Es ist ein Tweet, der mehrere Milliarden Dollar einbringen könnte: In der Nacht auf heute Freitag hat Twitter bekannt gegeben, bei der Aufsichtsbehörde SEC vertraulich ein Börsenprospekt eingereicht zu haben. Damit ist eingetroffen, worüber schon seit Monaten «gezwitschert» worden war: «Das ist der Börsengang, auf den die Branche gewartet hat», sagte Byron Deeter der Nachrichtenagentur «Bloomberg». Deeter ist Mitinhaber von Bessemer Venture Partners, einem Unternehmen, das auf Wagniskapital spezialisiert ist.

Bis zum eigentlichen Börsengang kann es jedoch noch Monate dauern – und er kann letztlich auch abgeblasen werden. Alles hängt davon ab, wie die Nachfrage der Anleger nach den Twitter-Aktien ausfällt. Erst ganz am Ende wird der Preis festgelegt. Im letzten Monat wurde Twitter von GSV Capital – einer Investmentgesellschaft, die selbst am Kurznachrichtendienst beteiligt ist – mit 10,5 Milliarden Dollar bewertet. Zum Vergleich: Facebook hat einen Marktwert von 109 Milliarden Dollar und ist damit rund zehnmal grösser als Twitter – allerdings legt der Kurznachrichtendienst stetig zu.

Reaktion der Anleger ungewiss

Im Januar 2013 wurde Twitter noch mit 9 Milliarden Dollar bewertet, als die US-amerikanische Investmentgesellschaft Black Rock von Angestellten Aktien im Wert von 80 Millionen Dollar erwarb. Gegenüber Dezember 2011 wiederum war das eine Wertsteigerung von 600 Millionen Dollar. Damals investierte der saudische Prinz Alwaleed bin Talal 300 Millionen Dollar in Twitter. Das Unternehmen kam damals auf einen Gesamtwert von 8,4 Milliarden Dollar.

Es ist alles andere als selbstverständlich, dass sich die Anleger um die neuen Papiere reissen werden. Einige Investoren scheuen sich vor dem Börsengang, nachdem die IPOs von Facebook, Zynga oder Groupon zu Beginn alles andere als optimal verliefen. Bei Twitters Vorgängern herrschte vor dem Börsengang jeweils ein Hype um die Papiere, dann rasselten die Kurse aber in den Keller, weil die Investoren die Nachhaltigkeit der Geschäftsmodelle in Frage stellten. Zumindest die Facebook-Aktie hat sich mittlerweile allerdings mehr als erholt und verzeichnet ständig neue Höchstwerte.

580 Millionen Dollar Umsatz

Trotzdem: Einige Investoren haben bereits angekündigt, dass sie sich mit Investitionen zurückhalten werden, solange sie keine Detailinformationen zu Twitters Finanzen haben. Die einzige gesicherte Information ist zum jetzigen Zeitpunkt, dass Twitter pro Jahr weniger als eine Milliarde Dollar umsetzt. Das weiss man deshalb, weil es Twitter erlaubt war, den Börsenprospekt vertraulich einzureichen. Das ist in den USA nur möglich, wenn ein Unternehmen weniger als eine Milliarde Umsatz macht pro Jahr. Twitter musste also noch keine Details über seine finanziellen Verhältnisse bekannt gegeben.

Gemäss Schätzungen des Marktforschungsinstituts EMarketer soll Twitter in diesem Jahr rund 580 Millionen Dollar Umsatz erzielen. Für 2014 rechnet das Institut mit einer Steigerung um über 60 Prozent auf 950 Millionen Dollar. Im Jahr 2011 schätzte EMarketer den Umsatz von Twitter noch auf 140 Millionen Dollar.

Im Mobile-Bereich gut aufgestellt

Die Einnahmen steigen, weil Twitter zu einem festen Bestandteil der Pop-Kultur geworden ist. Stars und Sternchen, Politiker sowie Unternehmen nutzen den Kurznachrichtendienst, um mit der Öffentlichkeit zu interagieren. Gemäss der Internetseite Twittercounter.com, die Daten von Twitter sammelt, ist der Musiker Justin Bieber mit 44,4 Millionen Followern das populärste Mitglied. Auf Platz zwei folgt Katy Perry mit 42,6 Millionen Followern, dann folgen Lady Gaga (40,1 Millionen) und US-Präsident Barack Obama (36,5 Millionen). Bei den Unternehmen schwingt Google-Tochter YouTube oben aus: Dem Internet-Videoportal folgen 33,4 Millionen Personen.

Seit die gut 200 Millionen aktiven Twitter-Nutzer ihre 140 Zeichen langen Kurznachrichten vermehrt via Smartphone oder Tablets verbreiten, gilt das Unternehmen im schnell wachsenden Mobile-Bereich als gut positioniert. Erst am Dienstag hat sich Twitter mit der Übernahme einer Online-Werbefirma zusätzlich schick gemacht: Der Multimillionen Dollar schwere Zukauf MoPub hilft dem Unternehmen, Werbung in mobilen Apps zu schalten. Bei Facebook war das Werbegeschäft auf Smartphones und Tablets zum Zeitpunkt des Börsengangs im Mai 2012 ein Schwachpunkt gewesen.

Keine Tipps von Zuckerberg

Des Weiteren konnte Twitter seine Einnahmen deutlich erhöhen, seit im Jahr 2010 ein neues Werbemodell eingeführt wurde. Dieses bietet den Werbekampagnegestaltern neue Möglichkeiten, um die wachsende Nutzergemeinde zu erreichen. So lässt Twitter die Werbenden heute dafür bezahlen, um eine prominente Platzierung in der Timeline zu erhalten. In der Timeline bekommen Twitter-Nutzer jeweils die Updates der Accounts angezeigt, denen sie folgen. Zudem verdient Twitter auch Geld damit, dass Werbende dafür bezahlen, neben einer Liste mit beliebten Twitter-Themen zu erscheinen.

Gemäss Informationen von «Bloomberg» soll Goldman Sachs beim Twitter IPO die Führung übernehmen. Twitter hat bisher keine Einzelheiten bekannt gegeben. CEO Dick Costolo hat nun die Aufgabe, die Investorengemeinde davon zu überzeugen, dass der Twitter-Börsengang besser ablaufen wird als bei Facebook, Groupon oder Zynga. Von Mark Zuckerberg darf er dazu keine Ratschläge erwarten: «Ich denke, ich bin die letzte Person, die man fragen will, wie man problemlos an die Börse geht», sagte der Facebook-Gründer kürzlich in einem Interview.