Spannungen im Nacken, ein Zwicken im Rücken, Schmerzen in der Kniebeuge: Das Leiden anderer Leute ist das Geschäft des Ehepaars Christoph (33) und Martina Landolt (34). Und das Geschäft mit den körperlichen Gebrechen brummt. Ihre Kette «Physiozentrum» bringt es bereits auf elf Standorte. Ihr Unternehmen hat sich innert kürzester Zeit zur grössten reinen Physio-Kette im Land entwickelt. Für dieses Jahr sind mindestens sechs weitere Geschäfte geplant. Langfristig sieht das junge Paar ein Potenzial von rund 30 Filialen.

Dabei hat alles erst vor ein paar Jahren begonnen: 2010 eröffnet Martina Landolt mit einer Kollegin einen acht Quadratmeter grossen Physiotherapie-Raum in Uster ZH. Ihr Ehemann Christoph ist zu dieser Zeit noch als Journalist tätig, zuerst beim «TagesAnzeiger», dann bei der «Weltwoche». Im Zuge einer Recherche macht er Bekanntschaft mit Christoph und Sara Hürlimann, den Gründern von «Zahnarztzentrum.ch», dem grössten Dentalmedizin-Anbieter der Schweiz mit 33 Filialen. Ihnen erzählt Landolt vom Traum seiner Frau und ihm, eine Physiotherapie-Kette aufzuziehen.

Martina und Christoph Landolt.

Martina und Christoph Landolt.

70 neue Stellen geplant

Und dann geht es plötzlich schnell: Die Hürlimanns sind von der Idee begeistert. Zusammen mit den Landolts gründen sie 2011 die Physiozentrum AG, an der sie zu je 50 Prozent beteiligt sind. «Sie verschafften uns Zugang zum nötigen Startkapital», sagt Landolt. Von da an geht es Schlag auf Schlag, eine Neueröffnung folgt auf die nächste. Stets an zentralen Lagen wie dem Zürcher Bahnhofplatz, wo die Landolts ihr grösstes Zentrum mit rund 700 Quadratmetern betreiben.

Inzwischen wird die Expansion von den Banken finanziert. «Sie werfen uns das Geld praktisch hinterher», sagt Landolt. Alle Filialen seien profitabel, und der Gesamtumsatz betrage knapp 16 Millionen Franken. Gleichzeitig betont Landolt, dass es gelte, das starke Wachstum bewältigen zu können. Eine Expansion nach Deutschland oder in die Westschweiz sei kein Thema. «Wir sind jetzt schon ständig in der ganzen Deutschschweiz unterwegs, um die bestehenden Filialen zu besuchen und neue Standorte zu evaluieren.»

Die grösste Herausforderung sei die Suche nach Personal, sagt Landolt. Ein Vorteil sei aber das Umsatzmodell, das die Firma Angestellten anbiete. In Zürich zum Beispiel erhalte eine neu ausgebildete Physiotherapeutin im ersten Monat einen Fixlohn von 6500 Franken. Danach sinkt er, doch erhalten die Angestellten eine Beteiligung am Therapiepreis, wodurch sie ihren Lohn steigern können. «Wir setzen auf unternehmerische Mitverantwortung», sagt Landolt. So könnten die Angestellten bis zu 8000 Franken monatlich verdienen.

Inzwischen arbeiten 130 Personen für «Physiozentrum», 70 weitere kommen bis Ende Jahr hinzu. Jeder zehnte Absolvent des Physiotherapie-Lehrgangs an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften heuert beim Jungunternehmen an. Doch das reicht nicht. Der hiesige Markt ist ausgetrocknet. Deshalb stammt die Hälfte von Landolts Therapeuten und medizinischen Masseuren aus Deutschland und Österreich.

Kritik an Konkurrenz

Und was machen die Landolts besser als die Konkurrenz? «Wir sind vor allem moderner im Auftritt und flexibler, was die Öffnungszeiten anbelangt», sagt der gebürtige Rorschacher. Modern heisst: Die Firma hat eine Website, auf der Terminbuchungen online gemacht werden können, und je nach Standort bis 20.30 Uhr geöffnet. Ausserdem hat jedes Zentrum Empfangspersonal, das die Administration übernimmt. Damit könne man pro Tag und Therapeut zwei zusätzliche Patienten empfangen.

Viele Konkurrenten würden ob des rasanten Wachstums von «Physiozentrum» die Nase rümpfen, sagt Landolt. «Wir kommen halt frisch daher und haben einen mit modernsten Geräten ausgestatteten Trainingsraum, während es bei vielen Physiotherapeuten immer noch so wie in den 70er-Jahren aussieht, mit vergilbten Vorhängen statt separaten Zimmern.»

Pro Standort investieren die Landolts rund eine Million Franken. Ein Ende des Physio-Booms sieht Landolt derzeit nicht. «Die meisten Menschen werden auch noch in zehn Jahren den ganzen Tag am Computer arbeiten, die Bewegung kommt zu kurz.» Inzwischen haben die Landolts das Angebot ausgeweitet, unter anderem mit Kiefer-Therapien für Menschen, die mit den Zähnen knirschen, und mit Beckenbodentherapien gegen Inkontinenz sowie für ein besseres Sexualleben.

Beim Branchenverband Physioswiss will man den neuen Marktführer nicht kritisieren. Dass auch in der Physiotherapie nun Ketten entstehen, wie schon bei den Zahn- und Hausärzten, sei nicht verwunderlich. Insbesondere in der Administration könnten so Kosten gespart werden, sagt Verbandschefin Pia Fankhauser. Aber: «Physiozentrum ist vor allem an stark frequentierten Orten in grösseren Städten präsent. Dabei darf man nicht vergessen, dass es auch die kleinen Anbieter in der Peripherie braucht, die zum Teil auch Hausbesuche machen bei Menschen, die nicht mehr mobil sind.» Diese Arbeit möge nicht ganz so profitabel wie ein modernes Zentrum sein, sagt Fankhauser. «Aber dort geschieht die Grundversorgung, ohne die Kleinen ginge es nicht.»

Verdoppelung der Kosten

Auch Fankhauser glaubt, dass der Markt weiter wachsen wird. Seit 2018 zählt der Verband erstmals mehr als 10 000 Mitglieder – fast doppelt so viele wie vor 20 Jahren. Vermehrt suchten Patienten von sich aus direkt einen Physiotherapeuten auf, ohne zuerst die Verordnung beim Hausarzt zu holen, sagt Fankhauser. Mit Verordnung jedoch geht das Wachstum auf Kosten der Allgemeinheit, da die Grundversicherung die Kosten übernimmt.

Tatsächlich haben sich diese in den letzten 20 Jahren ebenfalls verdoppelt. Der Verband weist darauf hin, dass die Gesamtkosten der ambulanten Behandlungen allerdings noch stärker gestiegen sind. Das Wachstum habe mit der Demografie zu tun und mit der Verlagerung von stationären zu ambulanten Behandlungen, sagt Fankhauser. «Die Menschen werden älter, bleiben länger daheim und wollen gesund und schmerzlos leben.»