In der Forschungslandschaft Schweiz spielt die Privatwirtschaft traditionell die erste Geige. Doch in den vergangenen Jahren hat sie im Vergleich zu den Hochschulen sichtlich an Bedeutung verloren. Zuletzt war sie sogar in absoluten Zahlen rückläufig. Dies zeigt die dreijährliche Erhebung des Bundesamtes für Statistik, die gestern in Bern vorgestellt wurde. Rudolf Minsch, Chefökonom des Wirtschaftsdachverbandes Economiesuisse bezeichnet die Entwicklung zwar nicht als alarmierend, dennoch spricht er von einem «Warnsignal». Eine leistungsfähige Forschung schaffe langfristig industrielle Wertschöpfung und Arbeitsplätze und bilde deshalb die Basis für den künftigen Wohlstand im Land, sagt er.

Noch steht die Schweiz als Forschungsstandort aber gut da. 22,6 Milliarden Franken betrug 2017 der Gesamtetat, der zu 69 Prozent von der Privatwirtschaft und 31 Prozent von den Hochschulen und vom Bund getragen wird. Das entspricht einem Anteil von 3,4 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung in der Schweiz – ein internationaler Spitzenwert.

Negative Forschungs-Handelsbilanz

Hinzu kommen Forschungsleistungen im Wert von 8,8 Milliarden Franken, wie sie allen voran die Pharmaindustrie bei externen Partnern im Ausland und im Inland zukauft. Allerdings ist die Handelsbilanz der Schweiz in puncto Forschung deutlich negativ. Während die hiesigen Akteure für Forschung im Ausland 7,3 Milliarden Franken aufwenden, fliessen den inländischen Anbietern lediglich 1,5 Milliarden Franken zu. Die Statistik hat sich in den vergangenen Jahren deutlich zuungunsten der Schweiz entwickelt. Eine Verlagerung der Forschungsschwerpunkte von Schweizer Unternehmen lasse sich deshalb aber noch nicht abschliessend feststellen, schreibt das Bundesamt unter Verweis auf Sondereffekte.

Unverkennbar sei indessen die Tendenz der Firmen, mehr Forschung auszulagern beziehungsweise ausserhalb der eigenen Mauern durchführen zu lassen, sagt Minsch. Als gutes Zeichen lässt sich die kräftige Zunahme der in der Schweiz vereinnahm- ten externen Forschungsaufwendungen um mehr als 100 Prozent werten, wie sie zwischen 2015 und 2017 zu beobachten war. Dennoch wertet Minsch den Statusbericht des Statistikamts zum Forschungsstandort Schweiz nur «verhalten positiv». Er führt die Zurückhaltung der Privatwirtschaft auf ungeklärte Rahmenbedingungen wie die Personenfreizügigkeit und das generelle Verhältnis der Schweiz zur EU zurück.

Ein Element der Verlagerung könnte aber auch der Strukturwandel in der Wirtschaft sein. Während der Forschungsaufwand in der Pharmaindustrie seit dem Jahr 2000 von 1,8 Milliarden auf 5,6 Milliarden Franken hochgeschnellt ist und inzwischen mehr als ein Drittel des Forschungsetats der Privatwirtschaft repräsentiert, ist er in der klassischen Maschinen- und Elektroindustrie von 2 Milliarden Franken (Anteil 25 Prozent) auf 1,6 Milliarden Franken (10 Prozent) zusammengeschmolzen. Dahinter verbirgt sich die Schliessung oder Redimensionierung der Konzernforschungsabteilungen ehemaliger Grosskonzerne wie Sulzer oder Alusuisse.

Wird ABB-Forschung verlagert?

Auch die ABB hat mit dem Verkauf des Kraftwerkgeschäftes an Alstom vor 20 Jahren einen Aderlass in der Forschung erlebt. Mit dem im Dezember angekündigten Verkauf des Stromübertragungsgeschäftes an Hitachi könnte sich dieser Trend in den nächsten Jahren fortsetzen. Claes Rytoft, der bis 2015 die ABB-Forschung leitete, glaubt, dass die Japaner ihre Forschungsaktivitäten in der Stromübertragung aus dem ABB-Labor im aargauischen Dättwil abziehen könnten, wenn sie anderweitig eigene Kapazitäten besitzen. Die Stromübertragung repräsentiert einen bedeutenden Teil der Forschungsaktivitäten in Dättwil, wo rund 200 Forscher aus mehreren Dutzend Ländern tätig sind.

Auch die angekündigte Dezentralisierung des Konzerns könnte die ABB-Konzernforschung grundlegend verändern. Allerdings war diese von der letzten Dezentralisierungswelle in den 1990er-Jahren unter Percy Barnevik weitgehend verschont geblieben. Rytoft hält es dennoch für möglich, dass auch die ABB-Forscher dereinst gezwungen sein könnten, ihre Leistungen teilweise auf dem freien Markt anzubieten. Das IBM-Forschungslabor in Rüschlikon betreibt diese Politik seit Jahren mit beachtlichem Erfolg. Rytoft weiss, dass der Nutzen einer Konzernforschung in Zeiten des Spardruckes immer wieder infrage gestellt wird; zu Unrecht, wie er meint. Schliesslich seien die ersten ABB-Roboter genauso wie das auch kommerziell überaus erfolgreiche Selbstblas-Prinzip für Hochspannungsschalter bahnbrechende Erfindungen der Konzernforschung.