Neues Geld – diese Forderung kommt nicht nur aus den Schuldenstaaten der Eurozone. Sondern auch von einigen Ökonomen und Aktivisten. Sie wollen nicht mehr Geld, sondern anderes Geld. Und sie meinen damit nicht die Rückkehr zu D-Mark oder Drachme – statt einer anderen Währung wollen sie eine andere Geldordnung.

Ein «historisches Zufallsprodukt» nennen die österreichischen Ökonomen Franz Hörmann und Otmar Pregetter unser aktuelles Geldprinzip. In der Tat können die Funktionen von Geld ganz unterschiedlich sein. Dies zeigen Komplementärwährungen und Tauschsysteme auf lokaler Ebene. Die Qualität von Geld ist frei bestimmbar. Es gibt kein Gesetz von Markt und Kaufkraft, das dem Geld eingeschrieben wäre. Auch wenn für die meisten Menschen Geld als etwas fraglos Gegebenes erscheint, ist es doch nur ein wandelbares Werkzeug, dessen Funktion sich bestimmen lässt. Fest steht nur, dass das jeweilige Geldprinzip eine Gesellschaft strukturiert. Die Art und Weise jedoch kann unterschiedlich sein.

Die Frage nach dem Geld stellt sich mit der chronischen Banken- und Schuldenkrise immer drängender. Es ist Zeit für eine Anatomie des Geldes, welche die aktuellen Prinzipien unter die Lupe nimmt, aber auch andere Möglichkeiten beleuchtet.

An erster Stelle steht die Frage nach der Geldschöpfung: Wer darf Geld schaffen? In der aktuellen Geldordnung darf Geld allein von den Banken ausgegeben werden. Der grösste Teil des Geldes wird dabei nicht von den Notenbanken, sondern von den Geschäftsbanken generiert. Sie vergeben Kredite, indem sie Geld «aus der Luft schöpfen». In Volkswirtschaftslehrbüchern heisst es, den Banken komme die Rolle von «Geldschöpfungsmultiplikatoren» zu. Das bedeutet, dass die Banken Geld nahezu unbegrenzt schaffen können. Und es bedeutet, dass dieses Geld Schuldgeld ist – wie es die Ökonomen Hörmann und Pregetter in ihrem Buch «Das Ende des Geldes» klassifizieren: Die Geldschöpfung aus dem Nichts schafft nichts als Verbindlichkeiten, die zurückgezahlt werden müssen. Das Geld, mit dem wir bezahlen, gehört den Kredithäusern. Aus dieser Perspektive ist ein Schuldenschnitt, wie er in diesem Frühjahr bei griechischen Staatsanleihen vollzogen wurde und wie er von vielen Ökonomen erneut erwartet wird, kein Systembruch, sondern eine Weiterentwicklung unserer Geldordnung.

Die Vollgeld-Initiative, die in der Schweiz diesen Winter lanciert werden soll, zielt auf eben diese Geldschöpfung durch die Geschäftsbanken ab. Sie will das Recht, Geld zu schaffen, allein an die Zentralbanken zurückbinden. Das Argument der Initianten, dem Verein für Monetäre Modernisierung: Die Geldmenge kann so besser kontrolliert werden und eine Blasenbildung lässt sich vermeiden. Geschäftsbanken haben nicht mehr quasi grenzenloses Geld als Spekulationsmasse. Die Angst vor einem Bankrun, bei dem plötzlich jeder Bargeld, das es gar nicht gibt, von seiner Bank abheben will, erübrigt sich. Denn Zentralbankgeld ist im Gegensatz zum Geld der Geschäftsbanken immer voll gedeckt.

Gedeckt ist auch Leistungsgeld. Dieses wird weder von einer Geschäftsbank noch einer Zentralbank aus dem Nichts geschöpft, sondern durch eine reale Wertschöpfung. Dieses Geld wird erst aufgrund einer Leistung in Umlauf gebracht. Die sogenannten Zeittauschbörsen funktionieren nach diesem Prinzip. Gutschriften erhalten Mitglieder nur aufgrund vollbrachter Arbeit. Was als kleine Nachbarschaftsinitiative erscheinen mag, die es zum Beispiel auch in Zürich oder im Aargau gibt, generiert eine neue Geldqualität.

