Im Wallis ist die Vorfreude gross: Das irische Unternehmen Powdair will ab Dezember reiche englische Gäste nach Sion fliegen. Mit dem Tesla gehts anschliessend vom Flughafen nach Verbier, Zermatt oder Anzère. Das Angebot ist auf gut verdienende Ski-Enthusiasten ausgelegt, die sich den Komfort der Nähe zu den Ferienorten leisten können. Kostenpunkt insgesamt: um 1000 Pfund.

Für das Wallis sind Touristen aus England wichtig. 2016 zeichneten sie für über 200'000 Hotelübernachtungen verantwortlich. Mit Powdair sollen bis April 32'000 Gäste nach Sion fliegen. Der erste Flug ist für den 11. Dezember geplant. Doch um diesen Flug durchzuführen, fehlt der Firma nichts Geringeres als ein Flugzeug.

Ein Blick hinter die Kulissen von Powdair zeigt, dass man sich Mühe gibt, nicht zu viele Informationen über sich preiszugeben. Die Geschäftsadresse führt in ein Geschäftshaus in Dublin, wo Firmen sich virtuelle Büros mieten können. Eigene Flugzeuge hat Powdair nicht. Das Risiko trägt derweil die dänische Partnerairline Backbone. Etwa weil sie die Startberechtigungen an den Flughäfen hält, die teilweise Geld kosten.

Powdair hat sich an Backbone beteiligt. Auf Anfrage bestätigt der Chef der dänischen Airline Bjarne Lastein, dass ein Aktientausch zwischen den beiden Firmen stattgefunden habe. Noch musste Powdair also nicht viel Geld in die Finger nehmen. Das Unternehmen besteht derzeit aus einer Homepage, Marketingaktivität in den sozialen Medien und vielen Versprechungen.

Die virtuelle Airline hat ein dringendes Problem: Noch ist nicht klar, mit welchen Flugzeugen geflogen wird. Derzeit hat Powdair durch Backbone zwei Flugzeuge zur Verfügung. Doch für die geplanten Montagsflüge sind drei Flugzeuge nötig. Will doch Powdair innerhalb von 45 Minuten von drei verschiedenen Flughäfen in London nach Sion fliegen.

Laut Mediensprecher der Firma soll zum Starttermin ein Flugzeug des Typs Saab 2000 von London City nach Sion fliegen. Der einzige offizielle Partner hat zwei andere Flieger. Und: Powdair will andere Partner nicht nennen. Als Grund werden «sensible wirtschaftliche Informationen» genannt. Was wohl heisst, dass eine weitere Partnerschaft nicht unter Dach und Fach ist.

Einst im Kampf gegen Piraten

In Aviatikforen und der Fachpresse herrscht Skepsis. Dies hat auch mit der Informationspolitik der Firma zu tun. Im April wurden acht Flugverbindungen nach Sion angekündigt. So sollte unter anderem von London, Southampton, Antwerpen und Hamburg geflogen werden. Doch still und heimlich hat man die Verbindung Hamburg-Sion wieder vom Flugplan genommen.

Die Begründung des Sprechers: «Es war ein schneller, wirtschaftlicher Entscheid.» Warum nicht informiert wurde, lässt er auch auf mehrmalige Nachfrage offen. Dasselbe Muster, als die Strecke Sion–Zürich in den Flugplan aufgenommen und kurz darauf wieder gestrichen wurde, wie das Branchenportal «Aerotelegraph» im Oktober aufdeckte. Oder als Powdair Adria Airways Switzerland als neuen Partner vermeldete.

Kurz darauf sagte der Verkaufs- und Vertriebschef Adria zu «Aerotelegraph», dass nicht mehr mit Powdair geplant werde. Passend zur bisherigen Kommunikation von Powdair verwies deren Chef auf Anfrage zuerst auf seinen Pressesprecher. Konkrete Nachfragen an ihn persönlich liess er unbeantwortet.

Hinter Powdair steht der Brite Nick Davis, der eine bewegte Unternehmergeschichte hinter sich hat. Im Zuge der Piratenangriffe vor Somalia stieg Davis ins Privatsicherheitsgeschäft ein. 2008 taucht Davis mit einer Firma auf, die Piraten davon abhalten sollte, Schiffe anzugreifen. 2011 gründete er eine weitere Sicherheitsfirma. Das Geschäftsmodell: Gegen eine fünfstellige Summe konnten Reeder sich bewaffneten Schutz für ein Schiff kaufen.

2014 ging das Sicherheitsunternehmen pleite. Betroffen waren unter anderem rund 100 Sicherheitskräfte, die auf See waren und nicht wussten, wie sie nach Hause kommen. Dies schrieb die britische Zeitung «The Independent». Der finanzielle Schaden: mehrere Millionen Franken. Nick Davis lancierte weitere, erfolglose Firmen. 2015 musste etwa ein von ihm gegründeter Fährbetrieb dichtmachen. Vier Tage vor Weihnachten verloren 32 Angestellte ihren Job, wie BBC berichtete.

Im Wallis steht der Mehrwert, den Powdair im besten Fall bringen soll, im Vordergrund. So freut sich etwa Zermatt Tourismus auf das neue Angebot. Doch investiert habe man nicht in Powdair, heisst es von der Pressestelle. Man habe aber angeboten, die Firma in Werbeaktionen einzuschliessen.

Dasselbe Vorgehen auch bei Valais/Wallis Promotion, der offiziellen Vermarktungsplattform für das Wallis. «Eine kommerzielle Zusammenarbeit haben wir nicht», sagt Sprecherin Andrea Bärwalde. Bei Events in England im Zusammenhang mit Wintersport habe man die Firma aber mit regionalen Produkten für das Catering unterstützt. Zudem wurden die Pläne von Powdair in die Kommunikation der Anreisemöglichkeiten ins Wallis aufgenommen.

Flughafen reagiert auf Powdair

Für den Flughafen Sion würde das neue Angebot einem Befreiungsschlag gleichkommen. Der Flughafen ist seit dem Rückzug der Schweizer Armee unter Druck. Flughafen-Chefin Aline Bovier sagt zur Skepsis gegenüber Powdair: «Wir haben keine negativen Informationen von der Firma erhalten. Der Betrieb wird wie geplant durchgeführt.»

Falls Powdair nicht abheben sollte, sei dies für den Flughafen nicht tragisch. «Die Entwicklung des Flughafens wäre einfach langsamer, aber nicht gestoppt», so Bovier. Und nennt die Zusammenarbeit mit der Swiss als Beispiel. Der Flughafen hat wegen Powdair bereits eine Weiterbildung für ihre Angestellten durchgeführt. Zudem seien Arbeitspensen angepasst worden, um die Abfertigung in Spitzenzeiten abzudecken.

Egal, ob Powdair startet oder nicht, das Geld der Kunden ist nicht in Gefahr. Dieses wird erst an Powdair weitergeleitet, nachdem die jeweiligen Flüge stattgefunden haben. Schwieriger dürfte es mit Hotelbuchungen aussehen, die in der Hoffnung auf einen Flug mit Powdair getätigt wurden.