Vor sieben Jahren trat Philipp Hildebrand bei der Nationalbank zurück, nachdem umstrittene Dollar-Transaktionen publik geworden waren. Seither ist er Vizepräsident beim amerikanischen Vermögensverwalter Blackrock. Mehrheitlich hält er sich in London auf, doch er ist oft auch in Zürich anzutreffen.

Die Wirtschaft kühlt sich ab. Sollte es zu einer Rezession kommen, könnte die Schweiz mit ihren Negativzinsen überhaupt reagieren?

Philipp Hildebrand: Eine Rezession ist derzeit unwahrscheinlich. Was wir gerade erleben, ist vielmehr eine globale Abschwächung, die synchron verläuft. Das birgt gewisse Risiken. Es gilt zu verhindern, dass nun zusätzliche Schocks hinzukommen, die den Abschwung – der nach einer so langen Phase des Aufschwungs normal ist – beschleunigen könnten.

An welche Schocks denken Sie?

Ich denke da an einen ungeordneten Brexit und vor allem an den Handelsstreit zwischen China und den USA. Theoretisch wären auch wirtschaftspolitische Fehler einzelner Staaten denkbar. Alles, was die einsetzende Abschwächung beschleunigen würde, wäre sehr gefährlich.

Was passiert, wenn der Brexit oder der Handelsstreit aus dem Ruder läuft?

Dann wären die Reaktionsmöglichkeiten in der Tat sehr begrenzt. Das gilt nicht nur für die Geldpolitik der Zentralbanken und für die Steuerpolitik, sondern auch für die Banken. Sämtliche Instrumente, die eingesetzt wurden, um auf die Finanzkrise zu reagieren, sind heute gar nicht oder nur sehr limitiert verfügbar. Einzig die US-Notenbank Fed hat einen gewissen Spielraum, um die Zinsen wieder zu senken – sonst niemand. Die Banken kann der Staat auch nicht mehr retten, so wie das nach der letzten Krise geschah. Das ist mittlerweile in Europa illegal.

Dann kann man nur beten, dass es nicht zu einer Rezession kommt!

Beten kann man immer. Wichtiger ist es, dass man alles tut, um grobe Fehler zu verhindern. Die Politik steht in der Verantwortung.

In der Schweiz fürchten sich die Exportindustrie und die Tourismusbranche vor einer Aufwertung des Frankens.

Es wäre aus Schweizer Sicht sehr unangenehm, wenn die Normalisierung der Geldpolitik in Europa nicht stattfinden würde. Das würde unseren Spielraum weiter einengen. Wir können nur hoffen, dass die Europäische Zentralbank (EZB) den ersten angekündigten Schritt hin zu einer Normalisierung tatsächlich auch gehen kann. Unangenehm für die Schweiz wäre, wenn die EZB dies verschiebt oder die expansive Geldpolitik gar wieder ausweitet.

Sie sind seit fünf Jahren selber im Tourismusgeschäft tätig – als Teilhaber des Berner Oberländer Naturparks Blausee. Da erleben Sie den starken Franken als Unternehmer …

Die Währung ist immer nur ein Faktor. An einer Normalisierung der Geldpolitik haben alle Seiten alles Interesse. Ebenso an geordneten Handelsverhältnissen.

Glauben Sie, dass sich China und die USA im Handelskonflikt finden werden – oder kommt es zu einer Eskalation?

Die Handelsdimension des Konfliktes der beiden Länder ist nur die Spitze des Eisbergs. Das wirkliche Thema ist die komplette Neuorientierung der Beziehung zwischen den USA und China. Dabei geht es um die Vorherrschaft in der Digitalisierung, wozu etwa auch die künstliche Intelligenz gehört.

Dieser Konflikt wird auch bleiben, wenn Trump dereinst nicht mehr Präsident ist.

Der Konflikt wird nicht verschwinden. Es ist ein historischer Einschnitt: Der Konsens zwischen den beiden Ländern, der seinen Anfang mit dem Besuch 1973 von Präsident Richard Nixon in Peking begann, ist gebrochen. Eine enorme Veränderung: Nach fünf Jahrzehnten strategischer Kooperation geht es nun in Richtung eines strategischen Wettbewerbs oder gar einer Konfrontation.

Ein schwer abschätzbares Risiko.

Absolut – wahrscheinlich das grösste Risiko für die Weltwirtschaft in den nächsten Jahren. Die Neupositionierung der USA gegenüber China ist in den USA vielleicht das einzige Thema, wo über beide politischen Lager hinweg Einigkeit herrscht. Der Präsident hat zwar sehr stark den Handelskonflikt im Kopf, doch die Neuorientierung der Beziehungen zu China geht tiefer. Das wird uns noch lange beschäftigen.

Erleben wir die Anfänge eines neuen Kalten Kriegs – diesmal zwischen den USA und China?

Es gibt hier durchaus Parallelen. Doch es ist bislang ein «Great Power Conflict», den man managen kann. Man kann vermeiden, dass der Konflikt eskaliert. Es wird Schritte von beiden Seiten brauchen.

Ist es aus europäischer Sicht ebenfalls zu begrüssen, dass die Amerikaner den Chinesen neuerdings die Stirn bieten?

Die wahre Herausforderung von Europa ist es, nicht zu einer digitalen Kolonie der USA oder Chinas zu werden. Ein ähnliches Problem hat Europa bei der Sicherheitspolitik oder der Finanzinfrastruktur. Diese Abhängigkeit ist aus europäischer Sicht problematisch. Heute ist Europa im technologischen Bereich entweder abhängig von den grossen amerikanischen oder den chinesischen Technologieunternehmen. Das kanns langfristig nicht sein.

