Innert zwölf Jahren hat sich ihre Zahl verfünffacht: Rund 5,5 Millionen Krankenversicherte in der Schweiz verfügten 2016 über ein alternatives Versicherungsmodell. Noch 2005 waren lediglich eine Million Versicherte bei solchen Modellen angeschlossen. Damit betrug der Anteil damals 17 Prozent, inzwischen liegt er bei rund 67 Prozent.

Dies zeigt eine Auswertung des Krankenversicherers Helsana, der die Prämienentwicklung in den vergangenen 20 Jahren detailliert analysiert hat. Der «Schweiz am Wochenende» liegen die Resultate exklusiv vor.

Die Prämienzahler schränken sich mit diesen Modellen in der freien Arztwahl ein. So verpflichteten sich die Versicherten etwa, sich zuerst über eine Hotline medizinisch beraten zu lassen, bevor sie zum Arzt gehen. Andere Modelle sehen vor, dass man immer zuerst zum Hausarzt oder in eine Gruppenpraxis geht. Dabei ist man an eine Ärzteliste der eigenen Krankenkasse gebunden.

Der Grund für die massive Zunahme liegt bei den ständig steigenden Prämien der vergangenen Jahre. Wer ein alternatives Modell wählt, erhält einen Rabatt von bis zu 20 Prozent. Die Helsana zieht aus den Zahlen aber auch den Schluss, dass die Versicherten mit den gewählten Modellen zufrieden seien. Denn sonst wäre eine solch lang anhaltende Zunahme nicht plausibel.

Rabatte erhalten Versicherte nicht nur dank alternativen Modellen, sondern auch durch die Wahl höherer Franchisen. Obwohl diese Gruppe tiefere Prämien zahlt, kommt es zu einer Quersubventionierung hin zu den Versicherten mit einem Standardmodell. Denn diese verursachten im Vergleich zu ihren Prämien viele höhere Kosten, sagt Wolfram Strüwe, Leiter Gesundheitspolitik bei der Helsana. So entsteht eine Unterdeckung von 1900 Franken pro Versicherten.

Im Vergleich zu 1996 entspricht diese einer Verzehnfachung. Prämienzahler mit Rabattmodellen zahlen derweil mehr Prämien, als sie Leistungen beziehen. Dies führt zu einer Überdeckung von rund 700 Franken pro Jahr. Da mittlerweile viel mehr Versicherte ein Rabattmodell abgeschlossen haben, geht die Rechnung unter dem Strich auf.

Solidarität nimmt zu

Die freie Wahl der Versicherungsmodelle führt auch bei den einzelnen Altersklassen zu grossen Unterschieden der Prämienbelastung. So bezahlt die älteste Gruppe der über 100-Jährigen im Schnitt 50 Prozent höhere Prämien als die Altersklasse der 26- bis 30-Jährigen. Zwischen 2011 und 2016 stieg die Differenz von 1500 auf 1750 Franken.

Den Grund für die höhere Prämienbelastung der älteren Bevölkerung sieht Strüwe vor allem in einer anderen Beurteilung der Krankheitsrisiken. «Sie wählen deshalb eher Modelle mit ordentlicher Franchise ohne die entsprechenden Rabatte.» Denn wenn es zu einer Krankheit komme, würden neben der Prämie auch die Kosten für Franchise und Selbstbehalt fällig. Dadurch falle die gesamte finanzielle Belastung im Vergleich zu den Jüngeren deutlich höher aus, sagt Strüwe.

Gäbe es in der Schweiz keine Rabattmodelle, würden die jüngeren Erwachsenen durch höhere Prämien belastet, während die ältere Bevölkerung bis zu 1300 Franken pro Jahr entlastet würde, sagt Strüwe. Ähnliche Folgen hätte auch ein Vorschlag des Bundesrats gehabt. Dieser wollte die Rabatte bei den hohen Franchisen kürzen. Das Parlament hat jedoch dieses Vorhaben zu Fall gebracht.

Strüwe kommt aufgrund des Reports zum Schluss: «Die Solidarität zwischen Kranken und Gesunden nimmt zu, weil immer mehr Versicherte sich für ein Rabattmodell entscheiden.» Das System komme nun aber zunehmend an seine Grenzen. Da es bei den Rabatten eine absolute Obergrenze in Franken gebe, werde die prozentuale Vergünstigung aufgrund der steigenden Prämien kleiner. Eine Lösung für dieses Problem habe die Helsana nicht zur Hand, gesteht Strüwe ein. Mit dem Report wolle man das Problem aufzeigen und eine Diskussion anstossen.

Zürich mit der Giesskanne

Pikant ist die Entwicklung bei den Prämienverbilligungen, die gemeinsam von Bund und Kantonen ausbezahlt werden. So ist der Anteil der Kantone zwischen 2010 und 2016 von 50 auf 42,5 Prozent gesunken. Verschiedene Kantone wie etwa Bern, Nidwalden, Uri, Luzern oder Thurgau haben ihre Beiträge reduziert.

Dennoch ist das Gesamtvolumen der Prämienverbilligungen um 8 Prozent auf 4,3 Milliarden gestiegen. Da aber die Prämien insgesamt viel stärker gestiegen sind, ist der Anteil der Verbilligung zwischen dem Jahr 2000 und 2015 von knapp 20 auf 15 Prozent gesunken.

Da die Kantone weitgehend selber regeln, wie sie die Prämienverbilligungen ausgestalten, sind auch die Unterschiede entsprechend gross. Auf den ersten Blick erscheinen die Kantone Baselland, Glarus, Nidwalden, Wallis und Schwyz als besonders knausrig.

Sowohl die Höhe der Verbilligung als auch die Zahl der Bezüger ist vergleichsweise klein. Während Basel-Stadt die höchsten Beiträge auszahlt, kommen in den Kantonen Zürich und Schaffhausen am meisten Prämienzahler in den Genuss von Vergünstigungen – dies gemessen am gesamten Versicherungsbestand.

Helsana hat zudem analysiert, wie sehr die Verbilligung die Prämienzahler pro Kanton entlastet. So deckt beim Spitzenreiter Appenzell Ausserrhoden der Zustupf des Kantons knapp 80 Prozent der geschuldeten Prämie. Beim Schlusslicht Zürich beträgt der Deckungsgrad weniger als 50 Prozent.

Wird auch diese Betrachtung miteinbezogen, so betreibt Zürich am ehesten eine Giessenkannenpolitik, kommt die Krankenkasse zum Schluss. Zwar erhaltene viele Personen eine Verbilligung. Der Anteil der Prämie, den sie damit decken können, ist aber vergleichsweise bescheiden.

Am gezieltesten setzen so gesehen die Kantone Appenzell Ausserrhoden, Wallis und Schwyz ihre Prämienverbilligungen ein. Allerdings sind insbesondere bei Appenzell Ausserrhoden und Schwyz die Prämien im schweizerischen Vergleich tief.