Der Gehrig-Bericht beleuchtet nur einen Teil der Ära Vincenz. Ist er ausreichend für die Aufarbeitung der Ära Vincenz?

Lachappelle: Der Gehrig-Bericht beleuchtet einen sehr wichtigen Teil der Ära Vincenz, nämlich die Beteiligungsnahmen in den Jahren 2005 bis 2015. Hinzu kommt, dass der Sachverhalt Investnet und andere Beteiligungsgeschäfte im Rahmen des laufenden Strafverfahrens von der Staatsanwaltschaft Zürich III untersucht werden.

Warum initiieren Sie keine weiteren Untersuchungsberichte, die zusätzliche Aspekte beleuchten?

Die Aufarbeitung ist umfassend: Neben Strafuntersuchung und Gehrig-Bericht wurden im Rahmen der internen Untersuchung von Prager-Dreifuss, dem Deloitte-Bericht und dem FINMA-Enforcement-Verfahren weitere Aspekte bereits untersucht.

Der Bericht hat keine Nachweise für strafrechtlich relevanten Verhalten festgestellt. Müssten sie jetzt nicht die Strafanzeige zurückziehen?

Nein. Nicht Gegenstand der Untersuchung waren der Sachverhalt Investnet und andere Beteiligungsgeschäfte, die im laufenden Strafverfahren von der Staatsanwaltschaft Zürich untersucht werden.

Der Gehrig-Bericht kann als Persilschein für das frühere Management interpretiert werden. Stört Sie das nicht?

Das ist kein Persilschein: Laut Bericht wies die Führungsarbeit des Verwaltungsrats und der Geschäftsleitung von Raiffeisen Schweiz bei der Umsetzung der Diversifikationsstrategie gravierende Mängel auf. Durch mangelnde Führung und Kontrolle, organisatorische Versäumnisse und eine personenzentrierte Kultur sind finanzielle Nachteile, vor allem aber ein Reputationsschaden für die ganze Raiffeisen Gruppe entstanden.

Drei GL-Mitglieder sind per sofort ausgeschieden. Können Sie weiter Abgänge in der GL , die in Zusammenhang mit der Aufarbeitung der Ära Vincenz stehen, ausschliessen?

Mit der Erneuerung des Verwaltungsrats und der Geschäftsleitung von Raiffeisen Schweiz haben die notwendigen Erneuerungen stattgefunden.

Wo steht die Raiffeisen im Aufarbeitungsprozess der Ära Vincenz mit dem heutigen Tag?

Raiffeisen ist daran, die Fehler der Vergangenheit zu korrigieren und sich gleichzeitig den komplexer werdenden Anforderungen des Bankgeschäftes zu stellen. Der Verwaltungsrat von Raiffeisen Schweiz zieht aus dem Gehrig-Bericht seine Konsequenzen und hat ein umfassendes Massnahmenpaket beschlossen, das im Wesentlichen drei Themenkomplexe umfasst: die Etablierung einer ausgeprägten Verantwortungskultur, die verbesserte Führung und Kontrolle sowie die verbesserte Governance. Damit einher geht eine Erneuerung der Bankspitze, aktuell der Geschäftsleitung.

Das Interview wurde schriftlich geführt