An den internationalen Finanzmärkten wächst die Nervosität. Rund um die Welt geraten Währungen grosser Schwellenländer unter zunehmenden Abwertungsdruck. Amerikanische, europäische, aber auch lokale Investoren, die es im Lauf der vergangenen zwei Dekaden zu Wohlstand gebracht haben, verschieben ihr Kapital aus Ländern wie Argentinien, Brasilien, Türkei oder auch aus Indien, Indonesien oder Südafrika in andere Regionen mit wirtschaftlich besseren Perspektiven.

Meistens wird das Geld in Dollar umgetauscht, wie die Entwicklung der Wechselkurse deutlich zeigt: Der argentinische Peso hat allein in den vergangenen drei Monaten mehr als 50 Prozent auf die US-Valuta verloren. Selbst die an blanke Verzweiflung grenzende Leitzinserhöhung der argentinischen Notenbank vom vergangenen Donnerstag um 15 Prozent auf 60 Prozent vermochte die Talfahrt des Peso nicht zu bremsen.

Allen Talfahrten zum Trotz: Das K-Wort bleibt tabu

Auch der Kurs der türkischen Lira kennt seit Monaten nur noch eine Richtung – abwärts. Ein Dollar kostet in der Türkei heute 45 Prozent mehr als Anfang Juni. Die Liste der Krisenherde ist schon bedenklich lang. Die indische Rupie hat über die Sommermonate mehr als 10 Prozent auf den Dollar verloren, der brasilianische Real 12 Prozent und der südafrikanische Rand 16 Prozent. Trotzdem will immer noch kaum jemand von einer glo- balen Währungskrise sprechen. Die letzte grosse Krise liegt 20 Jahre zurück. Das war die Zeit, als verschiedene aufstrebende Länder Asiens in eine tiefe Rezession stürzten.

Vergleiche mit damals seien «alarmistisch und überzogen», findet James McCormack von der Ratingagentur Fitch. Doch der Kreditanalyst warnt schon im nächsten Satz: Genauso verfehlt ist es, nur darauf zu zählen, dass die Schuldensituation der Schwellenländer heute besser und ihre gesamtwirtschaftliche Lage robuster ist als vor 20 Jahren.

Das Risiko, dass sich die Krise in den Schwellenländern zu einer Gefahr für die Weltwirtschaft auswachsen könnte, ist schwer zu fassen. Doch die Situation wird laufend ungemütlicher. «Die Mehrzahl der Ökonomen – auch ich selber – haben das Risiko von Rückschlägen in den Schwellenländern unterschätzt», sagt Credit-Suisse-Chefökonom Oliver Adler. Eine Krise wie jene der Jahre 1997/1998 hält er allerdings nach wie vor für unwahrscheinlich.

In der Tat stehen die meisten Schwellenländer im Vergleich zur Asienkrise heute deutlich besser da. Mit den teilweise spektakulären Fortschritten im Güterexport haben sich die Leistungsbilanzen verbessert. Vielerorts schwanken die Wechselkurse inzwischen frei und halten die internationale Wettbewerbsposition der Länder im Lot. Auch viele Zentralbanken haben für den Krisenfall vorgesorgt und hohe Devisenreserven angelegt.

Trotzdem ist das Schuldenproblem nicht vom Tisch. In den Schwellenländern haben sich die Schulden im Nichtbankensektor und in den privaten Haushalten in den letzten zehn Jahren verdoppelt, stellt Claudio Borio, Chefökonom der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel, fest. Ein Grossteil dieser Schulden ist in Dollar denominiert. Für diese Schuldner wird der Zinsendienst immer schwerer, je mehr die eigene Währung zum Dollar an Wert verliert.

Der zunehmende Protektionismus in den Industrieländern macht die Lage für die auf Exporteinnahmen angewiesenen Schwellenländer natürlich nicht einfacher. Borio warnt vor der Gefahr eines Teufelskreises: Höhere Zölle hätten das Potenzial, die Währungen der betroffenen Länder weiter zu schwächen, was weitere zolltechnische Schutzmassnahmen nach sich ziehen könnte, erklärte er unlängst in einem Interview.

Schlechter Zeitpunkt für Währungsturbulenzen

Die neue Währungskrise fällt just in die Zeit, in der sich die Notenbank in Amerika und bald auch in Europa auf eine Normalisierung ihrer Geldpolitik einstellen. Die US-Notenbank hat den Leitzins in den vergangenen zwei Jahren bereits auf zwei Prozent erhöht und möchte auf diesem Kurs weiterfahren. Auch Europa plant Ende Jahr einen Kurswechsel. Doch weitere Zinserhöhungen in den Industrieländern könnten die umgedrehten Kapitalströme weg von den Schwellenländern in die Industrieländer weiter ankurbeln und die Währungskrise verschärfen.

Halten die Notenbanken die Geldschleuse aber so weit offen, befeuern sie im eigenen Land die teilweise schon überhitzte Wirtschaft weiter und riskieren, dass sich, wie vor zehn Jahren, gefährliche Finanzblasen bilden. Davon könnte auch die Schweizerische Nationalbank ein Liedchen singen. Trotz des starken Wirtschaftswachstums muss sie Negativzinsen beibehalten, umso mehr als ein Euro wieder weniger als 1.13 Franken kostet.