Heute fängt für Tausende Jugendliche in der Schweiz ein neuer Lebensabschnitt an: Sie beginnen eine Lehre. Die Jugendlichen sind in einer komfortablen Situation. Gemäss dem Lehrstellenbarometer des Bundes kommen auf 78 000 interessierte Jugendliche 81 500 Lehrstellen. Für die Lehrbetriebe ist diese Situation natürlich weniger erfreulich. Noch gibt es zwar keine verlässlichen Zahlen darüber, wie viele Lehrstellen tatsächlich unbesetzt geblieben sind. Fest steht aber: Viele Betriebe müssen ohne Lehrling auskommen.

Die Situation sei insgesamt zwar nicht dramatisch, sagt Jürg Zellweger vom Schweizerischen Arbeitgeberverband. Es gebe aber Ungleichgewichte. Besonders Mühe, geeigneten Nachwuchs zu finden, haben Baufirmen, Metzgereien und technische Betriebe – angehende Polymechaniker, Metallbauer, Gebäudetechniker oder Informatiker sind Mangelware.

Die Nachwuchsprobleme der genannten Branchen haben unterschiedliche Ursachen. Während beispielsweise der Metzgerberuf – Fleischfachmann genannt – mit einem Imageproblem zu kämpfen hat, verlieren Informatik- oder Mechanikerbetriebe potenzielle Lehrlinge oft an die Mittelschulen. «Wir haben genug Jugendliche, die sich bewerben, aber zu wenige, welche die schulischen Voraussetzungen mitbringen», sagt Roland Stoll, Leiter Berufsbildung bei Swissmechanic. Er macht dafür nicht zuletzt die Eltern verantwortlich: «Vor allem in den Städten wollen diese oft, dass ihre Kinder um jeden Preis das Gymi besuchen.» Dieses Prestigedenken sei ein Problem.

Auch Lehrer hätten Einfluss

Lucas Landolt, Geschäftsführer von Pro Lehrstelle, sieht das genauso: «Die Berufswahl wird stark von den Eltern beeinflusst.» Und Studien hätten gezeigt, dass die Wahrscheinlichkeit gross sei, dass Kinder von Akademikern ebenfalls einen akademischen Weg einschlagen würden. Ein potenzielles Problem ortet Landolt auch bei den Lehrpersonen der Oberstufe: «Die Wenigsten sind selber mal Lehrlinge gewesen und können deshalb vielleicht die Begeisterung für eine Lehre nicht so richtig vermitteln.»

Der Baumeisterverband schlägt in dieselbe Kerbe und beklagt sich, dass ein Teil der Jugendlichen, Eltern und Lehrkräfte Berührungsängste gegenüber den handwerklichen Berufen haben: «Das Klischee, man könne nur mit Anzug und Krawatte Karriere machen, ist zu weit verbreitet», sagt Sprecher Matthias Engel. Dabei habe ein Maurer grosse Karrierechancen: Er könne erst die Bauvorarbeiterschule, später die Baupolierschule absolvieren. «Das lohnt sich: Ein Polier verdient durchschnittlich 7610 Franken pro Monat», so Engel. Zudem sei der Arbeitsalltag spannender als im Büro.

Was gegen die These spricht, dass die Kinder von den Eltern in Richtung Gymi gedrängt werden: Nur 20 Prozent der Jugendlichen besuchen eine Mittelschule. Dieser Wert hat sich in den letzten Jahren nicht verändert. Was aber über die Jahre abgenommen hat, ist die Anzahl Jugendlicher: Der Kuchen, von dem sich Lehrbetriebe und Gymnasien möglichst viel abschneiden wollen, ist kleiner geworden.

Im Kampf um die besten Schulabgänger ist immer wieder von Geschenken zu hören, mit denen Firmen um die jungen Talente werben. Die Mövenpick-Tochter Marché International wirbt für angehende Systemgastronomie-Fachmänner und -Fachfrauen mit einem Smart als Dienstwagen – Versicherung und Benzin inklusive. Die Autohändlerin Franz AG offeriert angehenden Automechaniker-Lehrlingen einen Peugeot-Roller. Schaffen sie die Lehrabschlussprüfung, dürfen sie ihn behalten. Bei Swisscom wiederum warten Gratis-Sprachkurse auf die Lehrlinge. Die Branchenverbände sehen solche Antrittsgeschenke allesamt kritisch. Das sei eine wenig nachhaltige Methode zur Lösung des Problems, ist die einhellige Meinung.