Es herrschte Goldgräberstimmung Ende der 90er-Jahre: In der schönen Welt der New Economy schossen Start-ups aus dem Boden, die irgendetwas mit Internet machten und versprachen, in der nahen Zukunft grosse Gewinne einzufahren.

Das glaubten sogar die Hausfrauen und Taxifahrer: Sie kauften mit ihrem Ersparten Aktien der neu gegründeten Firmen. Und die steigenden Kurse schienen ihnen Recht zu geben: Alle konnten reich werden, ohne sich selbst die Hände schmutzig machen zu müssen.

Doch im Jahr 2000 war die Party abrupt zu Ende. Manche Jungunternehmen mussten Konkurs anmelden, die Aktienkurse brachen zusammen. Und viele rieben sich die Augen, als seien sie gerade aus einem absurden Traum erwacht: Wie konnten sie nur so dumm sein zu glauben, dass es immer so weiter gehen würde?

Internet-Firmen ohne Gewinn

In diesen Tagen werden Erinnerungen an die Dotcom-Blase von damals wach. In New York ging vor zwei Wochen der chinesische Internetkonzern Alibaba an die Börse. In Frankfurt war es vor zwei Tagen das Onlineversandhaus Zalando und gestern der Start-up-Finanzierer Rocket Internet (siehe Kasten). Und es sieht danach aus, dass bis Ende Jahr in Deutschland noch weitere Internetunternehmen an den Start gehen werden.

Dabei gibt es durchaus Parallelen zu den 90er-Jahren. Wie viele der damaligen Unternehmen hat auch Rocket Internet bisher keine Gewinne gemacht. Zalando verdiente im letzten halben Jahr zum ersten Mal ein bisschen Geld. Auch Amazon hat bisher kaum Gewinne geschrieben. Trotzdem haben diese Unternehmen einen Börsenwert von mehreren Milliarden Franken.

Für Erwin Heri, Wirtschaftsprofessor an der Universität Basel und Mitinhaber des Finanzportals fintool.ch, ist deshalb klar: «Wer Aktien dieser Unternehmen kauft, der investiert in Fantasien über die zukünftige Entwicklung.» Es gehe dabei nicht wie bei normalen Unternehmen um real existierende Gewinne oder Verluste. «Das Geschäftsmodell dieser Firmen kann aufgehen — oder auch nicht.»

Heute gibt es keine Euphorie

Aber es gibt auch Unterschiede zwischen der heutigen Situation und der Euphorie der 90er-Jahre: Zwar konnten Alibaba, Zalando und Rocket Internet ihre Aktien zu einem hohen Preis am Markt platzieren. Doch seither ist der Kurs bei allen drei Titeln gesunken. Von Euphorie ist wenig zu spüren.

Das war Ende der 90er-Jahre komplett anders: «Damals waren die Aktien an allen Börsen massiv überbewertet», sagt Heri. Und zwar nicht nur die Aktien der Internet-Unternehmen, sondern auch jene der klassischen Firmen. Deshalb habe im Jahr 2000 der Absturz der New Economy auch die anderen Unternehmen mit in die Tiefe gezogen, sagt Heri. «Heute hingegen gibt es an den Börsen keine solche Überbewertung.»

Und noch einen Unterschied gibt es zu den 90er-Jahren. Während damals das Börsenfieber weite Teile der Bevölkerung erfasste, sind es heute vor allem professionelle Anleger, die in die jungen Unternehmen investieren. «Die meisten der normalen Sparer haben ihr Vermögen noch immer als Cash auf der Bank», sagt Heri.

Für ihn ist dennoch klar, dass es auch heute höchst riskant ist, in Alibaba, Zalando oder Rocket Internet zu investieren: «Wenn Sie das machen, können Sie auch gleich ins Kasino gehen», sagt Heri. Denn niemand könne sagen, wie sich diese Unternehmen entwickeln. «Mit einer seriösen Geldanlage haben solche Aktien nichts zu tun.»

Die Anleger haben gelernt

Dass dieses Mal die kleinen und grossen Anleger vorsichtiger sind als Ende der 90er-Jahre, hat auch damit zu tun, dass die Erinnerungen an das Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000 bei vielen noch wach sind. Besonders natürlich bei jenen, die damals Geld verloren.

Sie alle haben schmerzlich erfahren, dass sie am Schluss selber wissen müssen, welche Risiken sie mit ihrem Geld eingehen wollen — ganz egal, was die Firmengründer, Banken und Medien ihnen erzählen.

Daneben gibt es aber auch jene Investoren, die Ende der 90er-Jahre rechtzeitig ausstiegen, bevor die Blase platzte. Sie haben damals zum Teil sehr viel Geld verdient. Und könnten nun in Versuchung geraten, das Kunststück zu wiederholen.

Und dann gibt es noch jene, die den damaligen Crash überlebten und noch heute existieren. Dazu zählt etwa die Firma United Internet, die heute zu den Investoren bei Rocket Internet gehört.