Anfang Woche sah es noch aus, als würde Patrik Gisel aufs Wochenende zurücktreten. Doch dann ging es plötzlich schneller. Wie die «Schweiz am Wochenende» schrieb, wurde Gisel zum Thema im Verwaltungsrat. Dieser gab den Anstoss dazu, dass der Chef von Raiffeisen Schweiz früh seinen Rücktritt auf Ende Jahr erklärte.

Eine Abgangsentschädigung wird Gisel nicht erhalten, sagt eine Sprecherin auf Anfrage. Er werde sein ordentliches Salär von 1,8 Millionen Franken plus Pensionskassen-Beiträge beziehen.

Begonnen hat Gisels Aufstieg bei der Genossenschaftsbank im Jahr 2002, als er zum Stellvertreter des damaligen Raiffeisen-CEO Pierin Vincenz ernannt wurde. Insgesamt 13 Jahre war er die Nummer zwei der Bank und massgeblich beteiligt am Ausbau der einstigen Bauernbank zum drittgrössten Schweizer Finanzinstitut. Das Gespann Vincenz/Gisel baute die Bank um, modernisierte sie, expandierte in die Städte. Gisel und Vincenz nutzten geschickt die Schwäche der Grossbanken während der Finanzkrise und expandierten im Hypothekargeschäft massiv.

Freiwilliger Rücktritt von Raiffeisen-CEO Patrik Gisel

Freiwilliger Rücktritt von Raiffeisen-CEO Patrik Gisel: Beitrag von "Tele M1".

Visionär Vincenz, Macher Gisel

Die beiden drangen in neue Geschäftsfelder wie das Private Banking und das Asset Management vor, wofür sie Hunderte Millionen ausgaben. Vincenz war der Mann der Visionen – Gisel sein treuer Umsetzer. Mit dem Ausbau des Geschäfts stiegen auch die Kosten, sodass unter dem Strich kaum mehr Gewinn herausschaute – obwohl die Risiken ständig stiegen. Raiffeisen dresche leeres Stroh, schrieb die «NZZ».

Die regionalen Genossenschaften schauten den Umwälzungen mit Bewunderung, aber auch mit Befremden zu. War das noch ihre Bank? Vertrat sie noch die Werte ihrer Gründerväter? Doch aufmucken wollte niemand. Der Erfolg der neuen Raiffeisen-Bank liess jegliche Kritik im Keim ersticken. Dass es still blieb, war auch das Verdienst der Lenker aus St. Gallen. Vincenz beliess die Genossenschaftsstruktur bewusst kleinteilig, damit keine ernsthafte Opposition entstehen konnte. Teile und herrsche, lautete sein Führungscredo.

Mit dem Erfolg verlor die Zentrale zunehmend die Bodenhaftung. Vincenz gebärdete sich wie ein Paradeplatz-Banker. Sein Gehalt kletterte auf vier Millionen Franken. Er leistete sich kostspielige Eskapaden wie Helikopterflüge von St. Gallen nach Bern. Mit dem Privatflieger ging es von Altenrhein nach Wien an den EM-Final, pilotiert von Patrik Gisel, der einen Pilotenschein besitzt.

Vincenz zeigte sich seinem engsten Umfeld gegenüber stets generös. Die Gehälter der Geschäftsleitungsmitglieder lagen zum Teil deutlich über einer Million Franken. Als die untypisch hohen Löhne aufflogen, gelobte der Verwaltungsrat Besserung und führte eine Obergrenze von zwei Millionen Franken Jahresgehalt sein – allerdings nur pro forma, denn sämtliche Beiträge für die Pensionskasse wurden draufgepackt – für Vincenz allein machte das in einem Jahr 900'000 Franken aus.

Pierin Vincenz.

Pierin Vincenz.

Patrik Gisel musste lange auf seine Chance warten. Im Oktober 2015 bekam er sie dann endlich, als Vincenz zurücktrat und er zu seinem Nachfolger ernannt wurde. Die Nachfolgeregelung war allerdings von langer Hand geplant. Zwar konnte ein Headhunter eine Kandidatenliste einreichen, doch Interviews wurden keine durchgeführt. Es war also klar, dass Gisel nachrücken würde.

Im Jahr 2016 sagte Gisel in einem Interview: «Wir haben viele Jahre den Kurs von Raiffeisen gestaltet und die Strategie gemeinsam definiert. Somit ist Kontinuität in jedem Fall garantiert.» Diese Nähe zum Raiffeisen-Übervater wurde Gisel zum Verhängnis. Zwar hat er in den letzten drei Jahren viele zweifelhafte Firmenzukäufe wieder rückgängig gemacht. Doch letztlich war es auch Gisel, der die vielen Akquisitionen mitgetragen hat. Schwer wiegt insbesondere, dass er einer Beteiligung im Umfang von 100 Millionen Franken ohne vertiefte Buchprüfung zustimmte. Es handelte sich um die Firma Investnet, die neben einer weiteren Beteiligung im Zentrum der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft steht. Auch hatte Gisel seit Jahren Kenntnis von den privaten Deals seines Vorgesetzten, doch aktiv eingemischt hat er sich nie. Möglicherweise glaubte er, dass dies für seine beruflichen Ambitionen nicht förderlich wäre.

Im Communiqué, das Raiffeisen verschickte, stärkt der Verwaltungsrat dem scheidenden Raiffeisenchef nochmals den Rücken. «Der Verwaltungsrat (…) hält ausdrücklich fest, dass weder das im Juni 2018 abgeschlossene Enforcement-Verfahren der Finanzmarktaufsicht Finma noch die Zwischenresultate der laufenden unabhängigen Untersuchung zur ‹Ära Pierin Vincenz› Patrik Gisel aufsichtsrechtlich belasten – seine Integrität steht ausser Zweifel.» Angesichts der Deutlichkeit, mit der die Finanzmarktaufsicht nicht nur Vincenz, sondern die gesamte Geschäftsleitung rügte, ist diese Wertung des Verwaltungsrats erstaunlich und nur schwer nachvollziehbar.

Mit dem Rücktritt Gisels auf Ende Jahr besteht nun die Chance auf einen echten Neuanfang. Das Reinemachen ist nicht erledigt und wird weitergehen. Spätestens nach der Erneuerung des Verwaltungsrats, inklusive der Wahl eines neuen Präsidenten oder einer Präsidentin im Herbst, dürfte es zu weiteren Rücktritten in der Geschäftsleitung kommen.