Ich will Vollbeschäftigung», hatte Bundesrat Johann SchneiderAmmann vor einem Jahr verkündet, ehe er das Bundespräsidium übernahm. Daher gelte es, das Verhältnis zur Europäischen Union zu klären. Nun ist Doris Leuthard an der Reihe, und das EU-Dossier harrt immer noch der Klärung. Auch in Sachen Vollbeschäftigung hat sich seither nicht viel verändert. Das zeigt der gestern veröffentlichte Lagebericht zum Arbeitsmarkt des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco).

Die Winterarbeitslosen

159 372 Personen waren Ende Dezember 2016 arbeitslos gemeldet – gut 10 000 mehr als im Vormonat. Dies entspricht einer Arbeitslosenquote von 3,5 Prozent. Ebenfalls leicht zugenommen hat die Arbeitslosenquote bei den Jugendlichen und den Über-50-Jährigen. Der Anstieg sei «rein saisonal», erklärte Boris Zürcher, Leiter der Direktion für Arbeit. Verantwortlich für diese Schwankungen sind hauptsächlich das witterungsabhängige Baugewerbe sowie etwa Personalverleiher.

Über das ganze Jahr gesehen haben sich 2016 bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) insgesamt knapp 390 000 Arbeitslose gemeldet. Die durchschnittliche Arbeitslosigkeit dauerte 6,6 Monate. Im gleichen Zeitraum wurden knapp 317 000 Taggeldbezüger registriert, die im Durchschnitt rund 95 Taggelder erhielten. Gesamthaft wurden so gut 5,5 Milliarden Franken ausbezahlt.

Quote von 3,3 oder 4,6 Prozent?

Für 2016 weist das Seco eine Arbeitslosenquote von 3,3 Prozent aus (2015: 3,2 Prozent). Für deren Berechnung bezieht sich das Seco ausschliesslich auf die beim RAV registrierten Personen – eine Schweizer Sonderlösung. Würden die nicht registrierten Erwerbslosen mitberücksichtigt, wie es die global anerkannte Methode der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) vorsieht, läge die Arbeitslosenquote um rund 1,3 Prozentpunkte höher, also bei 4,6 Prozent. Direktionschef Zürcher nimmt es gleich selber vorweg: «Ein Vorwurf, der immer wieder kommt: Das Seco will das reale Ausmass der Arbeitslosigkeit schönreden.» Um sogleich zu entgegnen: Dem sei nicht so. Beide Berechnungsmethoden hätten ihre Vorteile. So stellten etwa die beim RAV gemeldeten Personen aus behördlicher Sicht das relevante Angebot an verfügbarer Arbeitskraft dar. Demgegenüber sei die Erhebung gemäss ILO umfassender und berücksichtige etwa auch Ausgesteuerte. Um sich ein adäquates Bild der Lage auf dem Arbeitsmarkt zu machen, müssten beide Kennzahlen herangezogen werden.

Sozialarbeiter statt Bauarbeiter

Für das Jahr 2016 hat das Seco ein Wirtschaftswachstum vom 1,5 Prozent errechnet – dies gegenüber 0,8 Prozent im Vorjahr. Für das laufende Jahr wird ein Wachstum von 1,8, für 2018 eines von 1,9 Prozent erwartet. Derweil setzt sich der Strukturwandel hin zur Dienstleistungsgesellschaft unvermindert fort. Allein im verarbeitenden Gewerbe gingen zwischen dem dritten Quartal 2015 und 2016 knapp 7900 Stellen verloren, 6100 waren es im Bau- und deren 3800 im Gastgewerbe. Derweil wurden im Gesundheits- und Sozialwesen knapp 17 900 neue Stellen geschaffen.

In der längerfristigen Betrachtung fällt auch die Zunahme im Bereich Erziehung und Unterricht auf: Zwischen 2008 und 2016 wurden hier über 46 000 neue Stellen besetzt, gut 33 000 waren es in der öffentlichen Verwaltung und knapp 150 000 im Gesundheits- und Sozialwesen. Gleichzeitig gingen im verarbeitenden Gewerbe über 55 000 und im Gastgewerbe über 32 000 Stellen verloren. Gesundheit, Erziehung und Verwaltung: «Das grosse Beschäftigungswachstum findet bei den staatsnahen Dienstleistungen statt», konstatiert Zürcher.

Diese Verlagerung der Arbeitsplätze hin zum Dienstleistungssektor sei ein Grund für die Widerstandsfähigkeit des Schweizer Arbeitsmarktes, so Zürcher. Ein weiterer sei die Zuwanderung, die bei Konjunkturschwankungen als «Puffer» gegen Arbeitslosigkeit fungiere: Läuft die Wirtschaft auf Hochtouren, decken Zuwanderer aus dem EU/Efta-Raum den Extrabedarf.