Als Post-Verwaltungsratspräsident Urs Schwaller den Namen Roberto Cirillo im November aus dem Hut zauberte, fragten sich Medien, Behörden und Angestellte: Roberto wer? Praktisch niemandem war der 48-jährige Nachfolger von Konzernchefin Susanne Ruoff ein Begriff. Die Post nannte zwar seine wichtigsten Stationen. Cirillo wuchs im Tessin auf, studierte an der ETH, arbeitete als Berater bei McKinsey, zog später nach Frankreich in die Geschäftsleitung eines Mischkonzerns und war zuletzt bei einer kleinen Medizinalfirma in England tätig. Aber eben: Roberto wer? Und vor allem: Ist er der Richtige, um den gebeutelten Konzern nach der Postauto-Affäre in die Zukunft zu führen, die Postfinance neu auszurichten und dabei sowohl die Öffentlichkeit wie auch den Bund für seine Strategie zu gewinnen?

Am Mittwoch brachte der Erkorene erstmals selber Licht ins Dunkle, als er sich den Medien präsentierte, und zwar multilingual. Cirillo begann seine Rede in seiner Muttersprache, wechselte danach ins Deutsche, und zum Schluss ins Französische und wieder ins Italienische.

Erinnerungen an die Kindheit

Dass er hierzulande unbekannt sei, könne er nicht ganz verstehen: «Mich kennen Tausende Leute in der Schweiz.» Auffallend war sein Bekenntnis zum Service public, zur Grundversorgung. Dazu stehe er auch aus persönlichen Gründen: «Ich bin in einem kleinen Dorf nahe Chiasso aufgewachsen, das Postauto war mein Tor zur Welt.» Die Busverbindungen des 2500-Seelen-Dorfs hätten ihm die gleichen Chancen ermöglicht, wie seinen Kollegen in den grossen Städten. «Der Service public schafft Chancengleichheit zwischen Stadt und Land, und ich werde mich mit Herzblut dafür engagieren, dass dies auch in Zukunft so bleibt.»

Cirillos Betonung des Service public dürfte vor allem zum Ziel haben, die Gewerkschaften aufs Erste milde zu stimmen. Doch auch der Tessiner kann sich vor der Realität nicht verstecken, dass die Briefmengen jedes Jahr weiter schrumpfen. So forderte die Gewerkschaft Syndicom noch während Cirillos Präsentation in einer Medienmitteilung, dass dieser das Vertrauen der Post-Angestellten gewinnen müsse. Dies könne nur mit einer hohen Qualität im Service public gelingen – und nicht durch Profitstreben.

Im Vorfeld war zudem Kritik zu hören, wonach Cirillo nach seinen vielen Auslandjahren der Bezug zur Schweiz fehle. Dies liess er nicht gelten: «Ich blieb meiner Heimat auch während meiner Zeit im Ausland stets verbunden und habe Freunde und Familie hier.» Seine Koffer in London hat er gepackt und ein neues Zuhause im Kanton Zürich gefunden. Für die ersten Monate habe er zudem eine kleine Bleibe in Bern. Pendeln werde er mit dem Zug, wie er im Gespräch sagt.

Maximal 1 Million Jahresgehalt

Bedenken, wonach er zu wenig Erfahrung mit Behörden und Politikern habe, versuchte Cirillo ebenso zu entkräften. Sowohl bei seiner Arbeit in Frankreich, wo er die Geschicke im Heimmarkt mit über 45'000 Mitarbeitenden leitete, als auch in England habe er regelmässig mit der öffentlichen Hand zu tun gehabt. Dort habe er sich zudem das Rüstzeug geschaffen für Transformationsprozesse. Eine Erfahrung, die es im rasch wandelnden Postmarkt brauche.

Am Montag nahm Cirillo offiziell seine Arbeit auf und löste somit Übergangschef Ulrich Hurni ab. Jährlich werde der neue Chef maximal eine Million Franken verdienen, wie Präsident Schwaller sagte. Noch nicht sprechen wollte Cirillo über seine Strategie. «Das wäre verfrüht und unseriös.» Auch wie sein erstes Treffen mit seiner obersten Chefin, Bundesrätin Simonetta Sommaruga, verlief, wollte er nicht verraten. Gemeinsam mit der Geschäftsleitung und dem Verwaltungsrat wolle man nun zuerst die genaue Strategie für die Jahre 2021 bis 2025 ausarbeiten.

Spezielles Augenmerk gilt dabei der Postfinance, die angesichts der tiefen Zinslage ihren Ausweg im Hypothekar- und Kreditvergabemarkt suchen will. «Das Gleichgewicht ist nicht mehr da», sagt Cirillo gegenüber CH Media. Die Postfinance befände sich heute in einem «extrem engen Korsett» und sie brauche künftig mehr unternehmerischen Spielraum.

In den kommenden Monaten sei es sein Ziel, die Post an der Front kennen zu lernen. Dafür werde er durch die ganze Schweiz reisen. Klinkenputzen ist angesagt für den Mann, der bisher als Phantom galt. So dürfte schon bald niemand mehr fragen: Roberto wer?