Die Liste ist lang. Sehr lang. Companys, Bernie’s, Switcher, Charles Vögele, OVS, Jeans&Co, Yendi, Blackout und, und, und. Der Strukturwandel im Schweizer Detailhandel, angetrieben durch den Einkaufstourismus und vor allem den Onlineboom, hat prominente Opfer gefordert.

Laut dem Marktforscher GfK sind in den letzten sieben Jahren unter dem Strich 6000 Verkaufsstellen verschwunden. Mit der Folge, dass die Leerstände für Städte und Dörfer zum Problem geworden sind. Sorgen bereiten ihnen leere Einkaufsstrassen. Wo einst Schaufenster-Puppen die neusten Kleiderkollektionen präsentierten, herrscht heute vielerorts gähnende Leere.

Die Not hat nun eine neue, gewichtige Allianz hervorgebracht. Zahlreiche Branchenakteure haben sich zusammengetan im Rahmen des Projekts «Strukturwandel im Detailhandel» – mit dem Ziel, Massnahmen und Empfehlungen auszuarbeiten, damit Stadt- und Ortszentren auch in Zukunft viele Konsumenten anlocken.

Federführend ist der Verein Metropolitankonferenz Zürich, dem die Kantone Zürich, Aargau, Thurgau, Schaffhausen, Schwyz, St. Gallen, Zug und Luzern angehören, sowie rund 120 Städte und Gemeinden. Ebenfalls an Bord: die Interessensgemeinschaft Detailhandel Schweiz mit Migros, Denner, Coop und Manor, die Swiss Retail Federation, der Verband der mittelständischen Detailhändler sowie Vertreter der Immobilienwirtschaft und der öffentlichen Hand.

Projekte in St. Gallen und Luzern

Das Resultat sind eine Broschüre und ein Arbeitsbericht, die in den kommenden Tagen an alle teilnehmenden Organisationen versandt werden. Dieser Zeitung liegen sie bereits vor. So manche Vorschläge sind altbekannt: Weiterbildung fördern, Digitalisierung nutzen, Lage analysieren.

Eine der Empfehlungen zielt hingegen auf ein Modell, das hierzulande neu ist. Die Allianz spricht von einem «Kümmerer», oftmals auch «City Manager» genannt. Die Idee dahinter: Eine zentrale Stelle – analog dem Direktor eines Shoppingcenters – soll die Akteure vernetzen und sich dafür einsetzen, dass die Einkaufsgebiete attraktiv bleiben.

Der City Manager kann dafür sorgen, dass Werbeaktionen abgestimmt sind, Gespräche mit Behörden gemeinsam stattfinden oder Events solidarisch mitfinanziert werden. Bei ihm sollen alle Fäden zusammenlaufen. Heute werden solche Aufgaben oftmals von Gewerbe-, Tourismus- oder Innenstadtverbänden übernommen. Doch das Berufsbild City Manager erhält Auftrieb: In St. Gallen oder Rheinfelden AG ist die Schaffung eines City Managers bereits in Planung, und in Luzern prüft der Stadtrat die Idee derzeit.

Zürcher Bahnhofstrasse zu gross

Anna Schindler, Direktorin der Zürcher Stadtentwicklung, hat an den Workshops der Allianz teilgenommen. Sie begrüsst den Vorschlag eines «Kümmerers», doch müsste für sie diese Funktion je nach Ort unterschiedlich aussehen. «Generell funktioniert die Idee der Kuration aus einer Hand wohl nur bis zu einer gewissen Grösse. Die Zürcher Bahnhofstrasse ist dafür zu gross.»

Am effektivsten wäre ein Kümmerer für kleinere Städte-Einheiten oder Zentren, so Schindler. Dessen Aufgaben seien aber einiges komplexer als jene eines Shoppingcenter-Managers, der einzig dem Liegenschaftsbesitzer Rechenschaft schuldig ist und nicht verschiedenen Eigentümern und zig andere Akteuren.

Für Schindler ist klar: «Der Strukturwandel lässt sich mit einem Kümmerer nicht aufhalten, aber es geht darum, mit den neuen Gegebenheiten so gut wie möglich umzugehen.» Alle seien gefordert: Die Behörden müssten bei der Erdgeschossnutzung oder der Logistik ebenso flexibler werden wie die Immobilienbesitzer bei den Mietpreisen. «Früher haben die Mieten der Erdgeschosse die oberen Stöcke subventioniert, heute ist es oftmals umgekehrt.» Innenstädte würden auch in Zukunft belebt sein, sagt Schindler. «Sie bleiben ein Magnet.» Schwieriger werde es aber für Quartierzentren, die nicht alle die Zeichen der Zeit erkannt hätten.

Ähnlich sieht es der Thurgauer Regierungsrat und Volkswirtschaftsdirektor Walter Schönholzer. Er stellt sich den Kümmerer als Türöffner für Gewerbe- und Quartiervereine vor, «wobei das, was im grenznahen Kreuzlingen funktioniert, nicht unbedingt in Frauenfeld funktionieren muss.»

Natürlich müssten die Mietpreise teils runter, sagt Schönholzer. «Doch das bekämpft das Übel nicht an der Wurzel.» Ein Kümmerer muss aus Sicht des Thurgauer FDP-Politikers spüren, was es brauche, um eine Altstadt attraktiv zu machen, «von den Parkplätzen über die Strassenmusik bis hin zur Beflaggung der Fussgängerzone.»

Gefragt sei ein guter Kommunikator, der Gewerbeverbände, Kantonsregierung, Stadtrat und Händler an einen Tisch bringen könne. «In vielen Städten besteht diesbezüglich grosser Nachholbedarf.» Schönholzer findet, der Kümmerer solle auch beim Mietermix mitreden dürfen, «damit nicht plötzlich überall nur Imbissbuden stehen».

Sinnvoll? Ja, aber ...

Für den Detailhandelsexperten der Credit Suisse, Sascha Jucker, kann ein City Manager sinnvoll sein. «Denn vielerorts fehlt eine zentrale Koordinationsstelle für den Detailhandel.» Allerdings benötige ein City Manager viel diplomatisches Geschick. Denn was in der Theorie sinnvoll klinge, sei in der Praxis schwierig umzusetzen. «In der Regel sind die Händler darauf fokussiert, ihre eigenen Ziele zu verfolgen.»

Diese Skepsis kommt nicht von ungefähr. So sagt Jörg Weber, Inhaber und Gründer der Discount-Modekette Chicorée: «Es braucht keine Kümmerer, jedes Geschäft sollte sich um seine eigene Rendite kümmern.» Der freie Markt spiele und der Konsument entscheide, welcher Shop überlebe. «Das ist ein logischer Prozess, daran kann ein City Manager nichts ändern.» Dennoch ist Weber zuversichtlich: «Leerstände können auch eine Chance für neue Konzepte sein, denn die Leute wollen auch in Zukunft shoppen und flanieren.»