Unia-Präsidentin Vania Alleva sass die Krise ihrer Gewerkschaft bisher mit einem Lächeln aus. Als Aufständische aus den eigenen Reihen den 1. Mai für eine interne Protestaktion nutzten und ihren Ex-Kollegen damit die Show stahlen, machte sie gute Miene zum bösen Spiel.

SRF-Reporter der Sendung «10 vor 10» fragten sie am Tag der Arbeit, ob ihr Rücktritt ein Thema sei. Da wurde aus ihrem Lächeln ein Lachen und sie sagte: «Wir sind eine Basis-Organisation. Wenn es solche Anträge gibt, werden wir darüber diskutieren.» Die Art, wie sie es sagte, zeigte, dass sie nicht mit einem derartigen Antrag rechnet. Ende der Diskussion, hätte man meinen können.

Doch jetzt liegt ein solcher Antrag vor. Eingereicht hat ihn Alex Zeller. Er vertritt die Jugend im Zentralvorstand, dem strategischen Führungsorgan der Unia. Sein Antrag steht auf der Traktandenliste der Vorstandssitzung vom 22. Mai.

Zeller stellt zwei Forderungen auf. Er verlangt Allevas «sofortigen Rücktritt» und die Einberufung eines ausserordentlichen Kongresses, der eine neue Geschäftsleitung wählen soll.

Einige Mitglieder des Zentralvorstands hegen zwar insgeheim Sympathien für den Antrag, doch voraussichtlich wird sich in einer Abstimmung niemand offen gegen Alleva stellen.

Zellers Antrag wird seine Wirkung aber auf eine andere Weise entfalten. Bisher hat die Gewerkschaftsführung die Kritik als Medienkampagne abgetan, die von einigen frustrierten Berufsrevoluzzern aus dem Berner Oberland losgetreten worden sei. Nun muss die Geschäftsleitung bis zur Vorstandssitzung eine tiefer gehende Analyse suchen. Denn auf dem zweiseitigen Schreiben sind die internen Probleme der Unia Punkt für Punkt aufgelistet.

Der Bericht aus dem Innern der Gewerkschaft klingt dramatisch: «Die Mitgliederzahlen sinken rasant, das Personal wird krank, ist frustriert und läuft uns in Scharen davon, die internen Gremien sind angeschlagen oder funktionieren gar nicht mehr.» Die Unia laufe Gefahr, kaputtzugehen. Die Ursache dafür ist laut Zeller klar: «Die oberste Leitung hat versagt. Und zwar nicht einmal, sondern immer wieder.»

Eine Frau gegen den Macho-Muff

Nach der Machtübernahme durch Alleva habe es viel Hoffnung in der Unia gegeben, schreibt Zeller. Hoffnung auf «eine starke Frau an der Spitze, welche den Macho-Muff der alten Gewerkschaften» wegblase und die Unia in eine demokratische, von den Mitgliedern bestimmte Bewegung umwandle. Doch es sei anders gekommen.

Die Aufarbeitung der Missstände beginnt Zeller mit dem Fall Roman Burger, dem Zürcher Regionalleiter, der zwei Mitarbeiterinnen zu nahe gekommen war: «Es wurde probiert, Burger unter allen Umständen zu halten, und die Opfer und ihre Verteidigerinnen wurden aus der Unia gedrängt.» Danach sei Besserung versprochen worden.

Doch das Gegenteil sei passiert: «Im Aargau wurde mit brutalen Methoden gegen Angestellte und die Mitglieder vorgegangen.» Und wieder sei Besserung versprochen worden. Doch als sich im Berner Oberland «ein neuer Fall Burger» ereignete, sei nichts davon zu spüren gewesen.

Unia-Vorstand Zeller schreibt: «Es brennt überall in der Unia. Die Mitglieder stimmen mit den Füssen ab und verlassen die Unia.» Jene, die aus Idealismus bleiben, müssten schlechte Arbeitsbedingungen akzeptieren. Was die Unia bei Unternehmen anprangert, praktiziert sie gemäss dem Bericht selber: Der Kündigungsschutz werde aufgeweicht, die Sozialleistungen würden gekürzt und Spesen seien von der Willkür der Vorgesetzten abhängig.

Gleichzeitig werde von den Unia-Mitarbeitern eine höhere Leistung verlangt. Der Druck steige, neue Mitglieder zu gewinnen. Deshalb häuften sich die Krankheitsfälle in der Unia. Sie haben ein Ausmass erreicht, das die Krankentaggeldversicherung nicht mehr akzeptierte. Sie erhöhte die Prämien, was sich negativ auf die Lohnabrechnungen der Unia-Mitarbeiter auswirkt.

«Der Fisch stinkt vom Kopf»

Aus Zellers Sicht ist klar, wer die Verantwortung für die Probleme trägt: «Nicht die vielen Sekretäre, welche schuften, bis sie krank werden, und nicht die Ehrenamtlichen, welche ihre Freizeit und ihre Energie für die Unia opfern, viele seit Jahrzehnten.» Der Fisch stinke vom Kopf, von ganz oben: «Die Präsidentin hat all diese Entscheide selber gefällt, die Geschäftsleitung hat sie abgenickt und dann wurden sie durch alle Gremien durchgeprügelt.»

Andere Zentralvorstandsmitglieder teilen die Problemanalyse, aber nicht den Frontalangriff auf die Präsidentin. Alleva geniesst Rückhalt, doch sie steht vor einer unangenehmen Sitzung. Über ihren Sprecher lässt sie ausrichten, sie wolle der Diskussion nicht vorgreifen und derzeit nicht öffentlich Stellung nehmen.