«Beste Voraussetzungen» darf wörtlich verstanden werden: Unser Land belegt beim sogenannten «Young Workers Index» den Spitzenplatz von 35 untersuchten OECD-Ländern, noch vor Deutschland und Österreich.

Das vom Beratungs- und Wirtschaftsprüfungsunternehmen PWC erstellte Ranking vergleicht acht verschiedene Indikatoren, unter anderem die Arbeitslosenquote (der 15- bis 24-Jährigen), die Langzeitabeitslosigkeit oder die Schulabbruchsrate.

Erfolgsfaktor duales Bildungssystem

Stark gewichtet der Index vor allem die sogenannte NEET-Quote (NEET bedeutet «Not in Education, Employment or Training»), also den Anteil junger Menschen (20 bis 24 Jahre), die nicht mehr in Ausbildung stehen, aber auch keine reguläre Beschäftigung haben und keine Förderung erhalten. 

Der Hauptgrund für das gute Abschneiden der Schweiz – und übrigens auch der Nachbarländer Deutschland und Österreich –liegt im dualen Bildungssystem, das praktische Lehre mit gleichzeitigem Besuch einer Berufsschule kombiniert. Alle drei Spitzenreiter konnten ihre niedrige Jugendarbeitslosigkeit denn auch trotz der Wirtschaftskrise beibehalten.

«Young Workers Index» (x-Achse) kombiniert mit BIP pro Kopf in US$ (y-Achse).

«Young Workers Index» (x-Achse) kombiniert mit BIP pro Kopf in US$ (y-Achse).

In der Schweiz absolvieren etwa zwei Drittel aller Jugendlichen eine Lehre; zur Auswahl stehen rund 230 Berufe. «Duale Bildung» bedeutet, dass sie sich dabei parallel im Betrieb und in der Berufsschule ausbilden. Nach Abschluss der Lehre beginnen viele eine höhere Berufsbildung. Auch hier gibt es ein breites Angebot: Rund 410 Berufs- und höhere Fachprüfungen sowie 52 Bildungsgänge an höheren Fachschulen stehen zur Wahl.

Insgesamt absolvieren laut Zahlen des Bundesamts für Statistik aus dem Jahr 2011 etwa drei Viertel der Männer eine Berufsbildung. Bei den Frauen sind es mit rund 63 Prozent deutlich weniger. 

Bei unseren nördlichen Nachbarn gibt es ein ähnliches System. Tatsächlich sind in Deutschland sogar noch weniger junge Leute von 20 bis 24 Jahren ohne Beschäftigung, Aus- oder Weiterbildung (NEET) als in der Schweiz – es sind 10,1 Prozent gegenüber 12,4 Prozent hierzulande. 

1,1 Billionen Dollar Potenzial

Würden alle OECD-Länder, die eine höhere NEET-Quote als Deutschland aufweisen, diese auf deutsches Niveau absenken können, ergäbe sich ein Zuwachs des gesamten OECD-Bruttoinlandsprodukts in der nahezu unvorstellbaren Höhe von 1,1 Billionen Dollar.

Allein schon Italien, das eine verheerende NEET-Quote von 35 Prozent aufweist, würde bei einer Reduktion auf deutsches Niveau sein BIP – 2013 betrug es rund 2,15 Billionen Dollar – um 156 Milliarden Dollar steigern. Und Italien ist nicht das einzige Land im Süden Europas, das sich schwer damit tut, seine Jugend in Arbeit zu bringen. Auch Spanien (NEET-Quote 29 %), Portugal (23,9 %), Griechenland (31,3 %) und die Türkei (36,3 %) kämpfen in dieser Hinsicht mit grossen Schwierigkeiten. 

Ohnehin tritt hier das europäische Nord-Süd-Gefälle exemplarisch zu Tage: Neben dem deutschsprachigen Spitzentrio stehen besonders die skandinavischen Staaten Island, Norwegen und Dänemark sowie die Niederlande gut da. Island und Norwegen weisen sogar eine bessere NEET-Quote auf als Deutschland. (dhr)