Die Engländer machen es vor: Die britische Supermarktkette Morrisons hat vergangene Woche bekannt gegeben, dass sie in allen ihren Geschäften eine «stille Stunde» einführt. Diese wöchentlich 60 Minuten sollen es Menschen mit Autismus, die oftmals lärmsensibel sind (siehe Box unten), möglich machen, ihren Einkauf selbstständig zu erledigen.

Morrisons arbeitet bei diesem Projekt mit der nationalen Autismus-Vereinigung zusammen. In der stillen Stunde, die jeweils am Samstagmorgen stattfindet, wird der Lärmpegel auf einem Minimum gehalten: Lautsprecher-Durchsagen werden massiv reduziert, statt laute Einkaufswagen gibt es nur Einkaufskörbe, Musik und Radios werden ausgeschaltet, und die elektronischen Scanning-Geräusche an der Kasse sind viel leiser.

Regula Buehler, Geschäftsleiterin des Vereins Autismus Deutsche Schweiz (ads), wünscht sich eine solche Aktion auch hierzulande: «Für Menschen mit Autismus oder auch anderen Beeinträchtigungen wäre es ein grosser Gewinn an Lebensqualität, wenn sich Migros, Coop und andere Händler an Morrisons ein Beispiel nehmen würden.» Buehler wurde bereits einmal aktiv. Vor rund zwei Jahren wandte sie sich mit ihrem Anliegen an den Migros Genossenschaftsbund, der Zentrale des Detailhandelsriesen. Dort fand sie allerdings kein Gehör und wurde an die zehn einzelnen Migros-Genossenschaften verwiesen.

Migros verweist auf Onlineshop

Nun hofft Buehler auf das Momentum aus England: Sie werde erneut auf die grossen Schweizer Detailhändler zugehen, um ein solches Projekt zusammen in Angriff zu nehmen und sie dabei mit Fachwissen zu unterstützen. Denn heute sei die Reizüberflutung durch Werbung, Licht, Geräusche und Gerüche für Menschen mit Autismus in vielen Geschäften zu gross. Oftmals sei für sie der Einkauf, wenn überhaupt, nur mit der Begleitung einer Hilfsperson möglich.

Die Migros sieht dennoch keinen Bedarf für eine «stille Stunde». Laut Sprecherin Martina Bosshard setze man in den Filialen auf diskrete Musik, die Genossenschaft Luzern verzichtet gar komplett darauf. Menschen mit Autismus haben aus Sicht der Migros genügend Ausweichmöglichkeiten: Lärmempfindliche Personen könnten kleinere Filialen und Zeiten auswählen, in denen die Besucherzahl geringer sei. «Ausserdem gibt es die Möglichkeit, online bei LeShop einzukaufen», sagt Bosshard. In Bern und Zürich könne man sich zudem über die neue App namens Amigos Einkäufe gegen einen Aufpreis nach Hause liefern lassen.

Coop sagt, man habe bisher keine Anfragen zu diesem Thema erhalten. Anliegen und Wünsche von Kunden prüfe man von Fall zu Fall. «Daraus können sich Einzellösungen, aber auch grössere Projekte ergeben», sagt Sprecherin Alena Kress. Auch die Migros-Tochter Denner sowie die deutschen Discounter Aldi und Lidl haben keine Anpassungen geplant. Denner habe vergleichsweise kleine Läden, wodurch mehr Einkaufskörbe als laute Einkaufswagen benutzt würden, sagt Sprecher Thomas Kaderli. Aufgrund der Einrichtung mit vielen Gestellen werde der Geräuschpegel gedämpft und es halle weniger in den schmalen Gängen. Aldi-Sprecher Philippe Vetterli sagt, Lautsprecheransagen erfolgten nur in wenigen Fällen.

Kinokette Pathé als Vorbild

Dennoch wäre eine «stille Stunde» im Detailhandel ein kleiner, aber symbolisch wichtiger Schritt, sagt ads-Geschäftsleiterin Regula Buehler. Einige Angebote im Alltagsleben konnte der Verein ads in den letzten Jahren bereits schaffen: Gemeinsam mit der Kinokette Pathé führt ads viermal jährlich Autismus-freundliche Vorstellungen durch. Dabei wird es unter anderem nicht völlig dunkel im Saal, die Lautstärke wird reduziert und die Gäste können den Sitzplatz selber wählen und ihr eigenes Essen mitnehmen. Zudem erhalten die Teilnehmenden im Vorfeld Bilder und Beschreibungen zur Anreise und Orientierung im Kino. «Ansonsten wäre der Stress für sie zu gross, da zu vieles unbekannt ist.» Ausserdem organisierte ads einen Autismus-freundlichen Tag im Zoo Zürich und im Europa-Park in Rust.

In der Schweiz und in Europa sei die Bevölkerung aber noch immer zu wenig sensibilisiert in Sachen Autismus, sagt Buehler, vor allem im Vergleich zu englischsprachigen Ländern. Ein Problem in der Schweiz sei auch, dass Autismus im Gegensatz zu vielen ausländischen Ländern nicht als Krankheit angesehen werde, sondern als Beeinträchtigung. «Die Krankenkasse bezahlt zwar die regulären medizinischen Behandlungen, aber nicht mehr.»

Niemand fühlt sich zuständig

Für weitere Unterstützung müssten sich Menschen mit Autismus bei der IV anmelden, wo sie oft abgewiesen oder Leistungen, wie Autismus-spezifische Therapien oder Massnahmen zur Arbeitsintegration, nicht erhalten würden. «Niemand fühlt sich wirklich zuständig für Menschen mit Autismus. Die Betroffenen sowie deren Angehörige fühlen sich allein gelassen», sagt Buehler. Man erarbeite momentan mit dem Bundesamt für Sozialversicherungen eine Autismus-Strategie. «Denn heute erhält das Thema in der Schweiz nicht die dringend nötige Aufmerksamkeit.»

Zudem fehlt es laut Buehler an Wissen und Verständnis in der Geschäftswelt. In England arbeiten zum Beispiel nur 16 Prozent der Erwachsenen mit Autismus in einer 100 Prozent bezahlten Stelle. In der Schweiz dürfte die Situation laut ads ähnlich aussehen. «Es gibt viele fähige, leistungsfähige Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen, die keinen passenden Arbeitsplatz finden», sagt Buehler. «Mit gezielter Unterstützung und dem nötigen Wissen bei den Arbeitgebern könnten viele Betroffene wertvolle Mitglieder in Arbeitsteams sein.