«Eine Geschichte ist erst dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat». Was Friedrich Dürrenmatt vor mehr als 50 Jahren als eine Art Regieanweisung zu seiner grotesken Komödie «Die Physiker» verstand, scheint für den deutschen Ökonomen Hans-Werner Sinn das Erfolgsrezept schlechthin zu sein.

Dem 70-jährigen Volkswirt, emeritierten Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und langjährigen Präsidenten des ifo-Instituts, eilt der Ruf eines Untergangspropheten voraus. Wenn er Vorträge hält oder in Talkshows am Fernsehen spricht, kommen haufenweise Zahlen zur Sprache. Was bei jedem anderen Referenten ein Quotenkiller wäre, ist bei Sinn das Gegenteil. Mit gelehrtenhafter Nüchternheit kombiniert er viele Fakten so, dass sie, übersetzt in eine allgemein verständliche Sprache, eine unheilvolle Zukunft verkünden. Wenn der Mann mit seinem aus der Zeit gefallenen Abraham-Lincoln-Bart seinen Auftritt hat, weiss jeder im Publikum: Die Lage ist ernst.

Vergangene Woche war Sinn auf Einladung des Schweizerischen Instituts für Auslandforschung an der Uni Zürich zu hören. Während der Professor sein Thema («Trump, Brexit, Eurokrise. Was wird aus Europa?») ausrollte, blieb es in der mit viel Prominenz besetzten Aula mucksmäuschenstill.

Europa sitzt im Glashaus

Der aktuelle transatlantische Handelsstreit, der schon für sich allein genommen ein beträchtliches Schadenpotenzial birgt, ist im Urteil Sinns erst der Anfang eines veritablen «Handelskrieges». Die Hauptursache sei die Krise der US-Industrie. Die Amerikaner hätten es nicht geschafft, mit ihrer Industrieproduktion an das Niveau vor der Finanzkrise anzuknüpfen. China und diverse Schwellenländer, aber auch Deutschland seien dagegen wettbewerbsfähiger geworden und hätten die USA weit hinter sich gelassen. Dass sich der von verarmten oder frustrierten Industriearbeitern gewählte Trump nun mit der EU anlegt, ist für Sinn nur logisch, zumal der US-Präsident «in ziemlich vielen Punkten» das Recht für sich beanspruchen könne.

Akribisch zählt der Professor die Zollpositionen auf, bei denen eine klare tarifäre Asymmetrie zugunsten der EU und zum Nachteil der USA besteht. «Europa ist ziemlich protektionistisch aufgestellt, insbesondere im Agrarbereich und mit Verlaub, für Ihr Land gilt dasselbe.» Europa sitze im Glashaus und tut gut daran, nicht mit Steinen nach Trump zu werfen.

In der Folge kommt Sinn auf den Brexit zu sprechen. Eine «Katastrophe», die man in der EU offensichtlich nicht wahrhaben wolle. Wieder liefert er erst die Zahlen: Die 19 kleinsten Länder der EU bringen zusammen wirtschaftlich nicht mehr Gewicht als Grossbritannien auf die Waage. Weit bedrohlicher als der Einschnitt in den Binnenmarkt ist für den Professor aber, dass Europa ohne die Briten zu einer Handelsfestung verkommt. In dieser werden sich nicht mehr wettbewerbsfähige Industrien Südeuropas und Frankreichs gegen den globalen Wettbewerb verschanzen.

Auch dafür legt er harte Zahlen vor. Die nördlichen EU-Länder, zu denen Sinn nebst Grossbritannien auch Deutschland, die Niederlande oder Österreich zählt, bringen derzeit im europäischen Ministerrat ein Stimmengewicht von 39 Prozent auf die Waage. Ihr Anteil wird nach dem Brexit auf 30 Prozent sinken, während die mediterranen Länder ihre Sperrminorität auf 43 Prozent ausbauen werden.

Dabei hätte die südeuropäische Industrie doch so viel nachzuholen: Ein Schaubild zeigt die Entwicklung der Industrieproduktion in einigen südlichen und nördlichen EU-Ländern seit der Finanzkrise. Hüben geht es steil nach unten, drüben sportlich hinauf. Nach und nach zieht sich laut Hans-Werner Sinn die Schlinge um Europa vollständig zu: Die «entgrenzte» Europäische Zentralbank leitet das Crescendo ein. Eine völlig entgleiste Schuldensituation, in der die Bundesbank die Risiken des europäischen Südens schultert. Und zum Schluss die Bankenunion, unter der auch noch die Risiken des mediterranen Finanzsektors vergemeinschaftet werden sollen.

Deutschland ist zu billig

Erst mit etwas Abstand kommen die Fragen: Wer ist denn verantwortlich für die hohen Autoeinfuhrzölle Europas wenn nicht Deutschland, der grösste Autoexporteur der Welt? Und wie passt dies zu Sinns vermeintlich freihandelsfreundlichen nördlichen EU-Ländergruppe? Man fragt sich, ob die Briten den Freihandel in der Industrie hochhalten, weil sie diese selber längst verloren haben. Und was ist mit dieser Schuldengeschichte in Europa, die für Deutschland zwar einen hohen negativen Saldo ergibt, der aber keine praktische Konsequenz erkennen lässt. Deutschland sei mit dem Euro zu billig und Südeuropa zu teuer geworden, sagt Sinn selber.

Grund zum Klagen hat das Land deshalb nur auf Umwegen unter der Vorwegnahme der schlimmen Szenarien, die Sinn zwar präzis und mit einer scheinbaren Unabänderlichkeit vorträgt. Dass sich die Dinge in der Wirtschaft und in der Politik selten so linear entwickeln, wie dies viele Statistiken suggerieren, weiss selbstredend auch der Professor. Doch sein Sendungsbewusstsein lässt es offenbar nicht zu, dass er gewisse Verläufe einfach offenlässt.