Die Generalversammlungen der Schweizer Publikumsgesellschaften werden Jahr für Jahr ein bisschen intimer. Vergangene Woche versammelten sich 1649 Aktionäre der Zurich Insurance Group zum jährlichen Treffen im Zürcher Hallenstadion. Vor fünf Jahren waren es noch 2232 gewesen. Die Entwicklung entspricht einem generellen Trend. Doch es gibt auch ein gegensätzliches Verlaufsmuster: Betrachtet man die auf den Generalversammlungen vertretenen Aktienstimmen, gewinnt das Forum laufend an Bedeutung.

An der glanzvollen Wahl des neuen Zurich-Verwaltungsratspräsidenten Michel Liès waren letzte Woche mehr als 68 Prozent aller stimmberechtigten Aktien beteiligt. 2013 lag die Präsenz noch bei rund 58 Prozent. Teilweise lässt sich die höhere Beteiligungsquote mit dem Stimmzwang für Schweizer Pensionskassen erklären. Diesen erwirkte der Schaffhauser Ständerat Thomas Minder 2013 mit seiner Abzocker-Initiative. Bei der Zurich ist die Quote der am Tag der Generalversammlung stimmberechtigten Aktien im Fünfjahresvergleich um 5 Prozent gestiegen. Im gleichen Ausmass hat auch die Zahl der registrierten Schweizer Aktionäre zugenommen.

Inzwischen liegen bei dem Versicherungskonzern wieder fast 50 Prozent der unterjährig im Aktienbuch eingetragenen Beteiligungstitel in Schweizer Händen. Die Zahl lässt zwar nur bedingt eine Aussage über die Stimmkraft der Schweizer Aktionäre zu, weil insbesondere angelsächsische Investmentfonds ihre Titel aus technischen Gründen häufig nur auf den Zeitpunkt der Generalversammlung registrieren lassen. Doch selbst wenn man annehmen würde, dass sich alle unterjährig nicht registrierten Aktien (46 Prozent im Fall Zurich) in ausländischem Besitz befänden, hätten die Schweizer Aktionäre einen Anteil von mehr als einem Viertel aller Aktienstimmen.

Unterschiedliche Einflusskultur

Ein Viertel des Aktienkapitals genügt in der Regel, um eine Generalversammlung zu beherrschen. Würden alle Schweizer Aktionäre mit einer Stimme sprechen, wäre die Zurich also klar in Schweizer Hand. Die gleiche Feststellung mit auffallend ähnlichen Zahlen lässt sich auch bei vielen anderen Schweizer Grossunternehmen machen. Beim Pharmakonzern Novartis besitzen Schweizer Aktionäre mindestens 30 Prozent der Stimmen, bei Swiss Re sind es 29 Prozent, bei Swiss Life 25 Prozent und selbst bei Nestlé sind es noch 20 Prozent. Mit Blick auf die Grösse und die Internationalität der besagten Unternehmen ist das Gewicht der heimischen Aktionäre erstaunlich hoch.

Eine schweizerische Aktionärskultur, wie sie in der Form bestimmter Präferenzen beispielsweise zu sozialen, ökologischen oder auch finanziellen Zielsetzungen mindestens vorstellbar wäre, existiert allerdings nicht. Institutionelle Aktionäre aus der Schweiz haben traditionell kein grosses Interesse an ihren Stimmrechten. Diese Erfahrung musste vor 25 Jahren schon der Schwyzer Financier Martin Ebner machen, als er im Kampf um die Macht bei der Schweizerischen Bankgesellschaft den Kürzeren zog, weil der Verwaltungsrat ziemlich frei über viele Stimmen von Schweizer Aktionären verfügen konnte. Diese Einstellung der Schweizer Pensionskassen zu ihren Stimmrechten hat sich bis heute nicht wesentlich verändert. Umfragen der auf Governance-Themen spezialisierten Beratungsgesellschaft Swipra belegen dies regelmässig. Geschäftsführerin Barbara Heller sagt: Institutionelle Investoren und Pensionskassen aus der Schweiz messen dem Stimmrecht eine relativ geringe Bedeutung bei. So wie diese Haltung Firmenchefs einst freute, gibt sie ihnen heute Grund zum Ärger.

Was Blackrock anders macht

Es seien in erster Linie Schweizer Pensionskassen und andere institutionelle Aktionäre, die den Empfehlungen professioneller Stimmrechtsberater unkritisch folgen und die Unternehmen so teilweise in Nöte brächten, weiss Heller. Sie hält die Empfehlungen der Berater aber für problematisch, weil sie auf Formalismen und internationalen Standards beruhten, die den spezifischen Erfordernissen der hiesigen Firmen nicht gerecht würden. Und Swipra spiegelt die Sicht der Unternehmen. Die Agentur wurde einst als Konkurrenz zu der als Managerschreck bekanntgewordenen Stimmrechtsberaterin Ethos gegründet.

Anders machen es Grossinvestoren wie Blackrock. Der weltgrösste Vermögensverwalter aus Amerika hält in der Schweiz und in vielen anderen Ländern stellvertretend für die eigene Kundschaft Beteiligungen von 3 Prozent und mehr an fast allen grösseren Gesellschaften. Und Blackrock-Chef Larry Fink ist dabei, eine eigene Aktionärskultur zu entwickeln. Die Blackrock-Fonds investieren nicht in einzelne Firmen, sondern kaufen ganze Märkte. Deshalb sind sie gezwungen, alle Titel eines bestimmten Indexes zu halten und können Präferenzen zwischen den Firmen nicht ausspielen. Aus diesem Grund sehen sich die Amerikaner in der Pflicht, sich stärker in die Firmen einzumischen, um die nicht immer deckungsgleichen finanziellen und ideellen Ziele der eigenen Kundschaft in Einklang zu bringen.

In einem Brief an die Chefs der weltgrössten Unternehmen schrieb Fink, die Gesellschaft erwarte, dass diese nebst finanziellen auch soziale Zwecke erfüllten. Blackrock und andere ähnlich ausgerichtete Vermögensverwalter werden auch in den Schweizer Unternehmen die Governance zunehmend prägen, glaubt man bei Swipra. Was dies für die Zukunft bedeutet, bleibt vorerst unklar. Klar erscheint indessen, dass die Schweizer Aktionäre trotz ihrem hohen und zuletzt gestiegenen Stimmengewicht weiter an Einfluss verlieren, weil sie selber keine Kultur der Einflussnahme haben.