Art Furrer kennt dies aus eigener Erfahrung. Wenn er mit Cowboyhut zur Dinnerzeit durchs Restaurant defiliert, wird die Arvenstube zum Eventlokal. Die Gäste stehen für ein Selfie mit dem Gastgeber Schlange, durchs ganze Lokal prostet man sich zu, Furrer sorgt an den Tischen für Lacher: «You stay one month?» Die Antwort kennt er selber. Die meisten Chinesen bleiben nicht länger als eine Nacht – umso enthusiastischer zelebrieren sie den Alpenaufenthalt. Ihre Ausgelassenheit kommt allerdings nicht bei allen Gästen gleich gut an. Deshalb sorgt Furrer für eine klare Trennung der Kundschaft: «Wir quartieren die asiatischen Gäste meistens in einem eigenen Haus ein. Ihre Gewohnheiten sind mit denjenigen der regulären westlichen Kundschaft nicht immer kompatibel», sagt er diplomatisch. Was er damit meint, war bei den Film-Dreharbeiten am Bettmerhorn zu erleben. Mario Braide sagt: «Für uns Schweizer schien es immer hektisch und chaotisch. Aber es war ein organisiertes Chaos. Die Abläufe waren schnell und präzis.»

Individualtouristen gewünscht

Dies entspricht auch der Organisation der Gruppenreisen. In der Regel wickelt ein englischsprachiger Tour-Guide alle Formalitäten ab – vom Einchecken an der Rezeption über die Essenswünsche bis zu den Ausflügen. Damit sparen die Hotels Personal: «Als wir 2012 die ersten Reisegruppen aus Asien auf der Riederalp empfingen, genügten ein Koch und ein Serviceangestellter, um die Kundschaft zu bedienen», erinnert sich Braide. Tendenziell unkompliziert sind die Ansprüche an die Unterkunft. Die asiatischen Gäste schätzen kleine Zimmer mit funktionaler Ausstattung.

In Zukunft hofft man im ganzen Wallis, vermehrt chinesische Individualtouristen zu empfangen – solche, die nicht schon nach einer Nacht weiterreisen und sich zu Hause nur dank den Fotos halbwegs daran erinnern können, wo in Europa sie genächtigt haben. «Wir wollen uns über Qualität und nicht über Quantität definieren», sagt Mario Braide. Auch gehe es nicht darum, durch Dumpingpreise kurzfristig die Betten zu füllen. Man strebe eine nachhaltige Entwicklung an. Die Zeltübernachtung von Xie Na am Bettmersee könnte entscheidend dazu beitragen. Wenn sich 500 Millionen chinesische Fernsehzuschauer durch diese inspirieren lassen, muss Art Furrer bald ein paar Fondue-Caquelons mehr anschaffen.