Welcher Mechanismus ist dem Geld eigen? Unsere bestehende Geldordnung knüpft an das Schuldgeld, das Zins- und Zinseszinssystem. «Die Ökonomen betrachten wie die meisten Menschen den Zins als den Preis für Geld: So wie für alle anderen Waren ein Preis bezahlt werden muss, so entrichtet man auch für die begehrteste aller Waren – das Geld – einen Preis», schreibt Margrit Kennedy in «Geld ohne Zinsen und Inflation». Sie kritisiert, dass das Zinsgeld den Austausch von Gütern und Dienstleistungen behindert statt fördert. Denn es entzieht der Gesellschaft Geld. Mehr noch, es entzieht ihr Geld, das es gar nicht gibt, denn der Zins geht ja immer über die Kreditsumme hinaus. Zinsen stellen eine Forderung auf zukünftige Leistungen dar, für die das Geld von den Banken erst noch geschöpft werden muss.

Ein neues Geldprinzip, das ohne Zinsen funktioniert, hält in Afrika Einzug. Dafür braucht es kein theoretisches Konstrukt wie das von Silvio Gesell Anfang des letzten Jahrhunderts entworfene Freigeld, sondern das Handy: Wegen der geringen Bankendichte in Kenia werden dort Überweisungen und Zahlungen im Supermarkt inzwischen vor allem per SMS vorgenommen. Ein Bankkonto ist nicht nötig. Das heisst auch, dass das Geld zinsfrei ist. Das Geld zirkuliert ohne die Vermittlung der Banken und ohne Zins schneller und heizt die Wirtschaft an, stellt die Weltbank fest. «Die Zukunft des mobilen Bankings kommt aus Afrika», berichtete die «Handelszeitung»: «Entwicklungsökonomen erkennen darin ein enormes Potenzial im Kampf gegen die Armut.» Mit dem Handy vollzieht sich nicht nur der technische Fortschritt, sondern auch ein Systemwechsel in der Geldordnung.

Welches Geld wofür? Der klassischen Definition nach ist Geld ein universelles Tauschmittel. Hörmann und Pregetter schreiben dagegen: «Selbstverständlich ist es kein Naturgesetz, dass alle Waren und Dienstleistungen stets und ausschliesslich nur mit einer Art von Geld erworben werden müssen.» Es gibt auch Geld, das an bestimmte Verwendungszwecke geknüpft ist. Dieses «funktionale Geld» entspricht dem Gutscheinsystem. Zum Beispiel gibt es Geld für die Altersvorsorge. Oder Geld, das nur bestimmten Wirtschaftsarten zukommt, wie die BNB-Gutscheine in Basel, mit denen ausschliesslich in Genossenschafts-Einrichtungen in der Region bezahlt werden kann. Durch funktionales Geld entstehen unterschiedliche Rechnungskreise, die lokal oder an einen Zweck gebunden sein können. Und die unabhängig voneinander existieren, sodass der Zusammenbruch eines Systems nicht alle anderen Geldkreisläufe mitreisst.

Welche Informationen transportiert Geld – wie kommt der Preis zustande? In der bestehenden Geldordnung spiegelt der Preis Angebot und Nachfrage wider und stellt einen Ausgleich zwischen beiden her. Ein hoher Preis informiert über Knappheit, ein niedriger über Überangebot. Mit der Ökobewegung setzte die Kritik an diesem System an. Sie stellte die Frage nach den Kosten, die bei der Preisfindung nicht berücksichtigt werden – für Luft- oder Meeresverschmutzung oder Klimawandel. Geld als Informationsträger gesehen kann aber nicht nur den Markt, sondern auch die Nachhaltigkeit regeln. Es ist nur eine Frage, wie offen der Preismechanismus gehalten wird.

Literatur: Franz Hörmann, Otmar Pregetter: Das Ende des Geldes, Galila Verlag 2011. – Margrit Kennedy: Geld ohne Zinsen und Inflation, Goldmann 1990. – Nicolaus Heinen: Mission Vertrauen, Wege aus der Eurokrise, Wege aus der Unsicherheit, Mitteldeutscher Verlag 2012.