Der Einkaufstourismus spielt auch im Internet eine immer wichtigere Rolle. Im vergangenen Jahr sind die Internet-Einkäufe von Schweizer Konsumenten bei ausländischen Unternehmen um 18 Prozent auf 1,3 Milliarden Franken gestiegen, wie die neusten Zahlen des Verbands des Schweizer Versandhandels (VSV) und des Marktforschungsinstituts GfK zeigen. Im Vergleich zum Jahr 2012 hat sich der Umsatz fast verdoppelt.

«Die chinesische Plattform Aliexpress und andere ausländische Anbieter fluten die Schweiz mit Paketen», sagte VSV-Präsident Patrick Kessler gestern an einer Medienkonferenz. Es handle sich dabei vor allem um günstige Artikel wie Ladegeräte, Handyhüllen oder Sportartikel. Aus diesem Grund sei die Entwicklung für die Schweizer Onlinehändler bislang noch nicht so schmerzhaft.

Doch das könnte sich bald ändern. Es sei vor allem die jüngere Generation, welche bei asiatischen Anbietern wie Aliexpress einkaufe. Die dortigen Onlinehändler locken mit sehr tiefen Preisen, häufig sind die Versandspesen bereits im Preis inbegriffen. «Vermutlich ist es nur eine Frage Zeit, bis diese heranwachsende Generation mehr Vertrauen in diese Shops fasst und dort auch höherwertige Produkte einkauft», sagt Kessler. Er kann sich vorstellen, dass die Jüngeren dereinst auch ihre Nike-Turnschuhe oder ihr iPhone in China oder Indonesien bestellen, weil die Artikel dort günstiger seien. Mittel- bis langfristig rechnet Kessler deshalb mit einem starken Druck auf die hiesigen Anbieter.

Bald kürzere Lieferzeiten

Oft müssen sich hiesige Kunden asiatischer Shops gedulden, bis ihre Pakete in der Schweiz ankommen. Es werde nicht mehr lange dauern, bis diese den Nachteil der längeren Lieferfristen aufgeholt hätten, sagt Thomas Hochreutener, Detailhandelsexperte bei GfK. Die Chinesen investierten massiv in die Logistik. «Es dauert vielleicht noch zwei bis drei Jahre, bis die Pakete nicht mehr in 30, sondern in vielleicht zwei Tagen hier sind», glaubt Hochreutener.

Laut Schätzungen kommen täglich über 20 000 Pakete aus dem asiatischen Raum in die Schweiz. Für die Post war die Flut an Paketen insbesondere aus China bislang ein Verlustgeschäft. Die Abgeltung, die die chinesische an die Schweizer Post für das Verteilen der Pakete leisten muss, war längst nicht kostendeckend. Im vergangenen Herbst haben die Mitgliedsländer des Weltpostvereins sich dafür ausgesprochen, die asiatischen Postbetriebe im grenzüberschreitenden Paketverkehr stärker zur Kasse zu bitten, was auch der Post hilft.

Insgesamt wuchs der Schweizer Onlinehandel im vergangenen Jahr um 8,3 Prozent auf 7,8 Milliarden Franken. Der Versandhandelsverband und GfK erfassen dabei nur Waren, Dienstleistungen wie Reisen, Tickets, Glücksspiele oder Handydienste sind darin nicht enthalten. Ausgeklammert werden auch die Abholstationen im grenznahen Ausland, wo Schweizer ihre Pakete hinbestellen und abholen. Dieses Geschäft macht geschätzt rund 250 Millionen Franken aus.

Während der Schweizer Onlinehandel mit Lebensmitteln nur langsam wächst, legen die übrigen Bereiche, im Jargon Non-Food genannt, deutlich zu. Spitzenreiter ist die Heimelektronik mit einem Umsatz von 1,8 Milliarden Franken. Hier liegt der Anteil, der über das Internet eingekauft wird, bereits bei 29 Prozent. An zweiter Stelle folgen Kleider und Schuhe mit einem Umsatz von 1,5 Milliarden Franken. Hier macht der deutsche Onlinehändler Zalando mit geschätzten 530 Millionen Franken rund einen Drittel aus.

Umsatz bricht weg

Wie markant die Verschiebungen im Detailhandel ausfallen, zeigt sich, wenn man den gesamten Non-Food-Bereich seit 2010 betrachtet. Während der stationäre Handel seither 8,3 Milliarden Franken an Umsatz eingebüsst hat, legten die Online-Einkäufe um 2,4 Milliarden Franken zu. Der Rückgang um knapp 6 Milliarden Franken gehe vor allem auf das Konto von Preissenkungen, die aufgrund der Frankenstärke nötig geworden seien, sagte Hochreutener.