Wie kann es gelingen, dass Europa in wichtigen Industrien wieder führend wird?

Es braucht einen gemeinsamen Effort, gerade auch in der digitalen Forschung. Punktuell sind wir bereits sehr stark. Nehmen Sie etwa das Labor für künstliche Intelligenz der EPFL Lausanne als Beispiel. Da gibt es zahlreiche weitere in Europa. Dennoch ist es nicht gelungen, eine europaweite Infrastruktur aufzubauen. Wenn Europa an ein china- oder Amerika-orientiertes System angedockt ist, bedeutet das eine enorme Schwächung für diesen Kontinent. Das lässt sich nicht in wenigen Jahren ändern, das ist eine Generationen-Herausforderung.

Und dies in einem Umfeld, in dem Europa eher auseinanderdriftet als zusammenarbeitet.

Ich würde nicht so weit gehen. Es gibt immer noch viele Gründe, zusammenzuarbeiten.

Zumindest Grossbritannien verlässt die EU. Was würde ein Brexit ohne Austritts-Deal für Ihren Arbeitgeber Blackrock oder Sie persönlich bedeuten? Sie arbeiten ja in London.

Als Firma ist Blackrock gut aufgestellt, weil wir in verschiedenen europäischen Ländern Gesellschaften haben. Sämtliche unserer Produkte sind in Europa registriert, wir können überall auf dem Kontinent tätig sein. Im Extremfall können wir Mitarbeiter innerhalb Europas verschieben. Insgesamt wäre es natürlich eine mühselige Übung, auf einen ungeordneten Brexit zu reagieren.

Sollten Sie keine Arbeitsbewilligung in London mehr erhalten, könnten Sie auf einen der freiwerdenden Posten in der Schweiz aspirieren: Das UBS-Präsidium oder die Nachfolge von Klaus Schwab am WEF.

(Lacht) Ich bin sehr zufrieden bei Blackrock, die Frage stellt sich nicht.

Der Schweizer Finanzplatz schrumpft. UBS-Chef Sergio Ermotti hat gesagt, in zehn Jahren gebe es rund einen Viertel weniger Jobs in der Branche. Wie sehen Sie das?

Ich wäre mit solchen Prognosen immer vorsichtig. Fakt ist, die Schweiz steht wirtschaftlich gesehen so gut da wie noch nie. Wenn ich alle diese Diskussionen höre, dann könnte man meinen, wir seien in einem grossen, schwarzen Loch. Die Realität ist eine andere. Kein Land hat die Finanzkrise so gut überstanden wie die Schweiz. Vielleicht noch Kanada, doch das Land war weit weg. Wir waren mitten im Sturm. Dank der Flexibilität der Wirtschaft, dank der Stabilisierung des Finanzsystems und der Geldpolitik haben wir die Krise gut gemeistert. Den Teufel an die Wand zu malen, ist Unsinn.

Tatsache aber ist, dass der Finanzplatz schrumpft und Jobs verliert.

Das ist so. Aber andere Branchen wachsen. So funktioniert eine Marktwirtschaft. Unter dem Strich entwickelt sich die Schweizer Volkswirtschaft hervorragend.

Da kann es uns egal sein, wenn die Banken stagnieren?

Sie müssen sich letztlich neu erfinden. Die Schweiz kann aufgrund ihrer starken Vernetzung den Druck, der von aussen kommt, nicht verhindern. Doch das ist nichts Neues – unser Land hat sich in der Vergangenheit immer sehr gut und schnell angepasst. Ich bin zuversichtlich, dass dies auch dem Finanzplatz gelingt. Er ist ja schon daran, sich neu zu positionieren: Obwohl das Bankgeheimnis weggefallen ist, geht es der Branche gar nicht so schlecht. Auf äussere Entwicklungen können wir mit Innovationen reagieren.

Gerade die Grossbanken optimieren einfach die Vermögensverwaltung. Viel Neues sieht man da nicht.

Das kann ich von aussen nur schwer beurteilen. Wenn ich sehe, wie aggressiv UBS und CS ihre Bilanzen abgebaut haben, dann ist sehr viel geschehen. Oder schauen Sie sich die Privatbanken an: Die waren total am Pranger, das Geschäftsmodell wurde infrage gestellt – und doch haben sie einen Weg aus dieser Misere gefunden. Heute haben Sie ihre Profitabilität wieder hergestellt.

UBS und CS gehörten früher zu den weltweit wertvollsten Banken, gemessen am Börsenwert – doch inzwischen wurden sie von den amerikanischen Banken abgehängt.

Es bringt nichts, den US-Banken nachzurennen. Wir sollten uns auf unsere eigenen Stärken konzentrieren: auf die grenzüberschreitende, steuerkonforme Vermögensverwaltung. Hinzu kommt die Unternehmensfinanzierung, was die hiesigen Banken auch gut machen. Man sollte auf keinen Fall den Fehler wiederholen, erneut den US-Investmentbanken nachzueifern.

Sind die Grossbanken, nachdem sie ihre Bilanzen mehr als halbiert haben, im Fall eines Scheiterns immer noch so gefährlich? Oder ist die Problematik des Too-big-to-fail gelöst?

Die Grossbanken haben viel Arbeit geleistet und grosse Fortschritte gemacht. Die Anpassung des Geschäftsmodells ist allerdings noch nicht abgeschlossen. Ich bin überzeugt, dass sich die Banken in fünf bis zehn Jahren noch stärker auf das Kerngeschäft der Vermögensverwaltung und der Firmenfinanzierung konzentrieren werden.