Der Börse hat das Menü nicht geschmeckt: Nach hektischem Auf und Ab verlor die Aktie gestern der Credit Suisse (CS) 3,6 Prozent. Als der Präsident des Verwaltungsrats (VR), Urs Rohner, im Frühjahr bekannt gegeben hatte, CEO Brady Dougan zu verabschieden und den Versicherungsmanager Tidjane Thiam zum Nachfolger zu küren, stieg der Kurs um satte acht Prozent. 

Den Antrittsbonus ist also weg. Der Umbau der Credit Suisse (CS) wird für den gebürtigen Ivorer kein Spaziergang. Erwartungsgemäss verabschiedet sich er sich von der alten CS. Sie soll neu – wie die UBS – ein führender Vermögensverwalter mit Investmentbank-Kapazitäten sein. Das globale Geschäft mit dem Wertschriftenhandel und der Beratung und Finanzierung von Firmenfusionen und -übernahmen wird eingedampft. Das sind die gewichtigsten Änderungen, die Thiam gestern präsentiert hat:

1. Die Schweizer Überraschung

20 bis 30 Prozent der Credit Suisse (Schweiz) AG kommt voraussichtlich Ende 2017 an die Börse. Das soll das Eigenkapital der Grossbank um zwei bis vier Milliarden Franken stärken. Die Einheit verwaltet die Vermögen von in der Schweiz lebenden Reichen sowie das hiesige, ertragsreiche Retailgeschäft mit Privat- und Firmenkunden. Dazu zählt auch die Neue Aargauer Bank (NAB). Die inländische Universalbank erwirtschaftete 2014 rund einen Viertel des Vorsteuergewinns der Grossbank. Thiam setzt der Einheit ein sehr ehrgeiziges Ziel, wie ein Beobachter kommentieren: Der Vorsteuergewinn soll bis 2018 von 1,6 auf 2,3 Milliarden gesteigert werden. Möglich machen soll dies unter anderem ein Abbau von 1600 Stellen. Das sind fast zehn Prozent der 17 000 Mitarbeiter in der Schweiz.

CS GROUP

Starker Neugeldzufluss Die Credit Suisse (CS) erzielte auch im dritten Quartal einen Gewinn von 779 Millionen Franken. Im Vorjahresquartal belief sich der Gewinn auf eine Milliarde. Sowohl im Vermögensverwaltungsgeschäft wie auch im Investmentbanking seien die Ergebnisse durch geringe Kundenaktivitäten und ungünstige Marktbedingungen beeinträchtigt gewesen, schrieb die CS in der Mitteilung vom gestern. Die Netto-Neugeldzuflüsse bezeichnet die Bank mit 16,4 Mrd. Franken als stark. (SDA)

2. Der neue Schweiz-Chef

CS-CEO über Stellenabbau: «Wir machen das nicht gern – aber es ist ein sehr vernünftiger Plan»

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Führen soll die hiesige Bank Thomas Gottstein. Für den Umbau steht ihm in den nächsten Monaten noch sein Vorgänger, Hans-Ulrich Meister, an der Seite. Er war als Mitglied der Konzernleitung Co-Chef der Vermögensverwaltung, also des prestigereichen Private Bankings. Meister hat den Investmentbanker Gottstein vor knapp zwei Jahren zum Chef des Geschäfts mit sehr vermögenden Kunden gemacht. Nun steigt Gottstein an die Spitze der Schweizer Bank auf. Gelungen sei ihm dies, wie Kritiker monieren, weil Meister viele Top-Leute vergrault habe.

3. Die Kapitalerhöhung

Im dritten Quartal erodierte die dünne Kapitalbasis der CS erneut: Noch auf 10,2 Prozent der risikogewichteten Aktiven belief sich das harte Kernkapital. Das liegt gerade noch knapp über der Mindestanforderung von zehn Prozent. Die «Leverage Ratio», vereinfacht gesagt, der Anteil des harten Eigenkapitals an der Bilanzsumme lag ebenfalls unter den gestern vom Bund noch verschärften Anforderungen (siehe links). Nun will Thiam frisches Kapital in der Höhe von 6,05 Milliarden Franken einsammeln und damit das harte Kernkapital auf 13 Prozent erhöhen. Davon steuern 1,35 Milliarden aktuelle und neue Grossinvestoren bei. Sie wollen anonym bleiben. Anzunehmen ist, dass die zwei grössten Aktionäre, die saudi-arabische Familie Olayan und der Staatsfonds von Katar, sich an dieser Kapitalerhöhung beteiligen werden. Sie kontrollieren heute rund 12 Prozent der Bank.

4. Abschied vom alten Geschäftsmodell

CS-CEO Tidjane Thiam zur Kapitalstrategie: «4,7 Milliarden wird den Markt überraschen»

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Unter Brady Dougan gab es zwei Geschäftsbereiche: das Investmentbanking und das Geschäft mit der Vermögensverwaltung. Ihm zugeordnet war auch das Schweizer Retail- und Firmenkundengeschäft. Das wird nun total anders: Die CS soll keine integrierte Bank mehr sein. Das Investmentbanking wird erwartungsgemäss weiter redimensioniert und soll voll auf die Bedürfnisse vermögender Kunden ausgerichtete werden. Sprich: Sie unterstützt reiche Unternehmer beispielsweise bei der Finanzierung einer Übernahme oder bei einem Börsengang. Die Vermögensverwaltung steht neu auf drei Pfeilern: der Schweiz, Asien und dem Pazifikraum sowie dem Rest der Welt. Wachstum erhofft sich Thiam insbesondere in Asien. Das Geschäft mit reichen US-Amerikanern stösst Thiam an Wells Fargo ab. Es ist zu wenig profitabel.

5. Die Sparübung

Der Umbau ist in erster Linie eine gewaltige Sparübung. Um 3,5 Milliarden Franken sollen die Kosten sinken. Neben dem Stellenabbau in der Schweiz restrukturiert Thiam den Investmentbanking-Standort London. 1800 Stellen sollen in Länder mit tieferen Löhnen verlagert werden. Obendrein führt der Umbau offenbar zu einem Abschreiber auf den Aktiven der Investmentbank.

6. Vier Top-Shots müssen gehen

Nicht nur Hans-Ueli Meister fällt dem Umbau der Konzernleitung zum Opfer. Gehen muss auch Co-Vermögensverwaltungschef Robert Shafir, Investmentbanker Gael de Boissard und Marketingchefin Pamela Thomas-Graham. Neu steigt dafür Lara Warner in die oberste Führungsriege auf: Sie überwacht die Einhaltung regulatorischer Vorschriften. Damit verbleiben drei Schweizer an der Spitze: Neben Schweiz-Chef Gottstein sind das Chefjurist Romeo Cerrutti und Iqbal Khan, welcher das internationale Vermögensgeschäft verantwortet.