Die Wirtschaft läuft rund und trotzdem muss froh sein, wer auf seinem Barvermögen in der Bank keine Strafzinsen bezahlt. Viele Unternehmen und deren Kreditgeber nutzen das Umfeld, um sich an der Börse neu zu finanzieren. Auch die in Neuhausen am Rheinfall beheimatete SIG Combibloc Group will sich die Nachfrage nach Aktien mit einer guten Dividende zunutze machen, um in den nächsten Monaten Kapital in der Höhe von rund einer Milliarde Euro aufzunehmen. Der Konzern schiebt gegen 2,5 Milliarden Euro Schulden vor sich her. Das ist mehr als fünfmal so viel wie die Barmittel, die sich das Unternehmen durch die eigene Geschäftstätigkeit im vergangenen Jahr erarbeiten konnte. Die Rückzahlung eines solchen Schuldenberges ohne frisches Kapital nimmt viele Jahre in Anspruch. Für den kanadischen Finanzinvestor und Noch-Alleineigentümer Onex und die kreditgebenden Banken sei diese Schuldenlast aber nie ein Problem gewesen, sagt der langjährige Geschäftsführer Rolf Stangl im Gespräch. Das Geschäftsmodell von SIG lasse eine hohe Fremdfinanzierung zu.

Finanzinvestor ausgestochen

Die Firma verkauft Verpackungslösungen für keimfreie Getränke, die während zwölf Monaten ungekühlt gelagert werden können. Zu den Abnehmern gehören zum Beispiel Produzenten von Milchprodukten oder Fruchtsäften. Das Geld verdient SIG nicht nur – auch nicht primär – mit den selbsthergestellten Abfüllmaschinen, von denen in über 60 Ländern zurzeit 1150 in Betrieb sind. Eine zentrale Ertragsquelle ist das Material für die Verpackungen, die einen festen Bestandteil der ganzen Verpackungslösung bilden. Die auf die spezifischen Produkte zugeschnittenen Kartonmäntel und Verschlüsse werden zusammen mit den Maschinen in Lieferverträgen mit sechs- bis siebenjähriger Laufzeit verkauft, sodass dem Unternehmen in dieser Zeit konstante Erträge zufliessen. Die auf lange Sicht hinaus gute Berechenbarkeit der Geldflüsse lässt denn auch entsprechende Zinsverpflichtungen zu.

Trotzdem will SIG die Schuldenlast im Rahmen eines Börsenganges nun um rund 40 Prozent reduzieren. Damit verschafft sich das Unternehmen Luft zur Ausschüttung von Dividenden. Rund 100 Millionen Euro könnten es für das laufende Jahr sein, danach jeweils 50 Prozent bis 60 Prozent des bereinigten Jahresgewinns. Bei guter Nachfrage will auch Onex Aktien im Wert von bis zu 500 Millionen Euro ins Publikum verkaufen und so den ersten Schritt zum Ausstieg vollziehen. Die Kanadier hatten SIG im November 2014 zum Preis von 3,8 Milliarden Euro dem neuseeländischen Finanzinvestor Rank Group abgekauft. Dieser hatte die Firma im Mai 2007 für 2,4 Milliarden Dollar in einem Bieterprozess erworben und dabei den US-Finanzinvestor CVC und dessen norwegischen Industriepartner Elopack ausgestochen. Jetzt wird der Unternehmenswert in Finanzmarktkreisen auf rund 5 Milliarden Euro geschätzt.

Hinter der Wertvermehrung steckt das Wachstum von SIG. 2017 erwirtschaftete der Konzern mit seinen über 5000 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von knapp 1,7 Milliarden Euro. Im Jahr 2007 hatte der Umsatz noch 1,1 Milliarden Euro betragen. Die beiden Finanzeigentümer finanzierten mithilfe der Banken die Expansion in schnell wachsende Schwellenländer insbesondere in Asien und Lateinamerika. Nachdem Europa 2007 noch für rund drei Viertel des Umsatzes verantwortlich war, ist der Anteil der Region nun auf unter 50 Prozent gefallen.

Nicht viel übrig vom Erbe

Mit der SIG Combiblock, die früher unter dem Namen «Schweizerische Industrie-Gesellschaft» firmierte, strebt ein Urgestein der Schweizer Industrie zurück an die Börse. Vom alten Erbe der 1853 gegründeten Firma ist allerdings nicht mehr viel übrig. Das aktuelle Geschäft mit den Flüssigverpackungen stammt von den Papier- und Klebstoffwerken Linnich in der Nähe von Düsseldorf, die SIG 1989 erworben hatte. In den darauffolgenden 15 Jahren wurde das ursprüngliche Rollmaterialgeschäft an Fiat und die Produktion von Handfeuerwaffen an deutsche Investoren veräussert. Auch die Herstellung von Maschinen für Trockenverpackungen ging 2004 an den Bosch-Konzern. Bosch will das Geschäft mit 850 Mitarbeitern am Standort Beringen im Kanton Schaffhausen nun selber weiterveräussern, wie im Juni bekannt wurde.